God save the queer

Einmal im Jahr richtet die Welt ihre Aufmerksamkeit auf die LGBTQ+*- Community. Wenn das passiert, ist wieder Pride Month. Kommerziell reiten einige auf der bunten Welle mit und betreiben Pinkwashing. In der Modeindustrie, u.a. bei Ralph Lauren, Levi’s, Burberry oder Diesel wurde der LGBTQ+ Community eine Plattform gegeben und das eingenommene Geld über die Pridekollektionen wurde gespendet, nur bleibt es fraglich ob die Community auch an allen anderen 11 Monaten des Jahres mit einbezogen wird. Dann gab es da noch die die Shitstorms auszuhalten hatten, wie beispielsweise BMW und die bei denen es mit der Solidarität schon vorbei war (siehe Zara), bevor der Monat überhaupt endete. Neben dem ganzen Hype und Kommerz vergessen die Meisten den eigentlichen Ursprung von Pride, der seinen Anfang im Stonewall Inn in New York im Jahr 1969 fand. Die Bar war ein Rückzugsort für marginalisierte Gruppen wie nicht-heterosexuelle Menschen, Sexarbeiter*innen, von Rassismus Betroffenen und Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechteridentität diskriminiert wurden. Ebenso wie andere Schwulenbars, hatte auch diese von der New Yorker Alkoholbehörde keine Schankgenehmigung ausgestellt bekommen und die Polizei führte eine Razzia durch. Immer wieder wurden Personen, die bei Razzien aufgegriffen wurden, bloßgestellt und ihre Identitäten zum Teil auch veröffentlicht. Am 28. Juni 1969 widersetzten sich die Besucher*innen nachdem es zu Verhaftungen und einer Räumung kam. Es folgten tagelange Aufstände und Auseinandersetzungen. Diese Aufstände bilden die Grundlage für die heutige LGBTQ+ Bewegung. Inzwischen sind 51 Jahre vergangen und Mensch könnte meinen, es hat sich inzwischen viel verändert. Aber ist dem denn so?

Was passiert eigentlich gerade?

Dass die CSDs in diesem Jahr nicht nur in Großstädten waren, sondern auch in ländlichen Regionen wie Zwickau und Pirna stattfanden, hat mit dem Sichtbarmachen von Ungerechtigkeiten zu tun. Laut Different People e.V. ist dies nämlich ein wesentlicher Teil von Pride: „Sichtbarkeit schaffen, Menschen zusammenbringen, Diversität aufzuzeigen und darum kämpfen, dass alle die gleichen Rechte haben und nicht nur die gleichen Pflichten. […] Es ist ein Zeichen immer noch zu sagen, dass es nicht so ist und ganz viel passieren muss, was eben nur zusammen geht“, beschreibt die Wichtigkeit der CSDs. Das homosexuelle Menschen zum Beispiel immernoch nicht die gleichen Möglichkeiten haben, zeigte sich in der Blutspendedebatte. Seit den 1980er Jahren hat sich dort noch immer nicht viel verändert und schwule sowie bisexuelle Männer dürfen nur unter strengen Auflagen Blut geben. Neben wenig Weiterentwicklung gab es zuletzt auch Rückschritte in Europa. In Polen gibt es LGBTQ+- freie Zonen, die ein Drittel des Landes einnehmen. Im Februar wurden davon sogar große Unterstützer bekannt. Die Biermarken Tyskie und Lech sponsorten und warben in Zeitungen mit Anti-LGBTQ+ Propaganda.

Wie jetzt bekannt wurde, hat die EU Städtepartnerschaften und die damit einhergehenden Fördergelder den LGBTQ+- freien Zonen abgesprochen.

