Altrosa.

*****Triggerwarnung: Sexueller Übergriff*****

Da steht ein Sack am anderen Ende des Flures, dessen transparente Hülle altrosafarbene Bettwäsche preisgibt. An sich ist er nicht groß, so groß wie ein normaler Müllbeutel eben groß ist.

An sich ist er nichts Besonderes, eine durchsichtige Tüte, gefüllt mit Stoff, Nähten und Reißverschlüssen. 

An sich ist das alles nicht wirklich weltverändernd, nicht für Außenstehende jedenfalls. 

Sie steht am anderen Ende des Flurs und starrt den Beutel mit einer Mischung aus Unglauben, Verachtung und Stolz an. Die ganze Situation scheint ihr irgendwie surreal und absurd.

 Sie fühlt sich nicht wie sie selbst, nicht wie die Protagonistin ihres eigenen Lebens, sondern eher wie eine Zuschauerin.  

Sie fühlt sich nicht als würde sie mit ihren eigenen Augen sehen, sondern als würde sie dem ganzen Spektakel eher zusehen. 

Sie fragt sich, was andere Menschen jetzt wohl denken würden. 

Sie fragt sich, ob andere Menschen auch so fühlen würden. 

Sie fragt sich, ob andere Menschen auch dasselbe tun würden. 

Sie fragt sich, ob sie nicht vielleicht doch überreagiert. 

Es ist mehr als ein halbes Jahr, mehr als 6 Monate, mehr als 25 Wochen, mehr als 175 Tage her. Aber hier zählt ja niemand mit. Obwohl der Zeitraum so erschreckend lang klingt, so als dürfte sie deshalb keine emotionalen Reaktionen mehr zeigen, so erscheint er doch auch irgendwie extrem kurz. Jedenfalls in ihrer Erinnerung. Immer dann, wenn das Geschehene hochkommt und vor ihren Augen abläuft wie ein schlechter Film. Sie erinnert sich an den Klang der Stimme, an den Geruch des Raumes, an das Gefühl der Hände, die nicht ihre eigenen waren. Sie erinnert sich an Worte, Sätze, Gesichtsausdrücke, an Blicke und an die Farbe der Bettwäsche – altrosa. 

Altrosa ist jetzt die Farbe, die sie mit Kontrollverlust und fehlender Zustimmung verbindet. 

Die Erinnerungen kommen und gehen.

 Manchmal einfach so, manchmal bei bestimmter Musik, manchmal an bestimmten Orten. 

Immer bei der sich jetzt im Müllsack befindlichen Bettwäsche.

Unabhängig von der Anzahl der Kochwäschen, der guten Worte mit sich selbst, unabhängig von der im Nachhinein mehr oder weniger erzwungenen Entschuldigung, altrosa musste aus dem Arsenal an Habseligkeiten verschwinden. 

Die Mülltüte am Ende des Flures starrt mit scheinbar 1000 Augen zurück. Sie verzieht keine Miene. Sie sagt nichts. Ihr nicht vorhandener Gesichtsausdruck spricht für sich. Sie spricht für sich. 

Aber wofür eigentlich?

Für das Vergessen? Eher nicht. 

Für einen Neuanfang? 

Für Besserung?

Für Stärke? 

Für den Rückkampf der Kontrolle?

 Für Persönlichkeitswachstum?

Ja wofür sprechen Dinge eigentlich, wenn sie eingepackt in Plastik sind, am Ende des Flures stehen und hoffen, dass ihre permanente Abwesenheit Erleichterung verspricht?

Sie steht am Ende des Flures, starrt den Beutel mit altrosa Füllung mit einer Mischung aus Unglauben, Verachtung und Stolz an und hofft, dass die Erinnerungen langsam, aber sicher zumindest aus dem unmittelbaren Alltag schwinden.

Sie hofft, dass die Filme weniger werden. 

Sie hofft, dass die Zweifel an ihr selbst weniger werden. 

Sie hofft und sie hofft und sie hofft, dass es vorbeigeht. 

Irgendwann. 

