Hanau ist überall

Gedenkstätte Illustration

Paris, Notre Dame: stundenlang reden die Leute darüber, tagelang besteht mein Feed in den Sozialen Netzwerken aus Spendenaufrufen, Beileidsbekundungen und traurigen Emoticons. Bei Hanau, dem bereits dritten rechtsradikalen Anschlag innerhalb weniger Monate, verstummen die meisten. Ich jedenfalls sehe niemanden. Sind es die Shisha-Bars? Sind es die Fremden, die ihr erkennt? Oder glaubt ihr an das Privileg des unpolitischen Schweigens? Hanau sind wir alle!

Die Geschehnisse in Hanau erschüttern die Republik und erreichen trotz allem wenige. Hanau ist überall. Rechtsradikale Gewalt ist tagtäglich und in unserer demokratischen Gesellschaft allgegenwärtig – leider nicht erst seit den vergangenen Tagen. Wir sind es den Opfern des Anschlags schuldig, die Grundstrukturen in Politik, Medienlandschaft und in unseren Köpfen aufzubrechen. 

Es ist beleidigend und beinahe ironisch, wenn dem türkischen Präsidenten Erdogan Mitleid bekundet wird, wenn man bedenkt, und das sollten wir, das die Menschen, die bei diesem Anschlag ums Leben gekommen sind, unteranderem Minderheiten sind, die auch vor Erdogans Terror fl􏰀üchten. Kurden sind in der Tü􏰀rkei 􏰁“Berg-Tü􏰀rken“􏰂, in Deutschland 􏰁“Ausl􏰃ändische Tü􏰀rken“􏰂, wenn also Nationalität􏰃t in den Kontext eingeführt wird, wieso dann nicht mit entsprechendem Respekt. Auch die Gäste des Maybrit Illner Spezials zu Hanau schockieren 􏰄- Kübra Gümüsay die zu antikurdischem, antialevitischem und antiezidischem Terror schweigt, kann nicht das Gesicht der Minderheit sein!

Die Liste ist lang...

Wenn sie von Fremdenfeindlichkeit reden und nicht rassistisch sagen, übernehmen sie das Narrativ der Rechtsextremen, wo Menschen phänotypisch nicht zu Deutschland gehören, wonach Menschen als Fremde gelabelt werden. Fremde gibt es nicht, wir machen sie zu Fremden! Es muss nachdenklich und wütend machen, dass die Betroffenen immer wieder warnen müssen! Solange wir schweigen, umformulieren, besä􏰃nftigen, um 􏰁“kein Chaos“􏰂 z􏰅u stiften, solange sind wir verantwortlich für jedes weitere Opfer, schreiben weiter die viel zu lange Liste von Mitschuld, sehen Motiv und Problem nicht: Rassismus.

Rassismus ist nicht mit Lippenbekenntnissen abzuhaken, auch wenn Solidarität für die Opfer unabdingbar ist: Sie müssen wissen, dass sie nicht allein sind. Aber noch wichtiger ist es, die dahinterstehenden Grundstrukturen aufzudecken 􏰄- jetzt! Jeder und jede Einzelne steht in Verantwortung solidarisch zu sein, was damit beginnt, sich mit den Menschen, mit ihren Fragen, ihren Sorgen und Meinungen auseinanderzusetzen. Wir müssen an allen Ecken der Gesellschaft mit Nachdruck daran arbeiten, im Namen aller Opfer, aller Hinterbliebenen und aller Betroffenen.

Und Chemnitz, wo bist du? Vor allem dir steht Schweigen und Wegschauen nicht zu. Hanau ist keine Randnotiz, seine Shisha-Bars und Imbisse existieren mitten unter uns. Wenn es uns schwerfällt zu verstehen, dass die Angst unserer Mitmenschen real ist, wenn es schwerfällt, zu verstehen und nicht weniger betroffen zu sein, dann lasst uns nicht vergessen, dass uns kein Terrorist nach dem Pass fragt.

Text: Sibel

Illustration: Julia Kütter 

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Das erste Mal…

Unsere erste Ausgabe ist da!

Es ist soweit – unser erstes Mal gibts jetzt endlich auch online mit weniger Rechtschreibfehlern. Gönnt euch diese feingetunte Version Kinder, viel Spaß!

 

Braune Flecken auf der Uniform

Von Jan H. 

Foto: Farahim Gasimov (Pixabay)

Am neunten Oktober 2019 tötet ein rechtsextremer Terrorist in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur kaltblütig zwei Menschen mit einer teils am 3D-Drucker selbstgebauten Waffe. Sein eigentliches Ziel, der Sturm einer voll besetzten Synagoge, scheiterte nur an einer Sicherheitstür. Einen derartig harten Schlag hatte man von rechter Seite nicht erwartet. Der Aufschrei ist groß. Jetzt wird man wohl aufwachen. Seehofer reist an. „Bei unserer Geschichte darf so etwas in unserem Land nicht passieren“, heißt es vom Innenminister. Bedauern und Mitleid wird bekundet. Maßnahmen werden angekündigt. Jetzt ist die Gefahr jedem bewusst. Könnte man meinen.

Ein kurzer Blick auf die Aufarbeitung der warnenden Angriffe von rechts in der Vergangenheit lässt durchaus Zweifel hegen. Nicht nur wurde beim Thema Terrorismusbekämpfung die rechte Gewalt offensichtlich deutlich unterschätzt, auch der Umgang mit Rechtsextremismus innerhalb deutscher Behörden zeigt deutlichen Verbesserungsbedarf.

Beispielhaft hierfür ist die Chronologie der medialen Aufschreie um die sächsische Polizei. Bereits 2015 wurde bekannt, dass BeamtInnen die rechtsextremistische Terrorgruppe Freital vor Razzien gewarnt haben sollen. Zu einer Aufklärung kommt es nie, denn die Handys, mit denen die beschuldigten PolizistInnen Informationen über WhatsApp ausgetauscht haben sollen, sind verschwunden. Vor Gericht wird geschwiegen. Die Staatsanwaltschaft versäumt frühzeitig ein Verfahren einzuleiten, obwohl sie beim Verhör anwesend war, in dem der Neonazi Hilfe durch staatliche Mitarbeiter zugibt.

 Im Jahr 2017 wird der neue Polizeipanzerwagen „Suvivor R“ in Leipzig vorgestellt. Auf den Sitzen finden sich gestickte Wappen mit altdeutscher Schrift, die stark an die NS-Symbolik erinnern. Sie sind wohl ein altes internes Zeichen des Spezialeinsatzkommandos, welches sonst in keinem Markenhandbuch der Polizei zu finden ist, so ein Sprecher der Polizei. Nachdem der öffentliche Druck größer wird, weist man rechte Gesinnungen zurück und überdenkt die Symbolik. Eine gründliche Aufklärung bleibt auch hier aus.