Normalität ist kein Zustand, Normalität wird erschaffen

Ein Kronprinz soll endlich heiraten, um König zu werden. Deshalb hat er ganz viele Prinzessinnen zu sich eingeladen. Wäre da nicht der Bruder von Prinzessin Liebegunde. Die Geschichte ist eine, die über Liebe erzählt und vom Different People e.V. in Kindergärten vorgelesen wird. Was sich zeigt, ist dass die meisten 5-6- Jährigen gar nicht auf das Geschlecht achten, sondern darauf mit wem sich der Kronprinz am besten versteht und das ist dann eben Liebe. Irgendwie schön, dass in dem Alter das Denken nicht von Klischees vereinnahmt wird. Dafür ist es umso schockierender wie es dann in der Schule weitergeht. Das meist genutzte Schimpfwort auf Schulhöfen ist „schwul“. Darauf eingegangen wird selten und auch queere Sexualität spielt in den Lehrplänen keine Rolle. Daran etwas geändert hat jetzt Schottland. Ab dem Jahr 2021 werden die Schüler*innen über die Queer-Bewegungen, den Kampf gegen Homophobie und Transphobie unterrichtet. Was in Deutschland bleibt, ist die Eigeninitiative der Lehrer*innen und die Selbstrecherche. Dazu lernen können wir alle, auch, was unseren Wortschatz anbelangt.

Dass für alle mitgedacht werden sollte um keine*n auszuschließen, hat sich seit längerem schon bei Medien wie der Tagesschau (auf Social Media), den Funk-Formaten oder auch den taz etabliert. Seit kurzem ist Sachsens Kabinett auch in der Neuzeit angekommen. Es wurde beschlossen, dass die Rechtssprache von nun an gendergerecht wird. Das heißt, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau nun auch in den Gesetzen Platz nimmt. Ein kleiner Schritt, der etwas verändert.

Was andere in Sachsen bewegen – queere Bildungsprojekte

Viel Zeit und Arbeit in die Veränderung investieren in Sachsen mehrere Vereine. Ein ganz großer Meilenstein, der von LAG queeres Sachsen gemeistert wurde, ist die Entwicklung einer Studie zusammen mit der Hochschule Mittweida zu Gewalt gegenüber der LGBTQ+-Community. Viel verändert hat diese, weil es zuvor keine aussagekräftigen Zahlen dazu gab, sondern nur Polizeistatistiken. Bei den 369 Menschen die an der Befragung teilnahmen, wurden innerhalb der letzten fünf Jahre 1672 Übergriffe in Sachsen ermittelt. Zum Vergleich: es heißt, dass zwischen 2001 und 2017 beim Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität im Themenfeld „Hasskriminalität“, Unterthema „Sexuelle Orientierung“ insgesamt ganze 55 Fälle in Sachsen registriert wurden. In der Studie stellte sich heraus, dass nur 11% Gewalt anzeigten. Mehr als die Hälfte fühlten sich nicht gut beraten.

Dabei sei hervorzuheben, dass die ganze Studie mit Crowdfoundinggeldern finanziert wurde, weil es vom Bundesstaat Sachsen keine Förderung gab. Doch auch jetzt ist alles nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Es wurde gehandelt und mit dem LKA und dem Innenministerium Kontakt aufgenommen. Doch auch wenn es seit 2019 eine zentrale Ansprechstelle beim Landeskriminalamt gab und auch Opferschutzbeauftragte in den Polizeidirektionen Dresden, Zwickau, Chemnitz, Görlitz und Leipzig sitzen, sind diese nicht spezialisiert und zusätzlich dazu ausgebildet.

Quelle: LAG Sachsen

LAG-queeres Sachsen
„Die Landesgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen e.V. ist der Dachverband der sächsischen Vereine und Initiativen, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen in allen Lebensaltern und Lebensbereichen einsetzen. Wir vertreten unsere Mitglieder, ihre Interessen und Bedarfe vor Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, führen Aufklärungs- und Bildungsveranstaltungen durch und arbeiten an einer landesweiten Vernetzung, um Anlaufstellen und Angebote für LSBTTIQ* zu schaffen.“
Aktiv werden: Lust, in Sachsen etwas zu bewegen? Dann komm als Praktikant*in zu uns in die Fachstelle der LAG Queeres Netzwerk Sachsen. Wir suchen 2020 zum nächstmöglichen Zeitpunkt und darüber hinaus fortlaufend Praktikant*innen, gern aus allen wissenschaftlichen Disziplinen oder Berufsfeldern. Dein Engagement für das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist uns aber am wichtigsten info@queeres-netzwerk-sachsen.de
Spenden: https://www.queeres-netzwerk-sachsen.de/spenden