Text & Bild: Ilka Reichelt

Brückentagsexildeutsche

„Ich hoffe so sehr, dass wir reinkommen!“

– „Meinst du unsere Chancen stehen gut? Darauf freu’ ich mich schon so lange!“

„Die Schlange ist mega lang, aber lass mal trotzdem anstellen, wir kommen schon irgendwie rein.“

– „Das wird UNSERE Nacht“

Die Berliner Clubszene wird behandelt wie ein elitärer Club, dem man nur beitreten kann, wenn man nicht nur sein Erstgeborenes in die schützenden Hände des Türstehers gibt. Einer Szene, die sich vor allem durch Wochenendtouristen, Feiertagspendler und Brückentagsexildeutsche kennzeichnet, wird auf den Thron der vollkommenen Glückseligkeit gehoben. Gekrönt wird der überzogene Hype durch obengenannte Dialoge, die einem das Gefühl geben, man würde für etwas anderes anstehen, als die fünf bis zwölf Stunden Tanzwut für die man sich eben in einen Schuppen drängt, der viel zu laut, viel zu voll und vor allem mit komischen Leuten ausgestattet ist. Aber was macht man nicht alles um seine kurze Zeit der Jugend und Unvollkommenheit zu zelebrieren.

Das „Malle ist nur einmal im Jahr“ des noch viel kleineren Mannes findet hier seinen Höhepunkt. Statt sich wie die anderen Atzen in der prallen Sonne einer Mittelmeerinsel deiner Wahl volllaufen zu lassen, machst du es klüger. Du bleibst in Deutschland und folgst dem Puls der Zeit. Immer im Beat der Bassline in Richtung Club vor dem du unglücklicherweise deine gesamten Teen- und Twen-Kompanen direkt wieder begrüßen kannst. Wie es sich für die ultimative Berlin-Experience gehört, ist das Hostel direkt in Club-Nähe gebucht. Denn dieses Wochenende gehört dir. Du willst verrückt sein und deiner gewonnen Anonymität frönen. Dein Ziel: Einmal so feiern, wiees hier alle machen. Jeden Tag.

Mit viel Glitzer, gefakter Individualität und Konsum verschiedenster Substanzen wird die Persönlichkeit herausgekratzt, von der du selbst nicht mal wusstest, dass du sie in dir trägst. Aber nun gut, auch dir sei gegönnt deine 48 Stunden „Crazyness“ – wie die coolen Kids es nennen – zu leben. Spätestens dienstags geht der Zug zurück und mit ausgelutschten Phrasen à la „Was in Berlin passiert, bleibt in Berlin“ fährt dich der IC direkt zurück zu deinem/r Freund*in ins geliebte Eigenheim back to Boring-Town. Doch wenn man ehrlich ist, welche Stadt würde sich besser eignen, um in der Anonymität unterzugehen und die Party-Nacht für sich tanzen zu lassen? Mit offener Drogen- und Türpolitik sollte einem Sommernachtstraum doch nichts im Wege stehen.

Anders als in den Scheunendiskos deiner Stadt wird hier zum Drop nicht in den Moshpit gesprungen, laut gegrölt oder die nächste Runde Mexikaner geordert. Dein Publikum für heute Nacht ist durchzogen von Alltagsgeflüchteten aus den Dörfern deiner Gegend und den immerwährenden Stammgästen. Klar zu unterscheiden: Die einen labern dich in der Schlange voll und fragen dich wie ihre Chancen stehen hier „abgehen“ zu können, während die anderen vollkommen unbeeindruckt ihre 15 Minuten warten, bis man sich mit einem „Jo danke, bis später“ am Türsteher vorbeidrückt und sich für die Nacht verabschiedet.

Gehen wir einen Schritt weiter: endlich drin. Du hast es geschafft! Glückwunsch. Gut gemacht. Aber anders als du denkst, geht hier nicht die Party ab, von der du gehofft hattest, sie vorzufinden. Keiner klatscht, singt oder springt. Komisch. Die Bassdrum kickt dir so hart ins Zwerchfell, dass du in der Kombination mit der eindringlichen Lichtshow kurz glaubst, spontan Farben hören zu können. Aber das ist erst der Anfang, mein Schatz. Daran gewöhnt, kippt man sich die ersten fünf bis zehn alkoholische Getränke rein, während dir ein Blick zur Seite verrät, dass alle anderen nur Wasser trinken. Aber das soll dich heute Nacht nicht stören, du bist zum Feiern hier und wenn dir was Hübsches vor die Flinte läuft, geht da sicherlich noch was.

