Verloren im Whatsapp-Nirwana

Manchmal ist es zu schön, um wahr zu sein. Man lernt jemanden kennen, fühlt sich wie auf Händen getragen und findet den Glauben an die wahre große Liebe wieder. Das sagt dir nicht nur dein Herz, sondern vor allem dein Kopf. War doch sonst der natürliche Lauf der Dinge ein anderer gewesen. Zwischen „Ich mag dich“ und Nachrichten, die unbeantwortet im Nirwana verschwanden, lagen oft nur wenige Wochen.

Doch diesmal wird alles anders. Mit Engelszungen rede ich auf mich ein und versuche mich vergebens davon zu überzeugen, dass diese Talfahrt endet. Hier und vor allem mit dir. Hattest du mir doch das Blaue vom Himmel versprochen, sitze ich nun seit mittlerweile fast einer Woche hier und starre auf mein Telefon. Denn du ghostest mich. Mal wieder. Ein Phänomen, das vor Unselbstständigkeit, Mangel an Selbstbewusstsein und Feigheit nur so strotzt. Es ist die unehrlichste und vor allem unaufrichtigste Art jemanden in den Wind zu schießen.

Zur Definition: Jemanden zu ghosten, bedeutet den*die andere*n zu ignorieren. Keine Nachricht wird mehr beantwortet, kein Anruf entgegengenommen. Man verschwindet von der Bildfläche des*der anderen, ohne offenstehende Fragen oder den Elefanten im Raum besprochen zu haben. Man wird zum nicht greifbaren Geist.

Und das ist die Stelle, an der ich alle Leser*innen in meinem Leben willkommen heiße.

Ich bin wütend, richtig wütend. Die Frage, was man damit bezwecken will jemanden auf „gelesen“ stehenzulassen, obwohl der eigenen Wahrnehmung nach zu urteilen, doch alles bestens war, ist mir unbegreiflich. Hatte ich mich doch selbst immer als unkompliziert wahrgenommen, stelle ich jetzt nicht nur mich infrage, sondern auch meine Beziehungsfähigkeit. Das kratzt nicht nur an meinem Ego, sondern auch an meinen sozialen Skills, die ich bisher für solide erachtet hatte. Ich ertappe mich dabei, wie ich alle 20 Minuten meine letzten Nachrichten durchschaue und sehe wie sie dort einsam und verlassen mit zwei blauen Haken im Whatsapp-Nirwana vor sich hindümpeln. Durch den Kosmos der Kommunikation irrend und darauf wartend, dass sie empfangen und abgeholt werden.

In solchen Situationen frage ich mich immer wieder, was die Beweggründe dafür sind dem*der anderen nicht sagen zu können, dass man keine Lust auf weiteren Kontakt hat. Ist es die Angst vor der „Crazy-Ex-Girlfriend“ oder die eigene Inkompetenz, die hier Bände spricht? Für Betroffene des Ghostings brechen je nach Gefühlslage kleinere oder größere Welten zusammen. Besonders unfair an dieser Situation ist, dass dem*der Betroffenen die Möglichkeit genommen wird mit der Affäre, Beziehung oder ähnlichem Techtelmechtel abzuschließen. Ständig kreisen die Gedanken um Szenarien, die darauf hoffen lassen, dass sich das verschwundene Gegenüber doch noch einmal meldet. Vergebens. Immer vergebens. Entsprechend muss der Abnabelungsprozess alleine gestartet und abgeschlossen werden. Es ist ein fucking Marathon, bei dem man den Startschuss verpasst hat und die vollen 42 km am Ende alleine läuft. Denn keiner weiß, wann die Geschichte nun endet, ob sie überhaupt endet oder ob sie schon lange vorbei war.

Ich für meinen Teil habe das Verständnis für die Generation „Block him“ verloren. Es kann keinen Grund dafür geben, den*die andere*n mit seinen Gefühlen alleine zu lassen. Keine Angst, kein Mangel an sozialen Fähigkeiten kann so groß sein, dass man einfach verschwindet. Ghosting ist das virtuelle, neumodische „Ich geh nur schnell Zigaretten holen“. Was damals schon die Hölle für alle Zurückgelassenen war, ist heute nicht minder schlimm. Auch wenn man es persönlich nicht schafft den anderen abzuschießen, ist ein Text, eine Nachricht oder eine DM doch das Mindeste, um allen Beteiligten ermöglichen zu können, sich auf den nächsten Fehlkauf in Sachen Liebe einzulassen.

In diesem Sinne appelliere ich an alle, die vorhaben sich ihrer eigenen Verantwortung zu entziehen. Sobald ihr eine emotionale oder auch nur körperliche Beziehung zu einem Menschen eingeht, ganz gleich, ob Freundschaft oder Affäre, tragt ihr nicht nur die Verantwortung für euch, sondern auch für euer Gegenüber. Man selbst möchte ja auch nicht so behandelt werden. Seid ehrlich, seid aufrichtig und ich verspreche das Leben wird es euch danken.

Text und Bild: Janna Meyer

Die in dieser Kolumne dargestellten Sichtweisen sind allein der Autorin zuzuordnen und spiegeln nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.

„Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn jugendlicher Unruhe“

– Ron Williams, deutsch-amerikanischer Schauspieler und Moderator zum Musical Hair

Vergangenen Freitag feierte das Sommerprojekt des Chemnitzer Theaters, das anfänglich noch für ordentlich Wirbel gesorgt hatte, auf der OpenAir Küchwaldbühne endlich Premiere.

Bis zur ersten Aufführung des Bühnenstückes Hair in Chemnitz, hatte das Projekt einiges zu überwinden. Infolge der Beschränkungen der Covid19-Pandemie wurde der jährliche Plan des Chemnitzer Theaters auf die Probe gestellt und verlangte die Kürzung des Stückes. Gestrichen wurden alle Rollen Schwarzer Darsteler*innen. Diese Entscheidung brachte dem Theater große Kritik ein.

 „Überall auf der Welt war die Jugend unruhig geworden. Demonstrationen, Go-in, Hippie-Bewegung, Provokation – Protest-Symptome einer unruhigen Übergangszeit.“

– R.Williams

Das Musical Hair stammt aus der Feder von Gerome Ragni, James Rado und Galt MacDermot und wurde erstmals im Jahr 1967 als Off-Broadway gespielt, bevor es ein halbes Jahr später an den Broadway ging. Es erzählt die Geschichte einer Gruppe langhaariger Hippies, die in New York leben, lieben und das Establishment satthaben. Vietnamkrieg und Dreiecksbeziehungen, lustvoll und ziellos, Patriot und Pazifist. So zeichnet das Musical den Aufschrei und die Zerrissenheit einer ganzen Generation und schafft ein spürbares Spannungsfeld des Widerspruchs.

Es geht aus einer Zeit hervor, in der die Forderungen nach Umstrukturierung lauter werden und ein zunehmend großer Teil der Gesellschaft sich von vorherrschenden autoritären, diskriminierenden und rassistischen Strukturen befreien will. Es entstehen zahlreiche Protestbewegungen, eine davon ist die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, ihr Nachhall reicht bis in den Westen der Welt und beschreibt heute das Kapitel der Studenten- beziehungsweise Mai-Unruhen.

Rassismus ist ein zentrales Thema des Musicals. Es ist vor allem auch für viele Schwarze Künstler*innen Möglichkeit für eine Rolle gewesen, denn stereotype Besetzungen machen auch um deutsche Theaterhäuser noch keinen großen Bogen.

Dass dieser Fehler nicht hätte passieren dürfen, sieht das Chemnitzer Theater ein und korrigiert sein Handeln. Weil Hair Symbolbild seiner Zeit ist, indem es um die friedvolle und gewaltfreie Vision einer Jugend geht, die sich gegen autoritäre und rassistische Strukturen auflehnt, trifft es den Nerv unserer Gegenwart auf bedenkliche Weise – denn auch ein halbes Jahrhundert später begleiten uns einige der infrage gestellten Strukturen noch immer.

Dass wir weiterhin dazu angehalten sind, auch jene zu hinterfragen, die wir selbstverständlich frei von Fehlern und diskriminierenden Strukturen sprechen, beweisen die Theater Chemnitz mit ihrem Sommererlebnis nur gut. Nicht aber um uns gegenseitig an den Pranger zu stellen, viel mehr, um gemeinsam und voneinander zu lernen. Die Bereitschaft an diesem Diskurs teilzunehmen und Entscheidungen zu überdenken, Einsicht zu zeigen, dass sich die Dinge verändern und verändern müssen haben die Theater Chemnitz bewiesen.