Different People e.V Chemnitz
„Wir sind ein Beratungs- und Kommunikationszentrum für homo-, a-, bisexuell (-romantisch), trans- oder intergeschlechtlich lebende Menschen, deren Angehörige und alle Interessierten. Hier findest du alle Informationen zu Beratung, Bildungsarbeit, Workshops, Weiterbildungen, Öffnungszeiten, Veranstaltungen, Gruppen, Treffs, Gemeinschaft, Gemütlichkeit und dem Vereinsleben.“
Aktiv werden: Für unser Bildungsprojekt „WE simply ARE“ suchen wir engagierte Menschen, die uns im Team unterstützen Chemnitz und Umgebung offener und vielfältiger zu gestalten, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und Diskriminierung zu vermeiden. Deine eigene L(i)ebensrealität ist dabei völlig egal.
Kontakt: eunike.zobel@different-people.de
Spenden: https://www.different-people.de/theme-features/spende
Wir sind auch bei gooding.de, so dass Mensch uns bei jedem Kauf bei Onlineshops (z.B. Lieferando, Ebay, Otto.de…) mit 2-5% unterstützen kann: https://einkaufen.gooding.de/different-people-e-v-42859

LSVD Chemnitz
„Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Sachsen e.V. ist ein Bürgerrechtsverband und vertritt die Interessen und Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI). Menschenrechte, Vielfalt und Respekt – wir wollen, dass LSBTI als selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens akzeptiert und anerkannt werden.
Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben ist die volle rechtliche Gleichstellung. Wir treten ein für eine Gesellschaft, die Selbstbestimmung und eine Vielfalt an Lebensweisen als Bereicherung erkennt und wertschätzt.
In den vergangenen Jahren haben wir uns vor allem durch unsere Arbeit in der Coming-out-Beratung für Homosexuelle und die Aufklärung über antihomosexuellen Fundamentalismus einen Namen gemacht. Wir sind darüber hinaus in verschiedenen Projekten tätig, die sich mit Antidiskriminierung, geflüchteten LSBTI*, Homofeindlichkeit in der Gesellschaft und im Sport, Regenbogenfamilien, Arbeitswelt und internationaler Unterstützung von LSBTI* beschäftigen. Wir organisieren Aktionen und Veranstaltungen und sind Ansprechpartner für verschiedene Institutionen.“
Aktiv werden: Du willst Dich engagieren, hast tolle Ideen und Vorschläge für Aktionen und Veranstaltungen oder möchtest uns ehrenamtlich unterstützen? Dann meld Dich bei uns: sachsen@lsvd.de
Spenden: https://sachsen.lsvd.de/aktiv-werden/

Wie du selbst zur Normalität beitragen kannst
Pride ist ein jahrzehntelanger Kampf, der noch nicht beendet ist. Damit sich was verändert müssen wir füreinander einstehen, dazu lernen und in den Protest gehen. Und feiern, dass sich Dinge schon geändert haben.

Hier gibt es noch weiteren Input zum dazu lernen:

Bücher:
Call Me by Your Name von André Aciman
Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde
Queer Heroes von Arabelle Sicardi
Gender-Kram von Louie Läuger
Love Simon Becky Albertalli
Geschlecht wider die Natürlichkeit von Heinz Jürgen-Voß
Trans.Frau.Sein von Felicia Ewert

Filme:
Blau ist eine warme Farbe
Moonlight
Rafiki
Bohemian Rhapsody
Rocket man
Eine geheime Liebe
Happy Birthday, Marsha (auf Amazon schauen, da die Doku auf Netflix dazu ein Plagiat ist https://taz.de/Trans-Aktivisten-kritisieren-Netflix-Doku/!5453095/?goMobile2=1594080000000)

Serien:
Sense 8
Where Pride began
Queer Eye
RuPaul´s Drug Race
Feel Good
Sex Education
Pose

*Aus Gründen der Leserlichkeit haben wir uns für die vereinfachte Form „LGBTQ+“ entschieden, schließen aber auch Inter-, Trans- und A-Sexuelle in unserer Bezeichnung mit ein.

Text: Svenja Jäger
Illustration: Theresa Schultz

Vaginismus – „Mein Problem gibt es übrigens!“

Ich habe mit einer jungen Frau über ihren Vaginismus gesprochen. Sie hat mir aus ihrem Leben erzählt. Davon, was sie mittlerweile über ihr „Problem“ weiß und was es sie zurück gelehrt hat.

Wie erklärst du anderen Menschen deinen Vaginismus so, dass es sich für dich korrekt anfühlt?