Letztes Jahr trägt ein Polizist des SEK bei einer Demonstration gegen Rassismus in Wurzen einen Aufnäher an der Polizeiuniform, der den Raben Odins zeigt, ein Symbol der nordischen Mythologie welches auch im rechten Spektrum Bedeutung hat. Der Polizist wird bestraft, allerdings nur wegen des Verstoßes gegen die Polizeidienstkleidungsordnung. Im Statement heißt es, es gäbe bei dieser Person keinen Anlass über eine rechte Gesinnung nachzudenken. Auch die Art der Strafe wird nicht bekanntgegeben. Die Liste der bedenkenswerten Hinweise ist noch lang und dennoch bleibt der Wunsch nach gründlicher Aufarbeitung meist unerfüllt.

Auch die Bundeswehr schreibt negative Schlagzeilen. Schon 2017 gesteht die ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein „Haltungsproblem“ in den eigenen Reihen ein, nachdem der Vorwurf laut wird, es gäbe mehrere Fälle von rechtsextremen Schikanen und einem bekennenden Reichsbürger unter den SoldatInnen. Auf Nachfrage der Linksfraktion bestätigt die Bundeswehr aber im Jahr 2018, dass unter 270 gemeldeten Verdachtsfällen lediglich vier als extremistisch eingestuft worden seien. Auch gab es laut den Regierungsangaben Vorfälle mit Hitlergrüßen und „Sieg Heil“-Rufen, wobei einige der Beschuldigten ausschließlich mit Geldbußen belangt wurden. Das inkonsequente Vorgehen setzt sich auch hier trotz Besserungsversuchen fort.

Es gibt ja noch den Verfassungsschutz, mag man berechtigt einwerfen. Doch dass dieser der rechtsextremistischen Szene weit hinterher hinkt, zeigt der Fall Walter Lübke. Der mutmaßliche Mörder war den Behörden bereits bekannt, verhielt sich allerdings in fünf Jahren nicht weiter auffällig und konnte sich so 2015 vor Gericht das Recht auf einen Waffenschein erstreiten.

Trotz des Einsatzes von verdeckten Ermittlern tappt bei der Frage nach Netzwerken und Untergrundstrukturen, die Einzelpersonen solche Taten ermöglichen, hier sowie auch in Halle meist im Dunkeln. Es scheint so, als hätte man wenig aus den verhängnisvollen Fehlern bei der Aufklärung der NSU-Morde gelernt.

 

Medienwirksam werden Probleme in den eigenen Reihen kleingeredet und relativiert, und häufig ist die Rede von bedauerlichen Einzelfällen. Vielleicht ist der ein oder andere Regierungspolitiker auch mit klaren und konsequenten Statements gegen rechts vorsichtig geworden. Man möchte ja schließlich nicht noch mehr Stimmen an die AfD verlieren. Die Antworten auf die Frage nach Terrorismusbekämpfung klingen somit meist nach erweiterten Rechten für Polizei und sowieso mehr Überwachung. Sachsens Ministerpräsident fordert auf den Wahlplakaten eintausend neue PolizistInnen, an öffentlichen Plätzen in Chemnitz werden Kameras angebracht, ein umstrittenes Polizeigesetz wird beschlossen und Seehofer bringt sogar die eingestaubte Killerspieldebatte erneut ins Gespräch. Für die vielen Initiativen die sich in Chemnitz, Sachsen und ganz Deutschland gegen rechts engagieren wäre eine erweiterte staatliche Unterstützung ihrer Vereine wohl die sinnvollere Investition. Dass ein Konzert gegen rechts, wie „Wir sind mehr“ im Verfassungsschutzbericht landet zeigt aber, dass linken Bewegungen diese Unterstützung oft nicht zugesprochen werden. Denn das Problem der wachsenden rechten Radikalisierung lässt sich wohl kaum allein durch erhöhte Polizeipräsenz lösen. Vor allem an den Brennpunkten, an denen sich junge Menschen radikalisieren, ist Aufklärungs- und Präventionsarbeit von enormer Bedeutung, um dem erneut aufkommenden Faschismus Paroli zu bieten. Das umschließt aber auch die eigenen Strukturen offenzulegen und in Justiz, Militär, Verfassungsschutz und Polizei an den eigenen Schwächen zu arbeiten, anstatt rechtes Gedankengut in Staatsorganen als seltene Ausrutscher darzustellen. Denn das sind sie in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr. Auch wenn das der ein oder andere Politiker gerade in Bezug auf die Vergangenheit möglicherweise nicht sehen möchte.

Ein Lied von Eis und Feuer. Droht uns eine lange Nacht?

Warum schauen wir Game of Thrones, wenn wir in der Realität als Helden gebraucht werden? Dabei ist die Fantasiewelt um Westeros eine ziemlich treffende Metapher für das Dilemma der Menschheit in der Klimakrise. Dieser Artikel erklärt, warum. (Gastartikel von Lilian. Bild: Desktop Nexus)

— Achtung: dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie Game of Thrones —

Das Jahr 2019 war bisher ein turbulentes Jahr, das dürften wir so ziemlich alle bemerkt haben. Die politischen Präferenzen vieler Menschen haben sich komplett gedreht. Die Ergebnisse der Europawahlen fallen von jeglichen Erwartungen ab. Innerhalb weniger Monate gehen in Deutschland immer größere Teile der von älteren Generationen häufig als äußerst ,,unpolitisch‘‘ bezeichneten jungen Menschen auf die Straße. Sie sind wütend. Sie sehen nicht ein, warum sie in die Schule gehen sollten, wenn so ziemlich jeden Tag neue Hiobsbotschaften bezüglich der Klimakrise in den Nachrichten auftauchen. Sie sind wütend angesichts eines Haufens von immer weiter in leeren Versprechungen redenden Politikern. Es scheint ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit zu geschehen. Es ist nicht mehr an der Zeit, eine sich seit langem anbahnende Katastrophe weiter zu ignorieren. Das Prinzip ,,macht euch die Erde untertan‘‘ funktioniert nicht mehr. Es wird immer schwieriger, die Situation schönzureden. So zu tun, als sei das alles nicht so dramatisch. Angesichts Millionen junger Menschen, die, inspiriert von einem sechzehnjährigen Mädchen aus Schweden, nicht aufgeben möchten um ihre Zukunft zu kämpfen. Es ist keine dieser politischen Debatten, die eben mal ein paar Monate überall in den Medien auftaucht und dann wieder abflaut. Es ist etwas Neues, womit unsere Gesellschaft noch keinen angemessenen Umgang gefunden hat. Denn wir alle müssten, wie es aussieht, ein mächtiges Stück unserer Freiheit aufgeben, um die größte Herausforderung, die der Menschheit je gegenüberstand, gemeinsam zu bekämpfen. Wir kämpfen damit nicht unbedingt für uns selbst, sondern vor allem für die kommenden Generationen. Es wird unbequem. Deswegen scheint sich die Gesellschaft langsam, aber bestimmt aufzuteilen in die, die ,,for future‘‘ auf die Straße gehen – und die, die eine kommende Katastrophe so gut es geht ignorieren.

