Was ich in drei Monaten Podcast mit Sexarbeiter:innen gelernt habe

Seit ein paar Monaten sprechen Johannes und ich für unseren Podcast „Wahrheit- oder nicht?“ mit Sexarbeiter:innen. Warum?! Ja, ehm – gute Frage. Man redet mit Musiker:innen über Musik, mit Sportler:innen über Sport mit Virolog:innen über alles, und mit Sexarbeiter:innen über nichts, vor allem nicht über ihren Beruf oder Sexualität, weil …okay warum eigentlich nicht? Naja, weil Sexarbeit eben ein Tabu-Thema ist.

Warum aber ist ein Thema überhaupt ein Tabu-Thema? Tabus sind dazu da unser Handeln in sozialverträglichen Bahnen zu behalten – sie sind positiv ausgedrückt so etwas wie ein moralischer Kompass für ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander. Wer sich von Tabus fernhält, reduziert also eventuell die Wahrscheinlichkeit von anderen verurteilt oder beschämt zu werden.

Was ist Sexarbeit und was nicht?

Wenn es jemanden gibt, der sexuelle Selbstbestimmung und – Vielfalt, ihre Extreme und ihre Kraft wirklich erlebt, kennt und anerkennt, sind es wahrscheinlich Sexarbeiter:innen. Ihre Arbeit beginnt dort, wo viele Menschen am verletzlichsten sind: bei sexuellen Vorlieben und Ängsten, unerfüllten Wünschen, geheimen Fantasien, Zwangsgedanken, Scham und Stolz, seelischen, körperlichen und emotionalen Ektasen und Blockaden, Höhen und Abgründen. Die Auseinandersetzung damit macht es unvermeidbar den eigenen Normbereich in Bezug auf Sexualität in Frage zu stellen, was viele Menschen meiden. Leichter ist es, Sexarbeitende allgemein in öffentlichen Debatten als Opfer patriarchaler Strukturen zu betrachten, viele führen den Beruf jedoch freiwillig aus und sehen diesen als Teil ihrer sexuellen Selbstbestimmung. Vi erzählt uns zum Beispiel, dass sie durch die Arbeit gelernt hat, ihre eigenen Grenzen zu definieren und aufzuzeigen. Etwas, das ihr im privaten Bereich schwerfällt. Es gefällt ihr außerdem, selbst zu bestimmen, wie viel jemand für Intimität mit ihr bezahlt.

Wichtig ist hier, zu sehen und anzuerkennen, dass Sexarbeit enorm vielfältig ist und es ein Privileg ist, diese Arbeit selbstbestimmt auszuführen zu können. Menschenhandel und Zwangsprostitution sind ohne Frage ein großes, ernstzunehmendes Problem und klar von dem was hier als Sexarbeit bezeichnet wird abzugrenzen.

Sex-Treffen gegen die Einsamkeit

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen sexuelle Dienstleistungen kaufen. In unseren Gesprächen wiederholt sich aber vor allem ein Motiv: die Einsamkeit.

So geht es bei Kund:innen-Terminen oftmals nicht nur um sexuelle Befriedigung, sondern auch um Nähe, Zuneigung und vor allem Verständnis. Verständnis für das, was nicht geäußert wird, aus Scham und Angst verurteilt zu werden. Sexarbeiter:innen werden also oft zu einer Art Gesprächs-Therapeut:innen auf Abruf. Ein möglicher Grund dafür, der in unserem Gespräch mit Nils von der Organisation Pinkstinks aufkam ist, dass viele Männer verinnerlicht haben, Nähe und Zuneigung nur in Zusammenhang mit Frauen und Sex bekommen zu können. Nicht einfach so von Freunden – bedingungslos und ohne sexuellen Bezug. Die eigene linksalternative Freundesblase ist hier nicht die Norm! Gemeint sind auch Menschen, die durch ihre soziale Herkunft und das ungerechte Spiel des Lebens bzw. eher unseres gesellschaftspolitischen Systems in ihrem Umfeld wenig alternative Denkanstöße bekommen haben und in ihrem Instagramfeed nicht laufend an toxische Geschlechterrollen erinnert werden. Sich Sex zu kaufen, gilt somit gesamtgesellschaftlich immer noch als eher männlich. Zu Therapeut:innen zu gehen irgendwo als schwach und deshalb – natürlich – nicht männlich. Es gibt aber wie gesagt noch viele andere Gründe, warum Sexarbeit nachgefragt wird und warum sie angeboten wird.

Selbstbestimmung und Befreiung durch Sexarbeit?!

Da ist zum Beispiel Nadine, die als Sexarbeiterin durch Deutschland tourt, nebenbei in der Pflege arbeitet und die sexuellen Bedürfnisse von den Menschen dort sieht und ernst nimmt. Buffy aus Seattle finanziert aktuell mit Sexarbeit ihr Studium und Astrid ist seit 30 Jahren in der Sexarbeit tätig, weil sie Sex liebt. Es gibt Hannah, die jegliche Art von Fetischen bedient und nebenbei hauptsächlich zockt, Sarah, die als Transgender female Domina arbeitet, oder Cedric, der ab und zu als Escort gearbeitet hat und seit neustem einen Sugar Daddy hat, der ihm ab und zu einen bläst. Es gibt Schwester Sandra, die als Krankenschwester arbeitet, nebenbei BDSM-Klinik Partys in Chemnitz veranstaltet und gemeinsam mit ihrem Freund, der zuvor ihr Kunde war, jegliche Facetten des Analverkehrs auslebt. Und da sind Frauen wie Ruby und Vi, die einfach gerne viel und abwechslungsreichen Sex mit unterschiedlichen Menschen haben möchten und für die Sexarbeit deshalb einfach passt. Eine gesetzliche Regelung in Form eines Sexkaufverbots (Bestrafung der Freier:innen und nicht der Sexarbeiter:innen), die sowohl für Zwangsprostitution als auch für selbstbestimmte Sexarbeit gilt, ist daher für die meisten unserer Podcast-Gäste keine zufriedenstellende Lösung. Auch die enorme Stigmatisierung und Diskriminierung, der viele Sexarbeitende ausgesetzt sind, würde dies nicht verbessern. Das grundliegende Problem ist somit das Festhalten an einem enorm kleinen sexuellen Normbereich und die daraus entstehenden Stigmata, von denen Sexarbeitende und Kund:innen belastet werden. Mit Befreiung und Selbstbestimmung hat das eher wenig zu tun.

Text: Katha von Sterni
Illustration: Laura Naumann

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