Krankheit ist schwierig, Störung ist auch ein sehr negatives Wort. Oft sage ich, ich habe ein Problem. Im Grunde ist das Problem eine Verkrampfung der Scheidenmuskulatur, wodurch sich Penetration sehr schmerzhaft anfühlt oder sogar gar nicht möglich ist. Als ich entdeckt habe, dass ich betroffen bin, gab es dazu nichts im Internet. Ich habe erst sehr spät erfahren, dass es überhaupt einen Begriff dafür gibt.

Die ersten sexuellen Erfahrungen sind in der Jugend meistens ein großes Thema. Wie bist du damals damit umgegangen?

Ich habe damals kaum mit Freunden darüber gesprochen. Mit etwa 18 Jahren war ich in meiner ersten Beziehung, die über ein Jahr ging. Ich habe nie jemandem gesagt, dass penetrativer Sex bei uns nicht funktioniert hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht sein kann und hatte Angst, von meinen Freunden als seltsam abgestempelt zu werden. Dann habe ich mich an meine Frauenärztin gewandt. Sie kannte das Problem bzw. Vaginismus nicht und gab mir den Ratschlag, ich solle einfach versuchen zu entspannen und müsse vielleicht einfach mehr Vertrauen zu meinem Partner aufbauen. Einmal meinte sie, ich solle es mal mit einem Schluck Wein zur Entspannung versuchen.

Das ist wirklich eine fragwürdige Methode, gab es weitere solcher kurioser Vorschläge?

Ja, aber das habe ich aber tatsächlich schon von mehreren Frauen gehört. Meine Ärztin meinte, ich solle mit Tampons und meinem Finger üben, was natürlich auch schwierig war, weil ich da ja gar nicht reinkam. Von anderen Frauen habe ich gehört, dass ihnen geraten wurde, mit Dildos zu üben. Das alles war in Anbetracht dessen, dass es sich ja um eine körperliche Reaktion handelt, die man erst mal nicht kontrollieren kann, nicht besonders hilfreich. Ich hatte damals das Gefühl, da wird etwas auf meine Persönlichkeit abgewälzt, was ich gar nicht bin. Ich habe mich selbst immer als entspannten, fröhlichen Menschen wahrgenommen. Deshalb fand ich es auch super schlimm, dass ich von anderen als verkrampft gesehen werde aufgrund von etwas, das ich mir selbst gar nicht erklären kann.

Gab es damals so etwas wie einen Schlüsselmoment wo du dir klar wurde, dass es eben genauso nicht ist?

Ich habe irgendwann aufgehört, überhaupt darüber zu sprechen. Die Ratschläge meiner Frauenärztin haben mir nicht geholfen. Egal wie entspannt ich war und wie viel Vertrauen ich in meinen damaligen Partner hatte, es hat sich nichts geändert. Nach dem Abitur war ich im Ausland, dort habe ich erstmal unbewusst versucht, allem aus dem Weg zu gehen, was irgendwie mit Sexualität zu tun hatte. Ich habe mein Problem verdrängt. Als ich wieder zurück war und ein Studium begonnen hatte, kam es seit langer Zeit mal wieder zu einer Situation, in der ich mit einer Person intim werden wollte. Da wurde ich plötzlich wieder extrem damit konfrontiert. Ich war auch wegen der einseitigen Ratschläge meiner Frauenärztin davon ausgegangen, dass die Verspannung ein mentales Problem war, dass etwas mit meiner Beziehung zu tun haben musste. Deswegen dachte ich wohl irgendwie, dass sich das nach all der vergangenen Zeit vielleicht einfach von selbst gelöst hätte. Dem war aber nicht so. Vor dem Schlüsselmoment gab es dann also erst mal diesen Schockmoment.

Und wie bist du dann damit umgegangen?