Die Flucht vor der Realität ist ein Grundbedürfnis von Menschen und ging selten so einfach wie heute. Mit Serien, zum Beispiel. Es scheint paradox, wie ein ganz anderes Thema so viele Menschen dieses Jahr schwerst beschäftigt hat: die achte Staffel von Game of Thrones. Ab dem 15. April diesen Jahres in Deutschland ausgestrahlt. Ungefähr 90 Millionen US Dollar teuer. In den Monaten davor kursierten etliche Fantheorien über den Fortgang der Serie im Internet, und auch als nicht-Fan kam man bald nicht mehr daran vorbei, alles über die aktuelle Handlung zu wissen. Denn egal ob in der Mensa, beim Kaffeetrinken, beim Supermarkt an der Kasse oder in der Bahn, ständig bekam man Diskussionsfetzen um die Ohren gehauen. Die finale Staffel war für viele Game of Thrones Anhänger von so hoher Wichtigkeit, dass eine Petition für ein Remake von hunderttausenden Fans unterzeichnet wurde. Da fragt man sich doch schon manchmal, ob dieses Engagement so vieler Menschen nicht irgendwie an anderer Stelle eher gebraucht würde. Immerhin handelt es sich um eine komplett fiktive Welt, über deren Wendungen sich die Leute da so extrem aufregen – dabei gibt es doch in der Realität doch genug Probleme, in die man sich aus guten Gründen hineinsteigern könnte. Aber unterscheiden sich die Probleme in diesen beiden Welten überhaupt so sehr?

Dass die Serie Game of Thrones metaphorisch ziemlich deutlich das Problem der Klimakrise zum Ausdruck bringt, dürfte einigen Fans schon aufgefallen sein. Folge für Folge bauen sich politische Intrigen zwischen verschiedenen herrschenden Familien in Westeros auf. Es werden Allianzen geschlossen und dann wieder hingeworfen, Mordanschläge auf Menschen ausgeübt, politische Gefangene festgehalten, es ist ein ewiger Kampf um Macht. Bestimmte Personen scheinen ,,die Guten‘‘ zu sein, dann wendet sich das Blatt komplett. Wer handelt moralisch, wer richtig, wer politisch klug? Ein ewiges hin und her über sieben Staffeln, wo massenweise Energie auf eigentlich ziemlich unbedeutende Konflikte verloren geht, wie man dann endlich erkennen soll. Denn die gegen- und miteinander kämpfenden Häuser haben doch von Beginn an einen gemeinsamen Feind, den es gemeinsam zu bekämpfen gilt: Die weißen Wanderer. Mystische Wesen, die eigentlich seit Jahrtausenden nicht mehr existieren sollten. An deren Existenz der Großteil der Bevölkerung zu Beginn der Serie nicht mehr glaubt, selbst die als „gut“ und „weise“ auftretenden Charaktere. Es handelt sich um menschenähnliche Wesen mit eisblauen Augen, die jedoch größer und viel stärker als Menschen sind. Sie bringen Tod und Eisige Kälte. Sie können Tote auferstehen lassen (,,Wiedergänger‘‘) und diese zu ihren Zwecken kontrollieren.

Seit Jahrtausenden hat die Weißen Wanderer kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen, seit sie in einem harten Kampf gegen die Menschheit in den Norden gedrängt werden konnten. Zum Schutz der Menschen wurde dort mit Magie eine Mauer aus Stahl und Eis errichtet, die unüberwindbar scheint. Dass die Weißen Wanderer der eigentliche Feind, das eigentlich Böse in der Serie sind, wird schon in der allerersten Szene der Serie klar, als einige Wächter der auf der Mauer patrouillierenden ,,Nachtwache‘‘ von ihnen ermordet werden. Der einzige der Wächter, der fliehen kann, wird enthauptet, da ihm selbst der ,,gute‘‘ Eddard Stark keinen Glauben schenkt. Dabei wird der Leitspruch der im Norden lebenden Familie Stark doch von Beginn an immer wieder widerholt: „Winter is coming“. Paradox erscheinen angesichts des drohenden gemeinsamen Feindes die kommenden politischen Kämpfe und Intrigen, wo doch alle ein unaufhaltsames Problem teilen, welches keines der Häuser im Alleingang bekämpfen kann. Denn die Weißen Wanderer werden immer mehr und streben nach Eroberung des Südens. Ähnlich paradox kommen uns heute politische Konflikte auf der ganzen Welt vor, in Zeiten, wo die Menschheit doch zum ersten Mal einem heftigen Problem, das alle betrifft, gegenübersteht.

Die Weißen Wanderer sind eine in vieler Hinsicht perfekte Metapher des Klimawandels. Nicht als einzelne Personen, sondern als Masse werden sie zur Gefahr. Sie sind irgendwie tot und lebendig zugleich, oder etwas dazwischen. Sie sprechen nicht und bleiben lange etwas Unbekanntes, Mystisches. Der Klimawandel ist ein Feind, mit dem es sich ähnlich schwer umgehen lässt. Er hat kein Gesicht, er ist für uns Menschen nicht greifbar, niemand kennt die Härte seiner Auswirkungen. Er erzeugt ein ähnliches Gefühl von Schauer wie die Weißen Wanderer, deren Absichten Zuschauer von Game of Thrones nicht einschätzen können. Der ,,Nachtkönig‘‘, der erste Weiße Wanderer, welcher die anderen erschaffen hat und kontrolliert, wirkt zunächst wie ein eher langweiliger Bösewicht. Er ist kein vielschichtiger Charakter, nicht zwiegespalten, seine Boshaftigkeit hat keinen speziellen Hintergrund. Man kennt seine Motivation nicht, er ist einfach böse, und handelt doch klug und strategisch. Unaufhaltsam erschafft er sich eine größere Armee aus Weißen Wanderern und Wiedergängern und wandert mit diesen gen Süden, wo sich die verfeindeten Häuser mit selbstgemachten Problemen herumschlagen. Wie der Klimawandel ist er kein Bösewicht in dem Sinne, dass er wirklich böse, egoistische Absichten hat. Es gibt ihn einfach, und seine Macht vermehrt sich exponentiell. Wie der Klimawandel wird er, als ihn Teile der Menschen erstmals als existente Bedrohung erkannt haben, schneller zur echten Bedrohung, als sie geahnt hatten.