Welche nachhaltigen Veränderungen Hair in das Chemnitzer Theater gebracht hat erfahrt ihr bald in einem zweiten Teil. Noch bis zum 11.September könnt ihr das American Tribal Love-Rock Musical auf der OpenAir Küchwaldbühne besuchen.

auf dem Bild zu sehen: Jeannine Wacker (Sheila – Mitte), v. l. n. r.: André Naujoks (Woof), Cassandra Schütt (Crissy), Dennis Weißert (Berger) Foto: Nasser Hashemi/Theater Chemnitz
Text: Sibel Nergiz

Das mache ich nächstes Jahr definitiv wieder!

„Ich hol mir ein Bier und dann geh ich zur Main Stage!“, schreie ich meiner besten Freundin in ihr linkes Ohr. Ihr Blick ist leer. Das ist das Zeichen, dass ich befürchtet hatte. Sie hat kein Wort verstanden. Wortlos nehme ich mir ihr Handy und schreibe das eben Gesagte nochmal in ihre Notizen-App. Ein Nicken symbolisiert mir, dass ich losgehen kann.

Der Boden ist voller Konfetti und zertretener Plastikbecher. Der Bass drückt im Zwerchfell und die Lichter tanzen vor meinen Augen. Es fällt mir schwer bei den tausenden von Leuten um mich herum den Überblick zu behalten. Also kämpfe ich mich durch knutschende Pärchen, springende Teenager und feiernde Massen bis zum Getränkestand meines Vertrauens durch und versuche mein Glück.

„Ein Bier bitte!“ Und wieder sind es die leeren Augen, die mir verdeutlichen: Der Barmann hat nicht ein Wort von dem, was ich gesagt habe, verstanden. Also selbes Spiel von vorne. Ich hole diesmal mein Handy raus und tippe die gesagten Worte. Er nickt und während ich auf meine Bestellung warte, drehe ich mich in Richtung Bühne. Eine Mischung aus Serotoninüberschuss und Alkohol macht mein Hirn so wuschig, dass ich mir wünsche, das Festival würde niemals enden und das, obwohl ich hier niemanden kenne.

Es ist Samstag und damit Tag zwei der dreitägigen Dauerparty. Das heißt, die Dixies sind nicht mehr benutzbar, die Hälfte meiner Freunde wird sich heute Nacht noch auf dem Campingplatz verlaufen und ich habe trotz morgendlicher Dusche so viel Staub und Sand am ganzen Körper, dass ich mir aus heutiger Sicht wünschen würde, auch damals schon einen Mundschutz gehabt zu haben. Vielleicht würde der latente Urin-Bier-Schweiß-Geruch dann auch nicht so in der Nase brennen.
Ich bezahle mein viel zu überteuertes Bier, mache mich auf in Richtung Mainstage und bin glücklich. Das erste Mal seit langem fühle ich mich genau dort richtig, wo ich gerade bin.

Bin ich doch sonst ein eher zerstreuter Typ Mensch, der mit den Gedanken immer woanders ist, fügen sich hier alle Puzzleteile zusammen, die ein für mich stimmiges Bild ergeben. Keine Gedanken daran, wo man gerade lieber wäre, was man noch zu tun hat – nein – nicht einmal Sorgen um die verlorenen Freunde mache ich mir, während ich alleine über das Festivalgelände wandere. Ich habe die sogenannte Zeit meines Lebens. „Das mache ich nächstes Jahr definitiv wieder!“, verspreche ich mir.

Oh, wie naiv ich doch war. Konnte ja keiner ahnen, dass ein knappes Jahr später Corona die Welt in Atem halten würde. In der Praxis heißt das für uns alle, dass es seit April keine Großveranstaltungen mehr gibt. Keine Partys, keine Festivals, kein Oktoberfest, nichts. Entschuldigt meine Wortwahl, aber mich fuckt es übertrieben ab. Hatte ich für 2020 doch so viel geplant. Von Rock am Ring bis Fusion war meine Bucketlist voll mit Festivals und Exzessen. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem ich meine erste Quarterlife-Crisis mit einem unvergesslichen Sommer verdrängen wollte. Ja, ich wollte einen unvergesslichen Sommer, aber nicht so!

Statt jetzt brutzelnd auf dem Campingplatz zu liegen und mir eine Mischung aus Glitzer, Blumen und Sand ins Gesicht zu klatschen, liege ich in meinem Bett und denke darüber nach, was hätte sein können. Klar, statt unbequemer Isomatte und Schlafsack tue ich meinem Rücken eine Wohltat, wenn ich weiterhin auf meiner dreifach-isolierten Memoryschaummatratze schlafe, doch dieses Jahr zieht sich. Vergingen Corona-Winter und -Frühling doch super schnell, läuft der (Festival-)Sommer wie in Zeitlupe an mir vorbei und streckt mir im Vorbeigehen seinen Mittelfinger ins Gesicht. Zu wissen, dass ich auf Bier-Pong, Flunky-Ball und dreitägiges Wabern zwischen Tag und Nacht noch mindestens ein Jahr warten muss, lässt mich sogar die anstrengenden Besoffskis vermissen, die sich einem unvorhergesehen um den Hals werfen.

Doch nur, weil es Grenzen und Auflagen gibt, heißt das ja noch lange nicht, dass sich auch alle daran halten. Während auf der einen Seite heftig daran gefeilt wird, die Clubkultur mit Hygienekonzepten zu retten, tritt man auf der anderen Seite den wochenlang erarbeiteten Infizierten-Vorsprung mit Füßen. Illegale Partys in Wäldern und Straßen des Bundesgebietes sind die neuen Castor-Demonstranten. Und das Schlimme ist, ich habe sogar Verständnis dafür. Ich bin auch jung und habe keine Lust mehr, zu Hause zu bleiben und die Füße im wahrsten Sinne des Wortes stillzuhalten. Trotzdem will ich nicht dazu beitragen, dass der Festivalsommer 2021 auch noch in Gefahr gerät. Meine Laune schwankt zwischen Verständnis und Rebellion, doch ich habe beschlossen, mich für ein doppelt und dreifach exzessives 2021 zusammenzureißen. Also bewege ich mich im Rahmen des Möglichen und besuche die lokalen Bars und Parks mit meinen Freunden, ohne Teil eines Superspreader-Raves zu werden. Im Prinzip wollen wir ja alle nur, dass es so schnell wie möglich vorbei ist. Das geht halt leider nur nicht mit dem Kopf durch die Wand. Also appelliere ich wie jedes Wochenende an meine Vernunft und sage mir: „Das mache ich nächstes Jahr definitiv wieder!“

Text und Bild: Janna Meyer

Die in dieser Kolumne dargestellten Sichtweisen sind allein der Autorin zuzuordnen und spiegeln nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider.

God save the queer

Einmal im Jahr richtet die Welt ihre Aufmerksamkeit auf die LGBTQ+*- Community. Wenn das passiert, ist wieder Pride Month. Kommerziell reiten einige auf der bunten Welle mit und betreiben Pinkwashing. In der Modeindustrie, u.a. bei Ralph Lauren, Levi’s, Burberry oder Diesel wurde der LGBTQ+ Community eine Plattform gegeben und das eingenommene Geld über die Pridekollektionen wurde gespendet, nur bleibt es fraglich ob die Community auch an allen anderen 11 Monaten des Jahres mit einbezogen wird. Dann gab es da noch die die Shitstorms auszuhalten hatten, wie beispielsweise BMW und die bei denen es mit der Solidarität schon vorbei war (siehe Zara), bevor der Monat überhaupt endete. Neben dem ganzen Hype und Kommerz vergessen die Meisten den eigentlichen Ursprung von Pride, der seinen Anfang im Stonewall Inn in New York im Jahr 1969 fand. Die Bar war ein Rückzugsort für marginalisierte Gruppen wie nicht-heterosexuelle Menschen, Sexarbeiter*innen, von Rassismus Betroffenen und Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechteridentität diskriminiert wurden. Ebenso wie andere Schwulenbars, hatte auch diese von der New Yorker Alkoholbehörde keine Schankgenehmigung ausgestellt bekommen und die Polizei führte eine Razzia durch. Immer wieder wurden Personen, die bei Razzien aufgegriffen wurden, bloßgestellt und ihre Identitäten zum Teil auch veröffentlicht. Am 28. Juni 1969 widersetzten sich die Besucher*innen nachdem es zu Verhaftungen und einer Räumung kam. Es folgten tagelange Aufstände und Auseinandersetzungen. Diese Aufstände bilden die Grundlage für die heutige LGBTQ+ Bewegung. Inzwischen sind 51 Jahre vergangen und Mensch könnte meinen, es hat sich inzwischen viel verändert. Aber ist dem denn so?

Was passiert eigentlich gerade?