In einer zufälligen Situation hat mir eine junge Frau von ihren Problemen mit Penetrationssex erzählt, ohne dass sie wusste, dass ich dasselbe Problem habe. Wir kannten uns kaum und das war irgendwie super krass in dem Moment, weil ich gesehen habe wie offen sie darüber spricht. Sie war eine sehr lebensfrohe, selbstbewusste Person und wirkte in keiner Weise verkrampft. Sie wusste auch nicht, was Vaginismus ist, aber wir haben lange über unsere Erfahrungen gesprochen und festgestellt, dass sie sehr ähnlich sind. Durch diese Begegnung habe ich gemerkt, wie sehr es mir hilft, darüber zu sprechen. Auch wenn es anfangs schwerfiel, habe ich das dann auch immer mehr getan. So habe ich auch mehr von Frauen erfahren, die von ähnlichen Problemen betroffen sind. Zu diesem Zeitpunkt war ich 21 Jahre alt. Über eine Freundin erfuhr ich dann von einem Kurzfilm über das Thema Vaginismus. Sie hat mir den Trailer gezeigt und ich musste total weinen, das hat echt etwas in mir gelöst. Es war das erste Mal, dass ich ein Wort dafür hatte. Dann habe ich einen Artikel darüber gefunden, den ich erst mal allen meinen engen Freund*innen geschickt habe. Die waren auch erstaunt darüber. Für mich war das ein kompletter Plot Twist. Ich konnte sagen „mein Problem gibt es übrigens!“.

Das war bestimmt ein sehr befreiender Moment. Wenn man so persönliche bzw. intime Probleme benennen kann, erleichtert das auch darüber zu sprechen?

Ja total, das hat mir echt eine Last abgenommen. Ich hatte das Gefühl endlich weiter zu kommen. Ich hatte etwas gefunden, wie ich mich erklären konnte.

Erschreckend, dass dir auf diesem Weg keine Ärzt*innen weiter helfen konnten.

Ich habe mir einige Artikel dazu durchgelesen und auch Ärzt*innen darauf hingewiesen. Dennoch habe ich nie die Diagnose „Vaginismus“ bekommen. Auch die Behandlung habe ich mir durch den Kontakt mit anderen Betroffenen komplett selbst erschlossen, dazu habe ich keine Beratung bekommen. Ich habe mir ein Set mit Dilatoren in verschiedenen Größen bestellt und damit angefangen zu „üben“. Bald schaffte ich es, den allerkleinsten, der etwa Tampongröße hatte, einzuführen. Dann ging es langsam auch mit den größeren Dilatoren immer besser. Vaginismus ist sehr wenig erforscht und es gibt viele Frauen, die nie darüber sprechen, weil sie sich dafür schämen – deshalb ist er wahrscheinlich auch vielen Ärzt*innen unbekannt.

Gibt es unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Vaginismus?

Ja, grundsätzlich unterteilt man zwischen primärem und sekundärem Vaginismus. Primär bedeutet, dass das Problem im Prinzip schon von Geburt an da war. Viele merken das dann zum ersten Mal beim Versuch Tampons zu verwenden. Der sekundäre „erworbene“ Vaginismus entsteht später, oft ausgelöst durch traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigungen aber auch zum Beispiel nach Geburten. Schon seit Längerem bin ich in einem Austauschforum für Betroffene aktiv. Dort werden die verschiedensten Geschichten erzählt. Eine Frau erzählte, dass sie in ihrer Beziehung zu Beginn ganz „normal“ Geschlechtsverkehr haben konnte, bis es dann nach ein paar Monaten gar nicht mehr ging – ohne, dass es einen klaren Auslöser gegeben hätte.

Du hast vorhin kurz durchklingen lassen, dass du selbst einen Blog zu dem Thema gründest, in dem betroffene Frauen über das Thema schreiben.

Es gibt bereits ein paar gute Plattformen zum Austausch. Zum Beispiel eine internationale Facebook-Gruppe wo sich Betroffene verbinden können. Über eine weitere deutsch-österreichische Facebook-Gruppe mit knapp 100 Mitgliedern habe ich nun Kontakt zu einer Frau aus Wien aufgenommen die auch eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Vaginismus gegründet hat. Gemeinsam mit ein paar anderen Frauen möchten wir nun einen Blog gründen. Ich hoffe das klappt, denn ich merke, dass es auch für andere sehr wichtig ist, darüber sprechen zu können. Viele betroffene Frauen hatten überhaupt keinen Zugang zu Informationen für Behandlungen oder Kontakt zu anderen Betroffenen, als sie ihren Vaginismus entdeckten. Jetzt wollen wir vermeiden, dass sich noch mehr junge Mädchen so fühlen, als seien sie mit ihrem Problem allein auf der Welt.