Das Interessante ist nun die Geschichte, wie der Nachtkönig in Game of Thrones entstanden ist. Er war ursprünglich ein Mensch, der vor Ewigkeiten lebte. In einer Zeit, in der die ersten Menschen nach Westeros kamen, und den dort bisher lebenden „Kindern des Waldes“, elfenhaften Naturwesen, den Lebensraum streitig machten. Ein Symbol für die wachsende Umweltzerstörung und -ausbeutung durch die moderne Gesellschaft seit der Industrialisierung? In der Welt von Game of Thrones erschufen die Kinder des Waldes aus Verzweiflung in ihrer Unterlegenheit gegen die Waffen der Menschen den ,,Nachtkönig‘‘, indem sie einem gefangenen Menschen eine magische Waffe ins Herz stachen. So entstand eine neue Gefahr aus der Verantwortung der Menschen heraus in Kombination mit einer Natur, die sich gegen ihre Ausbeutung wehrte. Diese Gefahr konnte aber bald schon niemand mehr kontrollieren. Sie musste gemeinschaftlich von den Kindern des Waldes und den Menschen bekämpft und eine magische Mauer zum Schutz der Menschen erbaut werden.

Wie genau der Nachtkönig besiegt werden kann, weiß lange niemand im Universum von Game of Thrones. Die uneinschätzbare Gefahr steckt im Körper eines einstigen Menschen, denn die Menschen haben jene Gefahr unbeabsichtigt selbst geschaffen. Und die größte Quelle seiner Macht sind wiederum die Menschen selbst. Mit jedem Toten erhält er ein potenzielles neues Mitglied seiner Armee von Untoten, die beständig Richtung Süden wandert. Auf ähnliche Weise nähren wir heute beständig die Klimaerwärmung durch immer mehr werdende CO2 Emissionen. Wie wir im neuesten Klimapaket der GroKo gesehen haben, wird reine Symbolpolitik betrieben. Die Devise: ,,Ja, der Klimawandel ist wichtig, und wir tun ja auch was dagegen. Nur halt nicht zu viel. Es gibt ja noch ganz viel andere wichtige Sachen zu tun.‘‘ Und währenddessen werden Gelder in z.B. die Förderung fossiler Brennstoffe und Entwicklung neuer, klimaschädlicher, aber wirtschaftlich vielversprechender Technologien gesteckt. Kohleausstieg bis 2038, obwohl jeder weiß, dass das nicht reichen wird, um gegen den Endgegner anzutreten.

In der siebten Staffel von Game of Thrones verliert die Herrscherin Daenerys Targaryen schließlich bei dem Versuch, Weiße Wanderer zu bekämpfen, einen ihrer drei feuerspeienden Drachen. Der Nachtkönig ermordet ihn mit einem Speer und erweckt ihn schließlich in einer die Staffel abschließenden Szene zu einem Zombie-Drachen mit eisblauen Wiedergänger-Augen, den er nun selbst im Kampf gegen die Menschheit einsetzen kann. Mit dem Feuer des untoten Drachen schmilzt er die für unzerstörbar gehaltene Mauer, woraufhin in einem schaurigen Abschlussbild die gigantische Armee von Untoten gen Süden weiterzieht, den Menschen entgegen. In diesem Bild steckt so unfassbar viel Klimawandel, dass diese Interpretation ein bisschen dauern kann, also holt euch jetzt vielleicht nochmal einen Kaffee, bevor ihr weiterlest.

Also. Der Drache ist erstmal die aktuell mächtigste Waffe der Menschen gegeneinander und gegen die Weißen Wanderer, ihre Superkraft, wie eine ultimativ innovative technische Entwicklung in unserer Welt. Durch Unachtsamkeit, dadurch, dass sie den Nachtkönig als Bedrohung nicht einschätzen kann, verliert Daenerys ihn – und stärkt den Nachtkönig somit extrem. Diese Situation erinnert an die gefürchteten Rückkopplungseffekte in der menschengemachten Klimakrise. Den Grund, aus dem es das im Pariser Klimaabkommen festgehaltene zwei-Grad-Ziel überhaupt gibt. Denn bei einer Erwärmung der Durchschnittstemperatur der Erde um über zwei Grad kann der Prozess der kontinuierlichen globalen Erwärmung nicht mehr durch noch so hohe Anstrengungen der Menschheit aufgehalten werden. Dies hängt beispielsweise mit der Gefahr der schmelzenden Permafrostböden in Sibirien zusammen, was bei einer Erwärmung um mindestens zwei Grad, wie sie aktuell zu erwarten ist, beschleunigt geschehen wird. Hier verbergen sich enorme Mengen an CO2 und Methan, welches im Vergleich zu CO2 ein um den Faktor 28 stärkeres Treibhausgas ist. Schätzungsweise sind allein in den Permafrostböden ca. 1.500 Gigatonnen Kohlenstoff eingeschlossen, also fast doppelt so viel wie aktuell in der gesamten Erdatmosphäre (800 Gigatonnen). Die Eiskappen der Arktis schützen auch daher vor Temperaturanstieg, da die weißen Eisflächen vereinfacht gesagt Licht und Wärme reflektieren, während die Ozeane Wärme eher aufnehmen. Das ,,ewige Eis‘‘, welches, wie wir schmerzlich erkennen müssen, überhaupt nicht ,,ewig‘‘ ist, ist somit tatsächlich so etwas wie die magische Mauer in Game of Thrones für uns Menschen. Und mit ähnlicher Gewissheit haben wir uns auf seine Unzerstörbarkeit verlassen. Steuern wir aber auf Kippunkte im Temperaturanstieg zu, dann können wir ab einem bestimmten Punkt nichts mehr ausrichten. Das Werk der Menschheit selbst richtet sich dann mit vervielfachter, unkontrollierbarer Kraft gegen sie. Unser untoter Drache schmilzt das Eis weiter und weiter. Die haarsträubende Szene, in der große Eisstücke aus der so erhaben wirkenden, riesigen Mauer herausbrechen, als das Drachenfeuer sie trifft, erinnert heftig an Bilder von gigantischen, abbrechenden Eisblöcken in der Arktis. Winter is here.