Dass die CSDs in diesem Jahr nicht nur in Großstädten waren, sondern auch in ländlichen Regionen wie Zwickau und Pirna stattfanden, hat mit dem Sichtbarmachen von Ungerechtigkeiten zu tun. Laut Different People e.V. ist dies nämlich ein wesentlicher Teil von Pride: „Sichtbarkeit schaffen, Menschen zusammenbringen, Diversität aufzuzeigen und darum kämpfen, dass alle die gleichen Rechte haben und nicht nur die gleichen Pflichten. […] Es ist ein Zeichen immer noch zu sagen, dass es nicht so ist und ganz viel passieren muss, was eben nur zusammen geht“, beschreibt die Wichtigkeit der CSDs. Das homosexuelle Menschen zum Beispiel immernoch nicht die gleichen Möglichkeiten haben, zeigte sich in der Blutspendedebatte. Seit den 1980er Jahren hat sich dort noch immer nicht viel verändert und schwule sowie bisexuelle Männer dürfen nur unter strengen Auflagen Blut geben. Neben wenig Weiterentwicklung gab es zuletzt auch Rückschritte in Europa. In Polen gibt es LGBTQ+- freie Zonen, die ein Drittel des Landes einnehmen. Im Februar wurden davon sogar große Unterstützer bekannt. Die Biermarken Tyskie und Lech sponsorten und warben in Zeitungen mit Anti-LGBTQ+ Propaganda.

Wie jetzt bekannt wurde, hat die EU Städtepartnerschaften und die damit einhergehenden Fördergelder den LGBTQ+- freien Zonen abgesprochen.

Normalität ist kein Zustand, Normalität wird erschaffen

Ein Kronprinz soll endlich heiraten, um König zu werden. Deshalb hat er ganz viele Prinzessinnen zu sich eingeladen. Wäre da nicht der Bruder von Prinzessin Liebegunde. Die Geschichte ist eine, die über Liebe erzählt und vom Different People e.V. in Kindergärten vorgelesen wird. Was sich zeigt, ist dass die meisten 5-6- Jährigen gar nicht auf das Geschlecht achten, sondern darauf mit wem sich der Kronprinz am besten versteht und das ist dann eben Liebe. Irgendwie schön, dass in dem Alter das Denken nicht von Klischees vereinnahmt wird. Dafür ist es umso schockierender wie es dann in der Schule weitergeht. Das meist genutzte Schimpfwort auf Schulhöfen ist „schwul“. Darauf eingegangen wird selten und auch queere Sexualität spielt in den Lehrplänen keine Rolle. Daran etwas geändert hat jetzt Schottland. Ab dem Jahr 2021 werden die Schüler*innen über die Queer-Bewegungen, den Kampf gegen Homophobie und Transphobie unterrichtet. Was in Deutschland bleibt, ist die Eigeninitiative der Lehrer*innen und die Selbstrecherche. Dazu lernen können wir alle, auch, was unseren Wortschatz anbelangt.

Dass für alle mitgedacht werden sollte um keine*n auszuschließen, hat sich seit längerem schon bei Medien wie der Tagesschau (auf Social Media), den Funk-Formaten oder auch den taz etabliert. Seit kurzem ist Sachsens Kabinett auch in der Neuzeit angekommen. Es wurde beschlossen, dass die Rechtssprache von nun an gendergerecht wird. Das heißt, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau nun auch in den Gesetzen Platz nimmt. Ein kleiner Schritt, der etwas verändert.

Was andere in Sachsen bewegen – queere Bildungsprojekte

Viel Zeit und Arbeit in die Veränderung investieren in Sachsen mehrere Vereine. Ein ganz großer Meilenstein, der von LAG queeres Sachsen gemeistert wurde, ist die Entwicklung einer Studie zusammen mit der Hochschule Mittweida zu Gewalt gegenüber der LGBTQ+-Community. Viel verändert hat diese, weil es zuvor keine aussagekräftigen Zahlen dazu gab, sondern nur Polizeistatistiken. Bei den 369 Menschen die an der Befragung teilnahmen, wurden innerhalb der letzten fünf Jahre 1672 Übergriffe in Sachsen ermittelt. Zum Vergleich: es heißt, dass zwischen 2001 und 2017 beim Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität im Themenfeld „Hasskriminalität“, Unterthema „Sexuelle Orientierung“ insgesamt ganze 55 Fälle in Sachsen registriert wurden. In der Studie stellte sich heraus, dass nur 11% Gewalt anzeigten. Mehr als die Hälfte fühlten sich nicht gut beraten.

Dabei sei hervorzuheben, dass die ganze Studie mit Crowdfoundinggeldern finanziert wurde, weil es vom Bundesstaat Sachsen keine Förderung gab. Doch auch jetzt ist alles nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Es wurde gehandelt und mit dem LKA und dem Innenministerium Kontakt aufgenommen. Doch auch wenn es seit 2019 eine zentrale Ansprechstelle beim Landeskriminalamt gab und auch Opferschutzbeauftragte in den Polizeidirektionen Dresden, Zwickau, Chemnitz, Görlitz und Leipzig sitzen, sind diese nicht spezialisiert und zusätzlich dazu ausgebildet.

Quelle: LAG Sachsen

LAG-queeres Sachsen
„Die Landesgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen e.V. ist der Dachverband der sächsischen Vereine und Initiativen, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen in allen Lebensaltern und Lebensbereichen einsetzen. Wir vertreten unsere Mitglieder, ihre Interessen und Bedarfe vor Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, führen Aufklärungs- und Bildungsveranstaltungen durch und arbeiten an einer landesweiten Vernetzung, um Anlaufstellen und Angebote für LSBTTIQ* zu schaffen.“
Aktiv werden: Lust, in Sachsen etwas zu bewegen? Dann komm als Praktikant*in zu uns in die Fachstelle der LAG Queeres Netzwerk Sachsen. Wir suchen 2020 zum nächstmöglichen Zeitpunkt und darüber hinaus fortlaufend Praktikant*innen, gern aus allen wissenschaftlichen Disziplinen oder Berufsfeldern. Dein Engagement für das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist uns aber am wichtigsten info@queeres-netzwerk-sachsen.de
Spenden: https://www.queeres-netzwerk-sachsen.de/spenden

Different People e.V Chemnitz
„Wir sind ein Beratungs- und Kommunikationszentrum für homo-, a-, bisexuell (-romantisch), trans- oder intergeschlechtlich lebende Menschen, deren Angehörige und alle Interessierten. Hier findest du alle Informationen zu Beratung, Bildungsarbeit, Workshops, Weiterbildungen, Öffnungszeiten, Veranstaltungen, Gruppen, Treffs, Gemeinschaft, Gemütlichkeit und dem Vereinsleben.“
Aktiv werden: Für unser Bildungsprojekt „WE simply ARE“ suchen wir engagierte Menschen, die uns im Team unterstützen Chemnitz und Umgebung offener und vielfältiger zu gestalten, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und Diskriminierung zu vermeiden. Deine eigene L(i)ebensrealität ist dabei völlig egal.
Kontakt: eunike.zobel@different-people.de
Spenden: https://www.different-people.de/theme-features/spende
Wir sind auch bei gooding.de, so dass Mensch uns bei jedem Kauf bei Onlineshops (z.B. Lieferando, Ebay, Otto.de…) mit 2-5% unterstützen kann: https://einkaufen.gooding.de/different-people-e-v-42859

LSVD Chemnitz
„Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Sachsen e.V. ist ein Bürgerrechtsverband und vertritt die Interessen und Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI). Menschenrechte, Vielfalt und Respekt – wir wollen, dass LSBTI als selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens akzeptiert und anerkannt werden.
Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und angstfreies Leben ist die volle rechtliche Gleichstellung. Wir treten ein für eine Gesellschaft, die Selbstbestimmung und eine Vielfalt an Lebensweisen als Bereicherung erkennt und wertschätzt.
In den vergangenen Jahren haben wir uns vor allem durch unsere Arbeit in der Coming-out-Beratung für Homosexuelle und die Aufklärung über antihomosexuellen Fundamentalismus einen Namen gemacht. Wir sind darüber hinaus in verschiedenen Projekten tätig, die sich mit Antidiskriminierung, geflüchteten LSBTI*, Homofeindlichkeit in der Gesellschaft und im Sport, Regenbogenfamilien, Arbeitswelt und internationaler Unterstützung von LSBTI* beschäftigen. Wir organisieren Aktionen und Veranstaltungen und sind Ansprechpartner für verschiedene Institutionen.“
Aktiv werden: Du willst Dich engagieren, hast tolle Ideen und Vorschläge für Aktionen und Veranstaltungen oder möchtest uns ehrenamtlich unterstützen? Dann meld Dich bei uns: sachsen@lsvd.de
Spenden: https://sachsen.lsvd.de/aktiv-werden/

Wie du selbst zur Normalität beitragen kannst
Pride ist ein jahrzehntelanger Kampf, der noch nicht beendet ist. Damit sich was verändert müssen wir füreinander einstehen, dazu lernen und in den Protest gehen. Und feiern, dass sich Dinge schon geändert haben.