Und genau hier fängt es an für alle anderen ätzend zu werden. Was du nämlich nicht checkst ist, dass alle anderen hier für sich sein wollen. Körperkontakt und ständiges Angelaber unerwünscht. Die dörflichen Tricks des „Von-Hinten-Antanzens“ sind absolut unangebracht. Dies ist kein elitärer Club und auch nichts Besonderes, aber bitte um Gottes willen lass deine Griffel bei dir. Im Namen des Rausches und des guten Trips lass mich hier in Ruhe tanzen. Kleiner Tipp: siehst du jemanden nur einen Dance-Move machen, die Haare immer im Takt von links nach rechts schwenkend: Lass es. Denk nicht mal dran. Alle anderen, die scheinbar noch in der Kontrolle ihres Körpers sind, von mir aus, pack deine charmanten Tricks aus und versuch die Dame oder den Mann der Nacht für dich zu gewinnen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass du dich an den Code of Conduct hältst. Der gilt im Übrigen auch auf dem Land, wo man es mit Sexismus und Belästigung nicht so genau nimmt.

Was ich eigentlich sagen will: Ich freu mich, dass du es geschafft hast, dich aus den Zwängen deines Dorfes zu befreien und eine Seite an dir entdecken möchtest, an die du nicht geglaubt hast. Aber es gibt Regeln und die wichtigste ist: Fall nicht auf. Also: kein Pöbeln, kein Wettsaufen, kein ekliges Angetatsche.

Text & Bild: Janna Meyerdeiner Gegend und den immerwährenden Stammgästen. Klar zu unterscheiden: Die einen labern dich in der Schlange voll und fragen dich wie ihre Chancen stehen hier „abgehen“ zu können, während die anderen vollkommen unbeeindruckt ihre 15 Minuten warten, bis man sich mit einem „Jo danke, bis später“ am Türsteher vorbeidrückt und sich für die Nacht verabschiedet. Gehen wir einen Schritt weiter: endlich drin. Du hast es geschafft! Glückwunsch. Gut gemacht. Aber anders als du denkst, geht hier nicht die Party ab, von der du gehofft hattest, sie vorzufinden. Keiner klatscht, singt oder springt. Komisch. Die Bassdrum kickt dir so hart ins Zwerchfell, dass du in der Kombination mit der eindringlichen Lichtshow kurz glaubst, spontan Farben hören zu können. Aber das ist erst der Anfang,mein Schatz. Daran gewöhnt, kippt man sich die ersten fünf bis zehn alkoholische Getränke rein, während dir ein Blick zur Seite verrät, dass alle anderen nur Wasser trinken. Aber das soll dich heute Nacht nicht stören, du bist zum Feiern hier und wenn dir was Hübsches vor die Flinte läuft, geht da sicherlich noch was. Und genau hier fängt es an für alle anderen ätzend zu werden. Was du nämlich nicht checkst ist, dass alle anderen hier für sich sein wollen. Körperkontakt und ständiges Angelaber unerwünscht. Die dörflichen Tricks des „Von-Hinten-Antanzens“ sind absolut unangebracht. Dies ist kein elitärer Club und auch nichts Besonderes, aber bitte um Gottes willen lass deine Griffel bei dir. Im Namen des Rausches und des guten Trips lass mich hier in Ruhe tanzen. Kleiner Tipp: siehst du jemanden nur einen Dance-Move machen, die Haare immer im Takt von links nach rechts schwenkend: Lass es. Denk nicht mal dran. Alle anderen, die scheinbar noch in der Kontrolle ihres Körpers sind, von mir aus, pack deine charmanten Tricks aus und versuch die Dame oder den Mann der Nacht für dich zu gewinnen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass du dich an den Code of Conduct hältst. Der gilt im Übrigen auch auf dem Land, wo man es mit Sexismus und Belästigung nicht so genau nimmt. Was ich eigentlich sagen will: Ich freu mich, dass du es geschafft hast, dich aus den Zwängen deines Dorfes zu befreien und eine Seite an dir entdecken möchtest, an die du nicht geglaubt hast. Aber es gibt Regeln und die wichtigste ist: Fall nicht auf. Also: kein Pöbeln, kein Wettsaufen, kein ekliges Angetatsche.

Insel meiner Angst

Ein Jahr Pandemie liegt hinter mir und was soll ich sagen? Ich bin auf dem höchsten Level meiner psychischen Instabilität angekommen. Mag man den sozialen Medien & Dr. Google Glauben schenken ist es eine Mischung aus ADHS, Angststörung und Depression. Doch wer weiß das schon so genau in Zeiten, in denen man sich so sehr mit sich befasst, dass es einem Retreat gleicht.

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