Und dann ist da noch die Sache mit den uralten Viren, welche in den Permafrostböden eingefroren sind. Es könnten sich hier für ausgerottet gehaltene Viren wie die Pocken konserviert halten, welche bei Schmelze der Permafrostböden erneut in Umlauf geraten könnten. Wissenschaftler sind sich jedoch äußerst uneinig, ob dieses Szenario tatsächlich eine potenzielle Gefahr für Epidemien birgt, mit welchen der menschliche Organismus nicht umgehen kann. Es passt aber äußerst gut zu dem Bild der Weißen Wanderer in Game of Thrones, welche die eiserne Mauer durchbrechen. Die Menschheit glaubt, eine Gefahr seit Langem ausgerottet zu haben. Und dann holt sie diese wieder ein, ausgelöst durch den Fortschritt der Menschheit selbst.

Sollten die Regierungen der Welt keine radikalen Maßnahmen ergreifen, ist das Eintreten von Rückkopplungen durch beispielsweise das Schmelzen der Permafrostböden äußerst wahrscheinlich. Wir würden dann eventuell auf eine ,,Heißzeit‘‘ zusteuern. Dürren, Missernten, das Zusammenbrechen zahlreicher Ökosysteme und massive Stürme wären die Folge. Der Meeresspiegel steigt laut dem aktuellen Bericht des Weltklimarats IPPC weitaus schneller an, als erwartet. Und Regierungschefs wie Vladimir Putin oder Donald Trump machen keine Anstalten, diese Warnungen ernst zu nehmen. Dabei ist die Gefahr so langsam unmittelbar sichtbar. Küstennahe Metropolen wie New York City, aber auch Hamburg könnten bereits um 2050 von massiven Überschwemmungen betroffen sein, ganz zu schweigen von ganzen Inselgruppen wie Fidschi. Und trotz dieses immer heftiger werdenden Drucks der Wissenschaft glänzen bestimmte Entscheidungsträger in der Kunst der Ignoranz. Game of Thrones-Fans erinnern sich an die Szene, in welcher Jon Snow der verfeindeten Cercei Lannister einen gefangenen Untoten vorführt, um ihr die Dringlichkeit des Handelns gegen die Weißen Wanderer klar zu machen. Und anhand ihres entsetzten Gesichtsausdrucks geht der Zuschauer kurz davon aus, die verfeindeten Häuser in Westeros würden jetzt endlich vernünftig werden und gemeinsame Sache machen. Aber falsch gedacht. Die Macht der Verdrängung ist ungeheuer, wie Trump es uns in unserer Welt beweist. Lasst uns doch einfach glücklich in eine ,,bright and wonderful future‘‘ schauen. Das deprimierende ist, dass wie auch in Game of Thrones schon seit Langem klar ist, mit welchem Endgegner wir es zu tun haben. 1896 beschrieb der spätere Nobelpreisträger Svante Arrhenius erstmals den Treibhauseffekt und dessen potenzielle Folgen für globale Erwärmung.

Winter is coming. Ein ewiges Mantra. Ich habe das Gefühl, wir hören es gerade täglich im Fernsehen und im Radio, lesen es in der Zeitung. Wir wissen es, und verarbeiten unsere eigene Hilflosigkeit mit Protest oder Resignation – oder eben in Fantasieuniversen. Man könnte sich die Frage stellen, wozu wir überhaupt noch Serien brauchen. Die Nachrichten sind ein Lied von Eis und Feuer geworden. Schmelzende Gletscher, Feuer im Amazonas. Drohende Extremwetterlagen. Und es dreht sich immer weiter. Wir leben in einer verdammt abenteuerlichen Zeit, die Helden braucht. Helden, die sich der Wahrheit stellen und die die Wahrheit weiterbringen. Helden, die wissen, wofür sie kämpfen. Anschuldigungen an Einzelpersonen können dafür keine Lösung sein. Helden dürfen sich nicht über andere stellen, sondern sollten sie mitnehmen. Im Kampf gegen den Klimawandel wird jeder von uns zum Helden. Jeder wird in einem Kampf gebraucht, der nicht durch wenige Einzelne ausgefochten werden kann. Und dafür müssen wir nicht einmal gegen Zombies kämpfen. Was wir tun können, ist vor allem Druck machen, auf die Straße gehen. Natürlich müssen wir bei uns selbst anfangen. Aber wirkliche Veränderungen können nur auf politischer Ebene erreicht werden.

Wir wissen es schon lange. Jetzt müssen wir nur noch in der Wirklichkeit ankommen – Mut zur Wahrheit beweisen – und wissen, dass aufgeben keine Lösung ist. Es ist dringend. Winter is here.

Das homeward-Festival

Wenn eine alte Ziegelei zum Leben erwacht...

von Mona Berner

Bilder: Homeward-Team

Zugegeben: Ganz ausgestorben ist die alte Ziegelei im kleinen Niederwürschnitz im Erzgebirgskreis nie. Rentner, die im Steegenwald spazieren waren oder Familien, die mit ihren Kindern im kleinen Imbiss ein Eis essen, sind hier in den Sommermonaten immer anzutreffen. Aber einmal im Jahr verändert sich das Publikum: tiefe Bässe bringen die Baumwipfel zum Beben und statt 30 Menschen befinden sich plötzlich über 3000 auf dem urigen Gelände und verdoppeln damit kurzerhand die Einwohnerzahl des Dorfes. Was ist es, das all diese jungen, weltoffenen und gut gelaunten Menschen im Sommer an diesen Ort lockt?

Ein Festival. Was sonst, könnte man denken. Aber dieses Festival ist anders. Weit weg von Kommerz, jenseits von „wer bekommt die meisten Likes auf Instagram für das geilste Festivaloutfit“. Es geht um Familie, Heimatgefühl, ankommen, entschleunigen und sich einfach wohlfühlen – wie im heimischen Wohnzimmer. Feste Eintrittspreise gibt es nicht, jeder gibt so viel wie er kann und will. Wer Hunger hat bekommt leckere Flammkuchen oder Vegetarische Kartoffel-Gemüse Schalen: alles frisch und lecker und Dank unzähliger ehrenamtlicher Helfer realisierbar. Kommt es zu Engpässen, hilft man sich gegenseitig, wie 2018 als bereits am ersten Tag alle Essensvorräte aufgegessen waren und die Besucher einfach mitmachten: Gemüse schneiden, kochen, Brote belegen. „Wir wollen ein Festival mit den Menschen und nicht im Sinne des klassischen Konsumdenkens“, erklärt Stephanie Mittelbach, welche von Anfang an fest in der Organisation verankert ist.