Hier gibt es noch weiteren Input zum dazu lernen:

Bücher:
Call Me by Your Name von André Aciman
Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde
Queer Heroes von Arabelle Sicardi
Gender-Kram von Louie Läuger
Love Simon Becky Albertalli
Geschlecht wider die Natürlichkeit von Heinz Jürgen-Voß
Trans.Frau.Sein von Felicia Ewert

Filme:
Blau ist eine warme Farbe
Moonlight
Rafiki
Bohemian Rhapsody
Rocket man
Eine geheime Liebe
Happy Birthday, Marsha (auf Amazon schauen, da die Doku auf Netflix dazu ein Plagiat ist https://taz.de/Trans-Aktivisten-kritisieren-Netflix-Doku/!5453095/?goMobile2=1594080000000)

Serien:
Sense 8
Where Pride began
Queer Eye
RuPaul´s Drug Race
Feel Good
Sex Education
Pose

*Aus Gründen der Leserlichkeit haben wir uns für die vereinfachte Form „LGBTQ+“ entschieden, schließen aber auch Inter-, Trans- und A-Sexuelle in unserer Bezeichnung mit ein.

Text: Svenja Jäger
Illustration: Theresa Schultz

Klimaschutz – nur ein Statist im Film 2020?

2020. „Das Jahr ist so dermaßen daneben. Ich finde wir sollten deshalb alle nicht ein Jahr älter werden und Silvester 2021 genau da weiter machen, wo wir letztes Jahr standen“, meinte vor ein paar Wochen eine Freundin nach zwei lauwarmem Balkonbier.

Dieser Satz ist bei mir hängengeblieben. Sie hat Recht und umso mehr wir darüber reden, desto mehr stellen wir fest, dass 2020 bisher durch und durch hängengeblieben ist. Hängengeblieben im Jahr 2009. Im Bundestag wurde über Abwrackprämien gesprochen und ein neues Steinkohlekraftwerk in Datteln in Betrieb genommen. Damals so wie heute geht es um eine möglichst schnelle Stabilisierung der Wirtschaft und auch die Nachhaltigkeit spielt wieder eine Nebenrolle. Oder ist sie sogar nur eine Statistin im Film 2020?

Mit dem Verbot von Demonstrationen zur Eindämmung der Verbreitung des Virus Covid-19 sind die globalen Fridays for Future Straßenproteste der Jahre 2018 und 2019 zwangsläufig leise geworden. Es scheint, als sei damit auch die Klimadebatte in den politischen und gesellschaftlichen Charts abgerutscht. Oder prokrastiniert die Politik im dringenden und wichtigen Krisenmanagement um Covid-19 einfach ein bisschen vor der Arbeit gegen den Klimawandel? Auf eine paradoxe Art und Weise kommen die Maßnahmen um Covid-19 auch dem Klima zugute, sodass die Klimaschutzziele für 2020 eventuell doch erreicht werden können. Weniger Abgase, weniger Flüge, weniger Konsum, aber was passiert danach?

Wie kann man die Wirtschaft ankurbeln, ohne zurück in Konsumwahn und klimaschädliches Verhalten zu fallen? Die Überzeugungsarbeit muss hier die Politik leisten, nicht Covid-19.

Aber auch wenn die Aktivist*innen von Fridays for Future gerade nicht mehr auf den Straßen, oder zur Primetime zu sehen sind – sie sind nach wie vor genauso entschlossen, aktiv und kreativ. Die Straßenproteste der Bewegung finden aktuell über soziale Netzwerke statt. Unter dem Hashtag #NetzstreikFürsKlima posten Menschen Fotos von sich und einem Schild mit einem Statement zum Klimawandel, dazu laufen Kundgebungen im Livestream. Ein Teil der Bewegung, die Students for Future Deutschland, starteten im Mai die erste digitale „Public Climate School“ (PCS), eine offene Hochschule für Menschen, die mehr über Klimagerechtigkeit lernen möchten. Dazu standen weitere wichtige Themen wie beispielsweise Diskriminierung und Feminismus auf dem Programm, den entsprechenden Input lieferten Wissenschaftler*innen und Studierende aus verschiedenen Fachbereichen. Die dritte PCS ist bereits in Planung und wird voraussichtlich Ende des Jahres stattfinden, Updates dazu findet ihr auf der Website von Fridays for Future oder auf den Social Media Kanälen der Bewegung.

Auch in Chemnitz werden die Students for Future seit Anfang des Jahres immer lauter.

Die Bewegung „Students for Future Chemnitz“ solidarisiert sich mit den Werten und Zielen von Fridays vor Future und setzt sich gezielt für eine klimaneutrale Uni ein. Die Initiative organisiert sich in AGs in verschiedenen Bereichen. Die Campus-Mensa AG zum Beispiel möchte gemeinsam mit der Mensaleitung an einer nachhaltigeren Mensa mit regionalen Produkten und weniger Verpackungsmüll arbeiten und die Verkehrs AG setzt sich für einen Ausbau des Fahrradnetzes sowie für einen autofreien Campus ein. Auch an alternativen Protest- und Aktionsformen wird mit viel Einsatz gearbeitet, um auch weiterhin präsent zu bleiben.

Wenn ihr mehr über diese dynamische Initiative und ihre Arbeit erfahren wollt, checkt dieses Video auf YouTube aus und schaut mal auf Instagram: (studentsforfuture_chemnitz) oder Facebook (Students for Future Chemnitz). Wenn ihr Lust habt mitzumachen, kommt Donnerstags um 17:30 vor die Mensa am Reichenhainer Campus, oder nehmt Kontakt per Mail (students4future-chemnitz@posteo.de) auf.

Text: Gastbeitrag von Katharina von Sterni & Sophie Tigges, Mitglieder der Students for Future Chemnitz
Bild: Laura Naumann

Black Lives Matter. Und jetzt?

Wie du mit etwas Zeit und Geld politische Entscheidungen treffen kannst

Nachdem #blackouttuesday, Empfehlungen für antirassistische Lektüren und Protestbilder weitestgehend aus unseren Instagram-Timelines verschwunden sind – was bleibt von den vielen offen gezeigten Solidaritätsbekundungen? Was tun, mit dieser ganzen Awareness? Und die bessere Frage: wie kann jede*r mit seinen/ihren* Ressourcen dazu beitragen, dass echte Veränderung eintritt?

Es hilft niemandem, wenn wir uns alle bloß „aware“ und „woke“ fühlen um danach wie bisher mit unserem Leben weiter machen. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: echte gesellschaftliche Veränderung. Und diese muss, wie vergangene Befreiungsbewegungen wie die Frauenbewegung gezeigt haben, von unten hart erkämpft werden. Wie auch an der Frauenbewegung zu sehen ist, war echte Veränderung bisher leider ein langwieriger und kleinteiliger Prozess, der jetzt auch nach hundert Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Die Veränderung trat langsam ein, sobald die Anliegen der Bewegungen in der Mainstream-Politik angekommen, ernst genommen und normalisiert wurden. Aber die Veränderung war und ist damit noch keineswegs abgeschlossen! (auch wenn selbst die CDU gerade versucht, ‚frauenfreundlicher‘ zu werden)

Ein weiteres gutes Beispiel für Veränderung liefert auch die Fridays-for-Future-Bewegung, welche es durch ihre Hartnäckigkeit geschafft hat, den Klimaschutz auf die Agenda der breiten Masse zu setzen. Plötzlich sprechen alle über den Klimawandel, selbst Unternehmen halten es nun für erstrebenswert, einen „grünen“ Ruf zu haben. Auch die meisten Parteien mussten sich mittlerweile mehr oder weniger eingestehen, dass die Notwendigkeit, die Folgen des Klimawandels einzudämmen, nicht einfach eine Ideologie ist, sondern ein ernstzunehmendes gesamtgesellschaftliches Problem. Genauso wie Klimaschutz und Frauenrechte sollte die Auflösung von strukturellem Rassismus und systematischer Diskriminierung von marginalisierten Gruppen auf der breiten politischen Agenda stehen. Die Existenz von strukturellem Rassimus soll allgemein anerkannt werden, um genau diesem entgegen steuern zu können. Es sollten Gesetze verabschiedet werden, die Diskriminierung eliminieren und Lehrpläne sowie Schulbücher überarbeitet werden. Es liegt in der Verantwortung von uns Weißen dieses System, von dem wir jahrhundertelang auf Kosten von Schwarzen profitiert haben, abzubauen.