Das ist jetzt noch mal eine sehr persönliche Frage. Wie gehst du damit heute damit um, wenn du mit Menschen intim wirst?

Das ist immer noch sehr schwierig, weil es auch Situationen sind, in denen man sich oft generell sehr verletzlich fühlt. Ich versuche Situationen zu meiden in denen ich mich von einer anderen Person unter Druck gesetzt fühle und nicht wirklich ehrlich sein kann. Ich muss mein Problem auf jeden Fall immer zur Sprache bringen und das erfordert natürlich Überwindung. Meistens versuche ich erst mal herauszufinden, ob die Person schon einmal von Vaginismus gehört hat. Ich habe das Gefühl, was das angeht ist in den letzten zwei Jahren viel passiert. Das Thema wird ja auch in bekannten Serien, wie zum Beispiel Sex Education oder auch Unorthodox angesprochen. Für die meisten ist es dennoch ein komplett unbekanntes Ding – und das macht es schwer, zu erklären.

Was hilft dir im Umgang damit am besten?

Am meisten geholfen hat mir eigentlich die Erkenntnis, dass ich nicht alleine bin mit meinem Problem, dass es viele Betroffene gibt, und dass es überwindbar ist. Wichtig ist, in Ruhe mit den Dilatoren zu üben und zu wissen, worauf man wie reagiert, sich keinen Druck zu machen, wenn das „Training“ mal nicht klappt und sich die Zeit zu nehmen, die man braucht. Selbst- und Fremdkontrolle spielt da auch eine große Rolle. Ich habe auch von Frauen gehört, die das Dilatorentraining mit ihrem Freund zusammen gemacht haben, um auch zu lernen, die Kontrolle abzugeben. Auch Atemtechniken können helfen.

Viele Frauen haben ein ziemlich entfremdetes Verhältnis zu ihren Geschlechtsorganen bzw. haben sich einfach nie wirklich damit vertraut gemacht. Glaubst du das unser gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema eine Rolle dabei spielt?

Ja, ich denke schon. Dennoch gibt es auch in dieser Hinsicht sehr aufgeklärte Frauen, die das Problem trotzdem haben. Es ist also nicht davon abhängig. Ich erinnere mich aber daran, dass wir Biounterricht nichts über die Funktion der Geschlechtsorgane gelernt haben, nur eben wie sie beschriftet werden. Oft wird die eigene Vagina wie ein verbotener Bereich behandelt mit dem man sich als Frau nicht beschäftigen soll, der aber doch ein Teil des Körpers ist. Als ich mit meiner Frauenärztin damals darüber gesprochen habe, weiß ich noch wie unangenehm mir das war und dass ich mir als ich zu Hause geübt habe öfter gedacht habe „Das ist total komisch, was ich mache“ was eben auch zeigt wie krass tabuisiert das Ganze ist.

Auch Männer wissen zu wenig über die weibliche Sexualität. Warum lernt man im Sexualunterricht eigentlich nicht wie man guten, sicheren Sex hat? Würde das Leben enorm erleichtern, haha. Naja back to topic, hast du zum Abschluss vielleicht noch ein paar Tipps zu Inhalten, die du empfehlen kannst, um sich mit der Thematik weiter auseinander zu setzen oder auch für Frauen die Hilfe suchen?

Ja, total haha. Und ja klar! Erstmal die beiden Serien Sex Education und Unorthodox. Dann gibt es gibt eine sehr gute und ehrliche Folge des YouTube-Kanals „auf Klo“ zu dem Thema. Bzgl. Accounts und Plattformen gibt es auch schon Einiges: Eine Bekannte von mir hat den Instagram Account (vaginismus.hilfe) erstellt. Die Facebook-Gruppe von der ich vorhin gesprochen habe, heißt „vaginismus support group“ Darüber können sich z.B. Betroffene mit anderen Betroffenen verbinden die in der Nähe sind, und auch über Behandlungen austauschen. Außerdem gibt es die Instagram Accounts invisible.wall.vienna und pelvic_flawless. Die meisten Accounts sind noch sehr jung, aber es kommen immer mehr dazu! Diese Entwicklung freut mich sehr, und ich hoffe, dass sich in Zukunft weniger Mädchen wie Aliens fühlen und mehr Informationen zum Thema finden, als ich damals.

Text: Katha von Sterni

Illustration: @marydoesartstuff