Dass es dieses Festival überhaupt gibt, ist mehr oder weniger ein Zufall. 2017 beschloss eine Gruppe junger und vom christlichen Glauben überzeugter Menschen, dass wenn das geliebte und hoch geschätzte Freakstock Festival ausfällt (Europas größtes, alternatives christliches Musikfestival), das Freakstock eben zu sich zu holen. Schnell hatten sich Bands und Location gefunden und so startete es vor drei Jahren mit rund 1000 Besuchern in die erste Auflage. Damals war nicht klar, ob es sich zu einer Festivalreihe entwickelt, oder nur ein einmaliger Ausgleich zum Freakstock ist. Aber der Zuspruch war hoch und auch wenn die Planung und Organsiation besonders in den ersten beiden Jahren für die ehrenamtlichen Helfer eine große Herausforderung war, ging es in die nächste Runde. Und es lohnt sich.

Es geht nicht nur um Musik, sondern um Gemeinschaft.

Jedes Detail auf dem Festivalgelände ist mit so viel Liebe gestaltet und dekoriert. Egal ob chillen auf den alten Sofas im Zelt, Deep-Talk in der mit Lichterketten ausgehangenen Höhle oder runterkommen im Shisha-Zelt: Wohlfühlen steht an erster Stelle. Morgens, nachdem du lang und gut in deinem Zelt, welches auf einem der Felder mitten im Grünen steht (und wenn du Glück hast, hörst du die Schafe des Bauern) ausgeschlafen hast, die reine Landluft riechst und dich gestärkt hast, erwarten dich unzählige kreative Angebote. Neben Gottesdiensten und christlichen Workshops, kannst du auch bei einer Runde Yoga oder Windlichter basteln entspannt in den Tag starten. Beim Beziehungsworkshop „Topf sucht Deckel“ konnte unsere bindungsphobische Generation einiges dazu lernen: „Diesmal ging es um Kriterien der Partnerwahl und das man sich klar werden sollte, was man von seinem Partner erwartet“, erzählt Workshopleiter Thomas Drossel, welcher bereits seit 30 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist und weiß: „Damit eine Partnerschaft funktionieren kann, muss man auch bereit sein, sich zu verändern“. Zu deep? Dann einfach zum Einrad-fahren-lernen Kurs.

Zu Indie, Funk, Rock, Tech oder Drum ́n ́Bass kannst du Nachts an drei verschiedenen Bühnen dein Tanzbein schwingen, trinken, quatschen – Spaß haben. Eine gute Zeit zu haben steht an erster Stelle und dazu ist es den Veranstaltern wichtig, dass bestimmte Werte verinnerlicht werden: „Wir haben uns die Zeit genommen, unsere Werte genauer zu definieren und darüber nachzudenken, welche Philosophie hinter uns steht“, erklärt Stefanie Mittelbach. Dazu zählen unter anderem „no hate“, was ausdrücklich gegen jegliche Art von Diskriminierung spricht oder auch „Do it yourself“, was bedeutet, dass man Dinge selbst macht.

Es ist ein christlich geprägtes Festival, bei dem jeder willkommen ist, der die gemeinsamen Werte teilt. Das ist unabhängig davon, welcher Religion oder Glaubensrichtung man angehört, wie Stefanie Mittelbach noch einmal klarstellt: „Wir wollen eine Gegenwart schaffen, für Dinge die schön sind und eine gemeinsame Werte-Basis haben. Das bedeutet nicht, dass es deswegen aufdringlicher wird.“

Das nächste homeward-Festival findet vom 02.-05.07.2020 statt. Weitere Infos findest du hier.

Unsere Release-Party!

Hip-Hop-Party Chemnitz

Für alle Neulinge hier, heißt es von uns erstmal:
„welcome everybody to the wild, wild K.M.S.
A state that’s untouchable like Elliot Ness.“ 😉

Die von euch die hier schon länger am Start sind wissen ja:
„We keep spending most our lives
Livin‘ in a gangsta’s paradise.“ 😎

Deshalb feiern wir natürlich auch den Release unserer ersten Ausgabe und wollen mit euch entsprechend abgehen! Dazu beamen wir euch direkt aus der Zukunft zurück in die 1990’er – straight outta Crimenitz an die East Coast, zur West Coast und dann wieder in die Gegenwart. Dirty D und CYL nehmen euch mit auf eine wilde Zeitreise durch den Hip-Hop voller Boom-Bap Vibes und ein bisschen lelele on top. 😁😳

In diesem Sinne – Hip-Hop For Future! Auf eine Nacht, in der Chemnitz zum Sunshine-State wird, voller neuer Connections, Matches und einer Brise Nostalgie…mehr wird noch nicht verraten. 😉

Auch wieder mit am Start: Unser Juicy-Shot-Special! 🍌🍓🍋💦
Dazu zieht ihr am Eingang zieht eine Halle-Galli Karte, wenn Ihr euer Äquivalent (die gleiche Frucht) auf der Party findet und eure Karten zusammen an der Bar zeigt, kriegt ihr jeder einen Shot umsonst!

Mit dem Eintritt von 3 – 5 € Spende helft ihr mit, dass unser Magazin weiterhin kostenlos und fresh bleibt! ♥️ Dein Herz schlägt irgendwo zwischen 90 und 100 BPM seit du das hier liest? Dann sehen wir uns am 19. Oktober in da Club.

Die Buntmacher*innen

Das Leben bunt malen.

von Svenja Jäger

Fotos: Julia Küttner

Die Buntmacher*innen sind ein Projekt, das es noch gar nicht so lange gibt. Connectet haben sie sich letztes Jahr zum Initiativentreffen im Lokomov. Ihr Projektpflaster in Chemnitz? Parteineutraler Wahlkampf für die Demokratie, vorrangig in Bernsdorf. Sie klingeln an Haustüren, um die Leute zum Wählen zu bewegen. Sie veranstalten Stadtteilfeste, Filmvorführungen und Diskussionsrunden. Sie laden zum Dialog ein, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und zuzuhören, wenn es um Probleme geht. Für Jung- und Erstwähler veranstalten sie das kleine Festival Beverly Berndorf. Aber sie machen noch so viel mehr. Sie gedenken, wie letztes Jahr an die Pogromnächte am neunten November. Dafür gestalteten sie einen Lichterweg, mit Licht aus der Synagoge und verweilten an verschiedenen Orten mit Lesungen und Klaviermusik. Für diese Gänsehautmomente erreichten sie dieses Jahr den 3. Platz beim Chemnitzer Friedenspreis. Dieses Jahr ist an diesem Datum ein Gedenken an das Wendejubiläum im Kaßberg Gefängnis geplant.