Und was kann ich als weißer Mensch jetzt tun?

Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Vor allem, wenn man auf einem bequemen Stuhl sitzt. Ich selbst habe mir diese Frage auch schon sehr oft gestellt: Wie kann ich dazu beitragen, dass der aktuelle Diskurs und die Proteste, wie sie momentan insbesondere auf Instagram und auf der Straße stattfinden, zu tatsächlicher Veränderung führen? Allein diese Frage hinterlässt Ratlosigkeit bei den meisten. Denn die Veränderung eines Systems ist etwas Großes. Allerdings gibt es Dimensionen, auf die jeder Mensch zumindest ein bisschen Einfluss haben kann. Es sind vor allem lokale Organisationen, Vereine und Verbände, die sich für Veränderung einsetzen und aktiv im Interesse von marginalisierten Gruppen arbeiten. Aber leider sind es auch oft lokale Organisation, Vereine und Verbände, denen es an Mitteln fehlt, diese Interessen für sich zufriedenstellend durchzusetzen, weil sie keine staatliche Unterstützung bekommen.

Vor der eigenen Haustür kehren

Lokale Organisationen sind vor allem deshalb wichtig, weil sie auf kommunalpolitischer Ebene Einfluss üben und damit vor Ort Veränderung bewirken. Sie dienen als Auffangnetz für marginalisierte Communities und setzen sich aus Menschen unterschiedlichen Alters sowie unterschiedlicher Gesellschaftsschichten zusammen. Diese Vereine brauchen Unterstützung, um zu überleben. Gerade hier kann das Geld, das wir zur Zeit nicht für Urlaub und Feiern ausgeben, eine große Hilfe sein. Wer noch etwas übrig hat, kann auf vielen Aktivist*innen-Accounts leicht internationale Anlaufstellen finden, mit denen man die Black Lives Matter-Bewegung finanziell unterstützen kann.

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Looks like @instagram is up to its censorship game again. We were told by multiple people that intended to tune in for today’s live that they did not even get a notification that we went live and that they couldn’t see we were live at all. Additionally, we’ve had a number of you tell us our posts and stories are not coming up in your feed & that you only see our content when you come to our page. While this is frustrating, we have never let it derail us from the work. . We are sharing with you because this is why it is so important that you engage w/ our content. When you like, comment & share our posts, you help us fight back on how Instagram limits our reach. . It is CRITICAL that we oppose & DISMANTLE systems of oppression but we must also be committed to replacing them with a system of JUSTICE. If you didn’t get to catch the live we did with our brother @djuan____ today, you can still catch it on our IGTV. It’s the most recent upload, titled “Hold Their Feet to the Fire”. . 💫 For those that were able to tune into the live or who have had the chance to watch the replay, we would love to hear your feedback! In the comments for this post, please leave some takeaways or things you learned today 💫 . Here were the questions we covered: . 1. What have we learned from the most recent uprising? What impact has it made? . 2. What can we learn from revolutionaries of the past in regards to what is most effective? . 3. How has revolution been quelled throughout history? Why is it critical that we remain vigilant and prepared for the ways in which systems of oppression will transform and shapeshift? . 4. How can we get tangible results? . 5. How do we sustain & maximize this revolutionary energy? . . If you learned from what @djuan____ was speaking on today & you want to show appreciation for his time, we invite you to send any amount of $$$ to the CashApp he has created specifically for the funding of THE WORK. D’Juan is constantly giving his money, time and resources to important community-lead, justice-oriented organizations. You can grow that impact by sending to: $fundtherevolution

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Aber ich habe kein Geld – was jetzt?

Natürlich hat nicht jede*r die finanzielle Möglichkeit zu spenden – und das ist völlig okay. Zeit kann genauso wertvoll sein. Geh mit den Buntmacher*innen von Tür zu Tür und überzeuge Nicht-Wähler*innen, wählen zu gehen. Frage den Kulturverein von nebenan, ob sie noch ein paar Hände gebrauchen können, um ihren Garten umzugraben. Biete Initiativen deine Photoshop-Skills an. Biete Räume an, damit BIPoC-Communities sich untereinander treffen und/oder Workshops halten können. Gib geflüchteten Kindern Nachhilfe. Wenn du Racial Profiling auf der Straße beobachtest: frag den/die Betroffene*n, ob er/sie deine Hilfe braucht und schreite, wenn gewünscht, ein. Hör nicht auf, auf Demos zu gehen. Unterstütze die Demos mit Ressourcen für die Protestierenden, wenn gebraucht. Geh wählen. Hör nicht auf, deinen eigenen internalisierten Rassismus offen zu hinterfragen und sprich darüber mit Freund*innen. Gib BIPoC einen Platz auf deiner Plattform oder an deiner Firma. Helfe mit deinen Konsumentscheidungen, BIPoC sichtbarer zu machen: schaue Filme und lese Bücher von Nicht-Weißen – und zwar nicht nur über Rassismus. Komme in Kontakt mit Menschen, die außerhalb des Radius deines bisherigen Umfelds liegen.
Die Liste mit Dingen, die tagtäglich getan werden können, geht noch unendlich weiter und ist hier auf keinen Fall vollständig. Diese Dinge sind auch nichts, die einfach einmal abgearbeitet sind – sie sollten als Gewohntheit dauerhaft in den Alltag integriert werden. Aber was auch immer du tust: Stelle dich dabei niemals selbst in den Vordergrund, sondern trete zur Seite und mache Platz für Stimmen, die gehört werden sollen.

Da es auch in Chemnitz lokale Organisationen gibt, die wertvolle Arbeit leisten und es in jedem Fall wert sind, auf welche Art auch immer unterstützt zu werden, haben wir hier eine kleine Liste zusammengestellt:

aguia e.V. Migrationssozial- und Jugendarbeit
Selbstbeschreibung: „Mit der Arbeit in unseren Projekten bieten wir Beratung und Betreuung für Migranten an, um Orientierung und Integration zu unterstützen. […] Um Einheimischen und Migranten die Möglichkeit zu bieten, ihre jeweiligen Unterschiede kennen zu lernen, aber auch Gemeinsamkeiten zu entdecken, bieten sich in vielen unserer Projekte Möglichkeiten, Begegnungen und damit neue Erfahrungen zu schaffen. […]
In unseren Projekten der Jugendarbeit finden Kinder und Jugendliche Möglichkeiten, ihre sozialen und interkulturellen Kompetenzen zu stärken, indem sie Erfahrungen mit anderen Kulturen machen und Kenntnisse darüber erlangen, lernen, mit Konflikten und Gewalt konstruktiv umzugehen, und Angebote erhalten, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen.“
Dafür möchte ich spenden!
Ich möchte mithelfen!

Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V.
Selbstbeschreibung: „Als ADB Sachsen arbeiten wir auf der Grundlage des AGG [Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes] und wirken an seiner Weiterentwicklung mit. Wir benennen jedoch Diskriminierung auch dort, wo sie nicht vom AGG abgedeckt wird. Doch Rechte – wie das AGG – müssen bekannt sein, um sie nutzen zu können. Unser Anliegen ist daher: potentiell oder konkret von Diskriminierung Betroffene über ihre Rechte aufzuklären, Multiplikator_innen und Fachkräfte über die bestehenden Möglichkeiten zu informieren, gegen Diskriminierung vorzugehen, sowie langfristig das Bewusstsein für (Anti-)Diskriminierung in der Alltagskultur zu etablieren.“
Dafür möchte ich spenden!

arabischer Verein für Integration und Kultur in Chemnitz e.V.
Selbstbeschreibung: „Der Hauptzweck des Vereines ist die Förderung die Integration der arabischen Gemeinde in Chemnitz in die deutsche Gesellschaft, insbesondere durch Zusammenarbeit in Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur. Außerdem fördert der Verein die Unterstützung der positiven Integration der arabischen Kinder in die deutsche Gesellschaft, insbesondere im Bildungsbereich. Weiterhin fördert der Verein die Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens auf freundlicher Basis zwischen den Deutschen und Arabern in Chemnitz.“
Der Verein hat sich u.a. beim „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ mit engagiert.
Dafür möchte ich spenden!

Courage – Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit e.V.
Selbstbeschreibung: „Das NDC [Netzwerk für Demokratie und Courage] steht für die Ächtung von Rassismus. Wir bestärken den Mut zum Antirassismus in einer von rechten Gedanken beeinflussten Alltagskultur. Es geht uns nicht darum, handfeste Nazis zu bekehren. Wir fordern Zivilcourage jedes_r Einzelnen heraus – nur wer selbst aktiv wird, kann etwas verändern. Wir stärken soziale Kompetenzen wie Empathiefähigkeit, gerade mit Opfern rechter Gewalt und bei Diskriminierung. […] Wir kommen mit Jugendlichen ins Gespräch. Dafür gehen wir an die Schulen, und das ehrenamtlich. Unsere Methoden dafür sind die Projekttage „Für Demokratie Courage zeigen“. In zwölf Bundesländern und in Frankreich werden die Projekttagskonzepte nach einheitlichen und auswertbaren Qualitätsstandards durchgeführt.“
Dafür möchte ich spenden!

Netzwerk für Integration und Zukunft e.V.
Selbstbeschreibung: „Das Netzwerk für Integration und Zukunft e.V. wurde von engagierten Chemnitzern gegründet, die es sich zur Aufgaben gemacht haben, eine positive Willkommenskultur für und mit Flüchtlingen hier in unserer schönen Stadt Chemnitz zu entwickeln.
In unserem Netzwerk arbeiten Unternehmer, Vertreter von Hilfsorganisationen in enger Kooperation mit weiteren Vereinen, Seite an Seite mit ehrenamtlichen und freiwilligen Helfern.
Wir bündeln die jeweiligen Kompetenzen um punktgenaue Hilfe für Flüchtlinge zu leisten.
Langfristig ist unser Ziel, der demografischen Entwicklung in Chemnitz entgegenzuwirken, Flüchtlinge bei ihrem Neuanfang in Chemnitz zu unterstützen, sie gemeinsam mit den Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger ins öffentliche Leben, in Vereine und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Jeder, der uns in diesem Sinne unterstützen möchte, ist herzlich willkommen.“
Dafür möchte ich spenden!

RAA Sachsen e.V. – Support für Opfer rechter Gewalt
Selbstbeschreibung: „Das Projekt „Support“ des RAA Sachsen e.V. unterstützt Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt, deren Angehörige und Zeug*innen. Wir unterstützen dabei Angriffsfolgen zu bewältigen und die eigenen Rechte wahrzunehmen. Wir geben Orientierungshilfen und entwickeln gemeinsam individuelle Lösungen. Unsere Arbeit hilft Betroffenen, das eigene Sicherheitsgefühl zu erhöhen, Selbstwirksamkeit zu erleben, die Kontrolle über das eigene Leben zurück zu erlangen und Solidarisierungsprozesse zu fördern. Wir informieren über die Situation Betroffener, machen auf deren Perspektive in Gesellschaft und Politik aufmerksam und berichten über Ausmaß, Folgen und Wirkungsweisen rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt. „Support“ arbeitet parteilich, aufsuchend, kostenlos und vertraulich. Wir betreiben Beratungsstellen in Dresden, Chemnitz und Leipzig sowie eine Onlineberatung.“
Dafür möchte ich spenden!

Antirassistische Initiativen in Chemnitz/Sachsen
Chemnitz Nazifrei
Aufstehen gegen Rassismus Chemnitz
Bündnis gegen Rassismus

BIPoC Organisationen in Deutschland
Women in Exile
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.
Each one teache one
Amadeu-Antonio-Stiftung

Antirassistische Bildungsarbeit in Deutschland
Phoenix e.V.
Exit Deutschland – Aussteigerprogramm gegen Rechtsextremismus
Antirassistisch Interkulturelles Informationszentrum Berlin e.V.

Die vorgestellten Organisationen sind natürlich nur eine handvoll der vielen Initiativen, Projekte und Vereine die wichtige Arbeit tun – es gibt viele mehr, die wir nicht nennen konnten, weil diese Aufzählung sonst zu lang und unübersichtlich geworden wäre. Falls Deine Organisation nicht auf dieser Liste aufgetaucht ist oder Du noch weitere kennst, die sich für BIPoC in Chemnitz oder Sachsen einsetzen: schreib uns!

Besser als eine einmalige Spende ist selbstverständlich ein Dauerauftrag. Vielleicht hast du die Möglichkeit, wenigstens 3-5€ im Monat für einen Dauerauftrag an deine Lieblingsorganisation locker zu machen? Und stattdessen das unbenutzte Abo fürs Fitnessstudio zu kündigen? Ich selbst habe meiner Masterarbeit zuliebe meinen Netflix-Account gekündigt. Das gesparte Geld geht an women in exile e.V.

Leider ist die RABBAZ Redaktion selbst sehr homogen und weiß. Wir wünschen uns sehr, diverser zu werden und vielfältigere Perspektiven einzubringen. Du glaubst, du kannst deinen Teil dazu beitragen? Super, schick uns einfach eine Mail an rabbaz.mag@gmail.com, oder schreib uns auf Facebook oder Instagram. Wir freuen uns auf dich 🖤

Verwendete Quellen und/oder Inspiration:
@aaron___philip
@aminatabelli
@gahpextwin
@hoe__mies
@nowhitesaviors
@tupoka.o
@wirmuesstenmalreden
empfehlenswert: how to be an ally guide „BIPOC-White Allies“ von Wir muessten mal reden

Text: Julia Jesser
Foto: Chris Fitch @iamchrisfitch auf einer Black Lives Matter Demo in Zwickau organsiert von @roterbaumzwickau und @aktivisti.zwickau

Corona-Krisenfonds für Studierende: Gut oder bloß gut gemeint?

500 € – einfach so vom Staat geschenkt: dieser Utopie kommen Einige seit dem 16. Juni ein Stückchen näher. Seit diesem Tag ist es möglich, online einen Antrag auf eine „Überbrückungshilfe“ zu stellen. Addressiert werden Studierende, die durch die Corona-Pandemie beispielsweise ihren Job verloren und sich deshalb finanziell „in akuter Notlage“ befinden. Klingt erstmal super – unumstritten ist die ganze Sache jedoch nicht.

Seit heute Mittag, 12 Uhr ist die langersehnte, staatliche Finanzierungshilfe für das Studium endlich da. Und zwar unabhängig vom elterlichen Einkommen und ohne Rückzahlung – zumindest für die Monate Juni, Juli und August. Auf überbrückungshilfe-studierende.de kann der Antrag online eingereicht werden. 100 Millionen Euro stehen hierfür insgesamt zur Verfügung. Die tatsächliche Auszahlung wird „innerhalb der verfügbaren Mittel“ entschieden, was bedeutet: ob die Antragsteller*in das Geld ausbezahlt bekommt, ist nicht gewährleistet.

Alle Studierenden, die zum Zeitpunkt der Antragstellung an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule in Deutschland immatrikuliert und nicht beurlaubt sind, können von diesem Angebot Gebrauch machen. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Jetzt kommt das große ABER: es muss eine Notlage nachgewiesen werden. Das bedeutet: ab mehr als 500 € auf dem Konto gibt es nichts mehr und von einem Antrag sollte dann auch abgesehen werden. Als Nachweis müssen Kontoauszüge bis zum Zeitpunkt der letzten normalen Einnahme (also bis Februar/März) eingereicht werden, dazu u.a. eine Erklärung für das Ausbleiben von Einnahmen.

Die Überbrückungshilfe wird dann laut dem Deutschen Studentenwerk (DSW) folgendermaßen berechnet:

Kontostand Überbrückungshilfe
weniger als 100,00 € 500,00 €
zwischen 100,00 € und 199,99 €* 400,00 €
zwischen 200,00 € und 299,99 € 300,00 €
zwischen 300,00 € und 399,99 € 200,00 €
zwischen 400,00 € und 499,99 € 100,00 €

*die Nachkommastellen wurden nachträglich eingefügt, beim DSW steht noch 199,00; 299,00 usw.

Die Anträge können erst ab dem 25. Juni bearbeitet werden, mit der ersten Auszahlung ist demnach frühestens Anfang Juli zu rechnen. Die Bewilligung gilt einmalig; jeden Monat muss bis zum letzten Tag des jeweiligen Monats erneut eine Förderung beantragt werden. Die Zuschüsse sollen, wie ihr Name schon sagt, die Zeit überbrücken, bis die Studierenden wieder Zugriff auf ihre regulär gewohnte Einkommensquelle haben.

Finanzielle Not wegen Corona

Diese Maßnahme ist eine Reaktion der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) auf die scharfe Kritik seitens Studierendenverbänden und Politiker*innen. Ihr wird vorgeworfen, viel zu langsam und nicht hinreichend auf die Geldsorgen von Studierenden zu reagieren.