Überall werden die Buntmacher*innen mit offenen Armen empfangen. Die bunte Mischung aus Studen*tinnen, Abiturient*innen, aber auch Arbeitenden wollen eine permanente Präsenz von Demokratie schaffen. Ihr Anliegen ist, die Abgehängten oder Sofademokraten – solche, die für Demokratie einstehen, aber nicht wählen gehen – von der Couch ins Wahllokal zu bewegen.

Dafür ist Basisarbeit ganz wichtig. Bei der Basis anfangen heißt, diese mittlerweile sehr kompliziert gewordene Welt zu erklären. Das fängt bei Transparenz von Stadträten an, und geht weiter mit Themen wie Globalisierung und Digitalisierung auf Augenhöhe zu verdeutlichen. Ihre Resonanz aus den Gesprächen? Viele wissen einfach nicht mehr wohin mit ihren Anliegen. Sie sehen nur das was vor der eigenen Haustüre passiert und haben das Gefühl, Politik funktioniert nicht, weil es keine Reaktion auf die persönlichen Anliegen gibt. Auf Augenhöhe wollen die Buntmacher*innen denjenigen begegnen und möglichst objektiv und ohne Vorurteile dagegen angehen. Gebracht hat es bei der letzten Wahl schon etwas. Neben den Medien, die die Wahlbeteiligung enorm nach oben getrieben haben, gab es auch durch ihre Basisarbeit einen leichten Effekt der Wahlbeteiligung in Bernsdorf. Auch wenn es nur das persönliche Feedback war, dass jemand, der vor Wochen die Wahlbenachrichtigung weggeschmissen hat, plötzlich mit dem Flyer der Buntmacherinnen in der Hand doch im Wahllokal stand und meinte, die haben mich überzeugt. Ein Effekt der Präsenz und Basisarbeit, die die Buntmacher*innen vor der Stadtratwahl geleistet haben. Dass Leute mobilisiert werden müssen und auch wollen, zeigen unter anderem auch Studien, die zeigen, eine persönliche Ansprache bringt mehr als ein Flyer.

Wir finden auch, quatscht und diskutiert mal mit Leuten außerhalb eurer Bubble und wenns nur ein kurzes Gespräch mit der Omi nebenan ist, die denkt, keiner interessiert sich für sie und ihre Probleme. Dann seid ihr an der Reihe, zu erklären, dass das nicht stimmt.

Facebook: Die Buntmacher/innen

Instagram: @buntmacherinnen

Das Horizont-Magazin

Es gibt so viele Geschichten die erzählt werden wollen

von Katha von Sterni 

Bilder: Horizont-Redaktion

Der Horizont

Laut Wikipedia ist er „eine Linie, die den Himmel von der Erde abgrenzt“. Hmm. Ich bin nicht zufrieden. Irgendwie ist mir diese Beschreibung zu unromantisch, zu geometrisch, einfach zu wenig. Gerade wollte ich schreiben: „sie klingt ein bisschen nach Steinzeit“, aber das stimmt eigentlich nicht. Vor nicht allzu langer Zeit haben sich die Menschen nämlich noch wilde Szenarien ausgedacht, die sich hinter diesem mysteriösen „Abgrund“ abspielen sollten. Vielleicht kommt es auch daher, dass wir in Gesprächen über Dinge, die über das rein Sichtbare, Alltägliche und Routinierte hinausgehen gelegentlich von „Horizonterweiterung“ sprechen. Und auch so, wenn wir irgendwo die Aussicht genießen, wissen wir in den seltensten Fällen, was genau sich am Horizont oder auch dahinter befindet. Das ist dann auch egal. Es ist irgendwie schön, dass er etwas Geheimnisvolles und Unergründetes hat, wenn wir ihn einfach so betrachten.

Genau genommen spielt der Horizont selbst in unserem Alltag aber so gut wie keine Rolle mehr. Wir müssen keine Geschichten mehr über ihn erfinden, weil er eigentlich kein Mysterium mehr für uns darstellt, weil wir die „Wahrheit“ easy googeln können. Generell können wir jederzeit überall sein wo wir wollen und alles wissen was wir wollen. Rein praktisch gesehen endet unser Horizont dann aber schon auf dem Bildschirm unseres Laptops, Tablets oder Smartphones. Aber wie weit schauen wir dann wirklich?

Das Magazin, das wir hier vorstellen möchten, erzählt die Geschichten geflüchteter Menschen, von ihrem Leben in Chemnitz, ihren Träumen, Ängsten und Wünschen. Ihre Geschichten beginnen meist dort, wo unser Horizont aufhört. Und unser Horizont ist oft ihre einzige Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit.

Dave ist einer der Hauptinitiatoren des Projekts.Er selbst hat vorher drei Jahre beim Sächsischen Flüchtlingsrat gearbeitet. Dort hat er Geflüchtete zu Asylverfahren beraten und ihnen beim Umgang mit der deutschen Bürokratie geholfen. Während der Arbeit hatte er oft wenig Zeit, um länger mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Er merkte jedoch schnell, dass da so viele Lebensgeschichten sind, die erzählt werden wollen und dass es eine Plattform braucht, um diese Geschichten nach außen zu tragen. Echt, emotional und ungefiltert. Und dann war da auf einmal diese Ausschreibung.  Das Fortbildungszentrums Chemnitz suchte Anfang des Jahres einen Projektleiter, um eine „Flüchtlingszeitung“ ins Leben zu rufen. Dort fanden Daves Ideen fruchtbaren Boden und das Horizont-Magazin stand in den Startlöchern. Zusammen mit Frau Ergieg arbeitet er seitdem mit viel Liebe und Einsatz an dem Projekt. Frau Ergieg war selbst mehrere Jahre als Chefredakteurin in Tripolis (Libyen) tätig. Dort schrieb sie in ihrer wöchentlichen Rubrik „safirat anzar“ (arab. – deutsch: Warnhinweis) über jegliche Formen der Korruption. Dazu erhielt sie Einblick in Gefängnisakten und sprach mit Inhaftierten über deren Geschichte und die Verhältnisse im Gefängnis. Wegen ihrer Arbeit wurde Frau Ergieg in ihrer Heimat zu Tode verurteilt und floh nach Deutschland.

Wie genau entstehen die Artikel?

Einige der Menschen, die Dave Ihre Geschichte erzählen, kannte er noch persönlich von seiner vorherigen Arbeit. Mit der steigenden Bekanntheit des Magazins erreichen Ihn aber mittlerweile auch viele Geschichten über soziale Medien und Mails.