Wegen des Lockdowns fielen viele Nebenjobs, u.a. in der Gastronomie, weg, die für Studierende eine Existenzgrundlage darstellten; betroffene Eltern können wegen Kurzarbeit oder gar Kündigung ihre studierenden Kinder nicht mehr ausreichend finanziell unterstützen.

scharfe Kritik am KfW-Kredit

Seit Mai 2020 wird, nach einem Vorschlag Karliczeks, der KfW-Studienkredit als Corona-Hilfe für Studierende vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Bis März 2021 ist der Kredit zinsfrei. Seit dem 01.06. dürfen auch internationale Studierende den KfW-Studienkredit beantragen. Vorschläge der SPD oder der Grünen, das BAföG für Studierende zu öffnen, die bislang keine Leistungen beziehen konnten, wurden nicht gehört. Der Gewerkschafter Andreas Keller bezeichnete den KfW-Kredit gegenüber dem Spiegel als „im Ansatz völlig verfehlt“, der freie zusammenschluss von student*innenschaften (fzs) hält den Kredit für „zu wenig, zu engeschränkt, zu starr und ungerecht“. Nach dem zinsfreien Jahr winken nämlich hohe Zinsen im Wert von bis zu 3.500 €, die besonders für Studierende aus einkommensschwachen Familien auch nach dem Studium kaum zu stemmen sind. Der DSW-Generalsekretär meint, Studierende, die ihren Job verloren haben, wären mit dem Kredit doppelt bestraft, da diese hinterher noch mehr arbeiten müssten, um den Kredit abzubezahlen.

„an Dreistigkeit nicht zu überbieten“

Kein Wunder also, dass laut Amanda Steinmaus, Vorstand des fzs, die Überbrückungshilfe „an Dreistigkeit nicht zu überbieten“ wäre. Sie würde den Studierenden in finanziellen Notsituationen nicht wirklich helfen – dafür sei der Topf zu klein, die Auszahlungen zu gering und die Anforderungen sowie der bürokratische Aufwand zu hoch. Die veranschlagten 100 Millionen Euro reichen hinten und vorne nicht, um finanzielle Engpässe bei geschätzt einer Million Studierenden auszugleichen. „Wenn 66.666 Studierende drei Monate lang 500 € erhalten, ist der Topf leer,“ gibt Jacob Bühler, ebenfalls Mitglied des fzs-Vorstands, in einer Pressemitteilung an.

Fraglich ist, wo die 900 Millionen Euro an Haushaltsmitteln hin sind, die letztes Jahr für BAföG zur Verfügung gestellt und nicht ausgegeben wurden. Eine Öffnung des BAföG mit diesen Mitteln wäre ein gerechterer und nachhaltigerer Ansatz gewesen, um krisengeschuldete Studienabbrüche zu vermeiden und Bildungsgerechtigkeit zu fördern.

Übrigens: für Studierende der TU Chemnitz gilt, dass die Förderhöchstdauer von BAföG trotz Nicht-Anrechnung des Sommersemesters 2020 gleich bleibt. Das bedeutet: dieses Semester zählt für das Studentenwerk Chemnitz-Zwickau als „normales“ Semester; die Förderhöchstdauer verschiebt sich durch die Rückstufung nicht. Nur bei „unvermeidbare[n] pandemiebedingte[n] Ausbildungsunterbrechungen“ mit „schwerwiegende[m] Grund im Sinne des § 15 Abs. 3 Nr. 1 BAföG“ kann eine Weiterförderung beantragt werden.

bei der Bildung wurde wieder einmal gespart

Diese Bilanz ist, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass anscheinend Mittel zur Verfügung stehen, schade. Deutschland hinkt beim Thema Bildungsgerechtigkeit ohnehin stark hinterher; die besagten staatlichen Maßnahmen, die während der Corona-Pandemie als Überbrückungshilfen angeboten werden, zeigen, wie sehr gerade bei der Bildung gespart und eher symbolisch gehandelt wird. Im Ernstfall sind die Krisenfonds leider wenig hilfreich und können bestehende Ungleichheiten sogar vertiefen. Die Überbrückungshilfe ist klar besser als nichts und kann im Zweifelsfall eine kleine Abhilfe schaffen. Jedoch sollte sich die Bildungspolitik nicht auf ihren kleinen Geldtöpfen ausruhen und auf Kredite verweisen, die in keinem Fall eine echte und gerechte Studienförderung ersetzen können.

Am 20.06. ruft die fzs übrigens gemeinsam mit Studierendenvertretungen aus ganz Deutschland zu einer Demonstration für eine Milliarde Studi-Hilfe auf.

Text und Bild: Julia Jesser

Vaginismus – „Mein Problem gibt es übrigens!“

Ich habe mit einer jungen Frau über ihren Vaginismus gesprochen. Sie hat mir aus ihrem Leben erzählt. Davon, was sie mittlerweile über ihr „Problem“ weiß und was es sie zurück gelehrt hat.

Wie erklärst du anderen Menschen deinen Vaginismus so, dass es sich für dich korrekt anfühlt?

Krankheit ist schwierig, Störung ist auch ein sehr negatives Wort. Oft sage ich, ich habe ein Problem. Im Grunde ist das Problem eine Verkrampfung der Scheidenmuskulatur, wodurch sich Penetration sehr schmerzhaft anfühlt oder sogar gar nicht möglich ist. Als ich entdeckt habe, dass ich betroffen bin, gab es dazu nichts im Internet. Ich habe erst sehr spät erfahren, dass es überhaupt einen Begriff dafür gibt.

Die ersten sexuellen Erfahrungen sind in der Jugend meistens ein großes Thema. Wie bist du damals damit umgegangen?

Ich habe damals kaum mit Freunden darüber gesprochen. Mit etwa 18 Jahren war ich in meiner ersten Beziehung, die über ein Jahr ging. Ich habe nie jemandem gesagt, dass penetrativer Sex bei uns nicht funktioniert hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht sein kann und hatte Angst, von meinen Freunden als seltsam abgestempelt zu werden. Dann habe ich mich an meine Frauenärztin gewandt. Sie kannte das Problem bzw. Vaginismus nicht und gab mir den Ratschlag, ich solle einfach versuchen zu entspannen und müsse vielleicht einfach mehr Vertrauen zu meinem Partner aufbauen. Einmal meinte sie, ich solle es mal mit einem Schluck Wein zur Entspannung versuchen.

Das ist wirklich eine fragwürdige Methode, gab es weitere solcher kurioser Vorschläge?

Ja, aber das habe ich aber tatsächlich schon von mehreren Frauen gehört. Meine Ärztin meinte, ich solle mit Tampons und meinem Finger üben, was natürlich auch schwierig war, weil ich da ja gar nicht reinkam. Von anderen Frauen habe ich gehört, dass ihnen geraten wurde, mit Dildos zu üben. Das alles war in Anbetracht dessen, dass es sich ja um eine körperliche Reaktion handelt, die man erst mal nicht kontrollieren kann, nicht besonders hilfreich. Ich hatte damals das Gefühl, da wird etwas auf meine Persönlichkeit abgewälzt, was ich gar nicht bin. Ich habe mich selbst immer als entspannten, fröhlichen Menschen wahrgenommen. Deshalb fand ich es auch super schlimm, dass ich von anderen als verkrampft gesehen werde aufgrund von etwas, das ich mir selbst gar nicht erklären kann.

Gab es damals so etwas wie einen Schlüsselmoment wo du dir klar wurde, dass es eben genauso nicht ist?

Ich habe irgendwann aufgehört, überhaupt darüber zu sprechen. Die Ratschläge meiner Frauenärztin haben mir nicht geholfen. Egal wie entspannt ich war und wie viel Vertrauen ich in meinen damaligen Partner hatte, es hat sich nichts geändert. Nach dem Abitur war ich im Ausland, dort habe ich erstmal unbewusst versucht, allem aus dem Weg zu gehen, was irgendwie mit Sexualität zu tun hatte. Ich habe mein Problem verdrängt. Als ich wieder zurück war und ein Studium begonnen hatte, kam es seit langer Zeit mal wieder zu einer Situation, in der ich mit einer Person intim werden wollte. Da wurde ich plötzlich wieder extrem damit konfrontiert. Ich war auch wegen der einseitigen Ratschläge meiner Frauenärztin davon ausgegangen, dass die Verspannung ein mentales Problem war, dass etwas mit meiner Beziehung zu tun haben musste. Deswegen dachte ich wohl irgendwie, dass sich das nach all der vergangenen Zeit vielleicht einfach von selbst gelöst hätte. Dem war aber nicht so. Vor dem Schlüsselmoment gab es dann also erst mal diesen Schockmoment.

Und wie bist du dann damit umgegangen?