Die Texte entstehen dann meist in Gemeinschaftsarbeit, dabei spielt es keine Rolle, ob man schon Erfahrung im Schreiben hat, oder nicht. „Es gibt immer so viel Zeit wie es braucht um den Artikel so fertig zu stellen, dass alle Mitwirkenden zufrieden sind. Bei Horizont kann jeder seine Geschichte erzählen, egal welche Sprachkenntnisse er hat. Wenn die Kommunikation schwierig wird, gibt es Sprachmittler die ihm zur Seite stehen und zur Not tun es auch ein paar Skizzen“ erklärt Dave.

Über Ziele, Wünsche und Visionen.

Bisher liegt der Fokus inhaltlich auf Geschichten aus den Heimatlandändern der Geflüchteten. Das Magazin greift aber zunehmend auch tagespolitische Themen auf – reflektiert aus der Perspektive der Geflüchteten. Zukünftig soll dabei auch die diesbezüglich in Verruf geratene sächsische Provinz mit einbezogen werden. Auch dort gibt es positive Beispiele, wo die soziale Integration von Geflüchteten sehr gut funktioniert. Weitere Artikel des Magazins klären über die politische Lage in aktuellen Kriegs- und Krisengebieten auf und erläutern wichtige Gesetzesänderungen. Außerdem wird über lokale Veranstaltungsangebote und Sprachkurse informiert.„Ein zentrales Ziel des Magazins ist es, die Menschen zu bestärken. Beispielsweise haben wir sehr positives Feedback von einer Frauengruppe aus dem Projekt „Sonnenschein“ von der Diakonie bekommen. Diese Frauen haben sich von den patriarchalischen Systemen ihrer Heimat losgemacht. Sie machen nun Kunst in allen möglichen Formen und sind sehr kreativ und unabhängig von ihren Männern. Diese Frauen sind voller Selbstvertrauen, weil sie gehört werden – das ermutigt sie“ erzählt Dave. Das Projekt verfolgt auch das Ziel, den Frauen Deutschkenntnisse zu vermitteln, denn nur so können sie sich selbstständig orientieren, Kontakte knüpfen und bürokratische Hürden eigenständig erledigen. Ein Problem, das jedoch viele der Frauen haben, ist dass sie keine Kindergärtenplätze für ihre Kinder finden und deshalb nicht an Integrationskursen teilnehmen können. Aisha erzählt in einem Artikel der ersten Ausgabe von Horizont, dass sie bereits zwei Jahre nach einem Platz für Ihre Kinder gesucht hat. Somit wird auch für die Kinder die Möglichkeit erschwert Deutsch zu lernen und damit sozialen Anschluss zu finden.

Wie wird das Magazin in der Gegend angenommen?

Bisher wird das Magazin durchweg positiv angenommen. Ziel des Projekts ist es, bald ein eigenständiges Magazin von Geflüchteten für Alle zu schaffen. Dafür sind natürlich immer kreative Köpfe gesucht! – Wenn ihr Spaß am Schreiben habt, euch grafisch betätigen wollt, oder eine persönliche Geschichte erzählen möchtet – schreibt uns und wir leiten es weiter.

Das Horizont-Magazin ist kostenlos und erscheint monatlich. Ihr findet es in zahlreichen sozialen Einrichtungen, Cafés, Geschäften und Bars in der Stadt. Haltet mal Ausschau, Chemnitz ist neben Berlin und München die einzige Stadt, in der es ein solches Magazin gibt!

Unseren Horizont können wir jederzeit selbst bestimmen…

…und wenn wir mal eine Pause brauchen von den aufregenden Geschichten der Welt, können wir einfach in den Himmel schauen – denn dort gibt es keinen Horizont, zumindest noch nicht. 😉

horizont-magazin

Bunte Erde – der interkulturelle Garten

Text und Bilder: Katha von Sterni

Ein warmer Sommertag, sanfter Wind, zwei Kinder spielen mit selbst gebauten Schwertern aus Ästen und eine Dame erntet Radieschen. Als wir am späten Nachmittag den Garten betreten, wartet Mohammed schon auf uns.

Er selbst ist vor drei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Direkt bei der Erstaufnahme-Station nach seiner Flucht erzählte ihm jemand vom „Bunte Erde“ Gartenprojekt und er war sofort begeistert von der Idee. Über kleinere Gartenfeste und Grill-Abende in dem Garten knüpfte er schnell die ersten Kontakte. Heute ist er selbst ein aktives Mitglied und gestaltet das Garten-Leben liebevoll mit.

Manchmal veranstaltet er mit den anderen Mitgliedern zusammen Koch- und Grillfeste in dem Garten und ab und zu finden dort auch Workshops statt. Letztens wurde zum Beispiel Kräuter-Seife hergestellt und Duftsäckchen geschnürt. Was gerade so los ist, wird immer auf der Website und auf Facebook geteilt. Der Garten versteht sich generell als Ort der Begegnung und des Austauschs verschiedener Kulturen. Und wie kann man andere Kulturen besser kennen lernen, als durch gemeinsames Gärtnern, Pflanzenkunde und Kochen?!

Neben dem eigenen Beet gibt es auch Gemeinschaftsflächen, die von allen gemeinsam gestaltet werden können. Hierbei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. So ist schon ein Insektenhotel, ein Bienenstock, ein selbstgebautes Zelt aus Stöcken, ein Sandkasten u.v.m. entstanden. Besonders schön und einzigartig fanden wir den Weg, der an den Beeten entlangführt. Dieser ist mit bunten Mosaiken gepflastert, die bei einem Workshop mit Kindern gestaltet wurden.

Der Garten ist Teil des Integrationsnetzwerks in Chemnitz und steht mit vielen Einrichtungen der Migrantenarbeit in Kontakt. Das ca. 2000 Quadratmeter große Grundstück wird dafür von der Stadt zur freien Verfügung gestellt. Es liegt am unteren Kaßberg in der Franz-Mehring-Straße 39. im Hinterhof eines Häuserkarrees. Für 2,50€ den Quadratmeter, kann man sich ein Stückchen Erde mieten und nach Belieben bepflanzen. Der Verein zählt aktuell rund 35 Mitglieder, einige teilen sich auch ein Beet und man hilft sich gegenseitig, wenn mal weniger Zeit ist.

Nach unserem Besuch in dem Garten haben wir uns total glücklich und entspannt gefühlt. Es war wie als wäre man kurz in einer anderen Welt gewesen und wir überlegen schon, uns einen RABBAZ-Garten zu mieten. Da werden dann natürlich erst mal Kakaobohnen und Wein angebaut! 😉

In Chemnitz gibt es einige dieser offenen Gartenprojekte. Auf dem Sonnenberg kann man sich zum Beispiel der Gartenutopie anschließen und im Schlossviertel gegenüber der Zukunft gibt es den Kompott – Garten. Also an alle grünen Daumen und die die es werden wollen – lets fetz!