In einer zufälligen Situation hat mir eine junge Frau von ihren Problemen mit Penetrationssex erzählt, ohne dass sie wusste, dass ich dasselbe Problem habe. Wir kannten uns kaum und das war irgendwie super krass in dem Moment, weil ich gesehen habe wie offen sie darüber spricht. Sie war eine sehr lebensfrohe, selbstbewusste Person und wirkte in keiner Weise verkrampft. Sie wusste auch nicht, was Vaginismus ist, aber wir haben lange über unsere Erfahrungen gesprochen und festgestellt, dass sie sehr ähnlich sind. Durch diese Begegnung habe ich gemerkt, wie sehr es mir hilft, darüber zu sprechen. Auch wenn es anfangs schwerfiel, habe ich das dann auch immer mehr getan. So habe ich auch mehr von Frauen erfahren, die von ähnlichen Problemen betroffen sind. Zu diesem Zeitpunkt war ich 21 Jahre alt. Über eine Freundin erfuhr ich dann von einem Kurzfilm über das Thema Vaginismus. Sie hat mir den Trailer gezeigt und ich musste total weinen, das hat echt etwas in mir gelöst. Es war das erste Mal, dass ich ein Wort dafür hatte. Dann habe ich einen Artikel darüber gefunden, den ich erst mal allen meinen engen Freund*innen geschickt habe. Die waren auch erstaunt darüber. Für mich war das ein kompletter Plot Twist. Ich konnte sagen „mein Problem gibt es übrigens!“.

Das war bestimmt ein sehr befreiender Moment. Wenn man so persönliche bzw. intime Probleme benennen kann, erleichtert das auch darüber zu sprechen?

Ja total, das hat mir echt eine Last abgenommen. Ich hatte das Gefühl endlich weiter zu kommen. Ich hatte etwas gefunden, wie ich mich erklären konnte.

Erschreckend, dass dir auf diesem Weg keine Ärzt*innen weiter helfen konnten.

Ich habe mir einige Artikel dazu durchgelesen und auch Ärzt*innen darauf hingewiesen. Dennoch habe ich nie die Diagnose „Vaginismus“ bekommen. Auch die Behandlung habe ich mir durch den Kontakt mit anderen Betroffenen komplett selbst erschlossen, dazu habe ich keine Beratung bekommen. Ich habe mir ein Set mit Dilatoren in verschiedenen Größen bestellt und damit angefangen zu „üben“. Bald schaffte ich es, den allerkleinsten, der etwa Tampongröße hatte, einzuführen. Dann ging es langsam auch mit den größeren Dilatoren immer besser. Vaginismus ist sehr wenig erforscht und es gibt viele Frauen, die nie darüber sprechen, weil sie sich dafür schämen – deshalb ist er wahrscheinlich auch vielen Ärzt*innen unbekannt.

Gibt es unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Vaginismus?

Ja, grundsätzlich unterteilt man zwischen primärem und sekundärem Vaginismus. Primär bedeutet, dass das Problem im Prinzip schon von Geburt an da war. Viele merken das dann zum ersten Mal beim Versuch Tampons zu verwenden. Der sekundäre „erworbene“ Vaginismus entsteht später, oft ausgelöst durch traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigungen aber auch zum Beispiel nach Geburten. Schon seit Längerem bin ich in einem Austauschforum für Betroffene aktiv. Dort werden die verschiedensten Geschichten erzählt. Eine Frau erzählte, dass sie in ihrer Beziehung zu Beginn ganz „normal“ Geschlechtsverkehr haben konnte, bis es dann nach ein paar Monaten gar nicht mehr ging – ohne, dass es einen klaren Auslöser gegeben hätte.

Du hast vorhin kurz durchklingen lassen, dass du selbst einen Blog zu dem Thema gründest, in dem betroffene Frauen über das Thema schreiben.

Es gibt bereits ein paar gute Plattformen zum Austausch. Zum Beispiel eine internationale Facebook-Gruppe wo sich Betroffene verbinden können. Über eine weitere deutsch-österreichische Facebook-Gruppe mit knapp 100 Mitgliedern habe ich nun Kontakt zu einer Frau aus Wien aufgenommen die auch eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Vaginismus gegründet hat. Gemeinsam mit ein paar anderen Frauen möchten wir nun einen Blog gründen. Ich hoffe das klappt, denn ich merke, dass es auch für andere sehr wichtig ist, darüber sprechen zu können. Viele betroffene Frauen hatten überhaupt keinen Zugang zu Informationen für Behandlungen oder Kontakt zu anderen Betroffenen, als sie ihren Vaginismus entdeckten. Jetzt wollen wir vermeiden, dass sich noch mehr junge Mädchen so fühlen, als seien sie mit ihrem Problem allein auf der Welt.

Das ist jetzt noch mal eine sehr persönliche Frage. Wie gehst du damit heute damit um, wenn du mit Menschen intim wirst?

Das ist immer noch sehr schwierig, weil es auch Situationen sind, in denen man sich oft generell sehr verletzlich fühlt. Ich versuche Situationen zu meiden in denen ich mich von einer anderen Person unter Druck gesetzt fühle und nicht wirklich ehrlich sein kann. Ich muss mein Problem auf jeden Fall immer zur Sprache bringen und das erfordert natürlich Überwindung. Meistens versuche ich erst mal herauszufinden, ob die Person schon einmal von Vaginismus gehört hat. Ich habe das Gefühl, was das angeht ist in den letzten zwei Jahren viel passiert. Das Thema wird ja auch in bekannten Serien, wie zum Beispiel Sex Education oder auch Unorthodox angesprochen. Für die meisten ist es dennoch ein komplett unbekanntes Ding – und das macht es schwer, zu erklären.

Was hilft dir im Umgang damit am besten?

Am meisten geholfen hat mir eigentlich die Erkenntnis, dass ich nicht alleine bin mit meinem Problem, dass es viele Betroffene gibt, und dass es überwindbar ist. Wichtig ist, in Ruhe mit den Dilatoren zu üben und zu wissen, worauf man wie reagiert, sich keinen Druck zu machen, wenn das „Training“ mal nicht klappt und sich die Zeit zu nehmen, die man braucht. Selbst- und Fremdkontrolle spielt da auch eine große Rolle. Ich habe auch von Frauen gehört, die das Dilatorentraining mit ihrem Freund zusammen gemacht haben, um auch zu lernen, die Kontrolle abzugeben. Auch Atemtechniken können helfen.

Viele Frauen haben ein ziemlich entfremdetes Verhältnis zu ihren Geschlechtsorganen bzw. haben sich einfach nie wirklich damit vertraut gemacht. Glaubst du das unser gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema eine Rolle dabei spielt?

Ja, ich denke schon. Dennoch gibt es auch in dieser Hinsicht sehr aufgeklärte Frauen, die das Problem trotzdem haben. Es ist also nicht davon abhängig. Ich erinnere mich aber daran, dass wir Biounterricht nichts über die Funktion der Geschlechtsorgane gelernt haben, nur eben wie sie beschriftet werden. Oft wird die eigene Vagina wie ein verbotener Bereich behandelt mit dem man sich als Frau nicht beschäftigen soll, der aber doch ein Teil des Körpers ist. Als ich mit meiner Frauenärztin damals darüber gesprochen habe, weiß ich noch wie unangenehm mir das war und dass ich mir als ich zu Hause geübt habe öfter gedacht habe „Das ist total komisch, was ich mache“ was eben auch zeigt wie krass tabuisiert das Ganze ist.

Auch Männer wissen zu wenig über die weibliche Sexualität. Warum lernt man im Sexualunterricht eigentlich nicht wie man guten, sicheren Sex hat? Würde das Leben enorm erleichtern, haha. Naja back to topic, hast du zum Abschluss vielleicht noch ein paar Tipps zu Inhalten, die du empfehlen kannst, um sich mit der Thematik weiter auseinander zu setzen oder auch für Frauen die Hilfe suchen?

Ja, total haha. Und ja klar! Erstmal die beiden Serien Sex Education und Unorthodox. Dann gibt es gibt eine sehr gute und ehrliche Folge des YouTube-Kanals „auf Klo“ zu dem Thema. Bzgl. Accounts und Plattformen gibt es auch schon Einiges: Eine Bekannte von mir hat den Instagram Account (vaginismus.hilfe) erstellt. Die Facebook-Gruppe von der ich vorhin gesprochen habe, heißt „vaginismus support group“ Darüber können sich z.B. Betroffene mit anderen Betroffenen verbinden die in der Nähe sind, und auch über Behandlungen austauschen. Außerdem gibt es die Instagram Accounts invisible.wall.vienna und pelvic_flawless. Die meisten Accounts sind noch sehr jung, aber es kommen immer mehr dazu! Diese Entwicklung freut mich sehr, und ich hoffe, dass sich in Zukunft weniger Mädchen wie Aliens fühlen und mehr Informationen zum Thema finden, als ich damals.

Text: Katha von Sterni

Illustration: @marydoesartstuff