Warum du den Knigge lesen solltest

Der Knigge schreibt Benimmregeln vor, die mal mehr, mittlerweile aber eher weniger befolgt werden: Frauen den Vortritt überlassen, das Handy im Kino stumm schalten oder seit Neuerem auch das „Gesundheit“ beim Niesen weglassen. Viele halten so ein Regelwerk für unsinnig und überholt. Adolph Knigge, dessen Name stellvertretend für die Verhaltensvorschriften steht, würde das genauso sehen.

Der deutsche Schriftsteller und Aufklärer Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge ist vor allem durch seine 1788 erschienene Sammlung von Lebensregeln Über den Umgang mit Menschen bekannt geworden. Obwohl das Werk schon damals sowas wie ein Bestseller war, wurde es von vielen als Regelwerk für ordentliches Benehmen und Etikette falschverstanden. Nach Knigges Tod befeuerte der Verlag, unter dem das Buch damals erschien, dieses Missverständnis nur: Die ursprüngliche Intention von den Lebensregeln wurde durch eigenwillige Ergänzungen von Kleiderregeln und Tischmanieren entstellt. Geboren wurde ein irrtümlicher Volksglaube, der Über den Umgang mit Menschen als politischer Sprengstoff so gar nicht gerecht wird.

Adolph Knigge, der freiheitliche Ideale vertrat und sich als Aufklärer verstand, unternahm den Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, was eigentlich ein erfülltes und glückliches Leben ausmacht. Er kam zu dem Entschluss, dass es weder Talent noch Intelligenz sein kann – immerhin zeigt die Geschichte oft genug, dass „Genies“ ein eher tragisches Leben führen. Vielmehr sei es die Fähigkeit, mit Menschen aus allen Bevölkerungsschichten umgehen zu können, ohne sich dabei verstellen zu müssen. Er beschreibt das Zwischenmenschliche als Balanceakt: Selbstbewusstsein und Würde sind genauso wichtig für eine gute und harmonische Lebensführung wie Toleranz und Rücksichtnahme.

„All diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln nun, und viel mehrere noch, (…) zielen dahin, den Umgang leicht, angenehm zu machen und das gesellige Leben zu erleichtern.“ (S. 78 f.)

So schreibt er in verschiedenen Kapiteln…

… dass alte und junge Menschen miteinander Umgang haben sollten, da sie so voneinander lernen und dabei Verständnis für einander entwickeln können.

… dass auch in der Ehe aufmerksames, rücksichtsvolles Verhalten wichtig ist, wenn die Beziehung gelingen soll.

… wenn man machtvollen Menschen gegenübertritt, sollte man diesen nicht trauen und sich deshalb von ihnen fern halten.

… dass man sozial tiefer stehenden Menschen immer freundlich begegnen sollte, ohne zu vertraulich zu werden.

Basierend auf seiner Lebenserfahrung gibt Knigge der Leserschaft eine Anleitung wie Rücksicht, aber auch eigene Bedürfnisse und Interessen in Einklang gebracht werden können. Die Grundlage dafür bilden die aufklärerischen Ideale Freiheit, Vernunft und Toleranz.

Knigges Sammlung an Lebensregeln war schon damals revolutionär – nicht nur, weil sein Leitgedanke von der aufklärerischen Philosophie geprägt war, sondern auch weil sich Über den Umgang mit Menschen ausdrücklich an alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen wendet.

Als die Nationalversammlung 1789 die Auflösung der Ständegesellschaft verkündete, kam die aufklärerische Schrift wie gerufen: Durch das Abschaffen gesellschaftlicher Ränge und der damit verbundenen Privilegien Adeliger sowie der Leibeigenschaft von Bauern standen sich verschiedenste Charaktere (mehr oder weniger) gleichberechtigt gegenüber. Es entstand ein neues Gesellschaftskonzept, jedoch mit alten Gewohnheiten und Einstellungen. Reibungen und Konflikte waren unumgänglich, um diesen jedoch aus dem Weg zu gehen, empfiehl es sich, sich an Knigges gut gemeinten Rat zu orientieren – sich an fremde Umgebungen anzupassen und die anderen Menschen ihrem Charakter entsprechend zu behandeln.

Knigges Gedanken können als angewandte Soziologie verstanden werden und sind psychologisch fundiert. Deshalb finden sich seine Ansätze in der Literatur auch heute noch wieder. Natürlich sind manche davon in Über den Umgang mit Menschen zeitgebunden: Knigges Aussagen über Frauen und Juden entsprechen zwar dem Zeitgeist des 18. Jahrhunderts, sind heutzutage aber einfach diskriminierend. Eine philosophische Anleitung für harmonisches Miteinander wäre für die heutige Gesellschaft allerdings gar nicht so verkehrt: In einer globalisierten Gesellschaft, in der Menschen in die entferntesten Teile der Welt reisen und migrieren, ist das Konfliktpotenzial hoch. Wenn unterschiedliche Kulturen, Religionen, Mentalitäten aufeinander treffen, geht man aus Unwissenheit und Unsicherheit erstmal in Abwehr- oder sogar Angriffshaltung vor dem Fremden. Festgelegte oder zumindest etablierte Umgangsformen können helfen, sich zu richtig zu verhalten, sich zu öffnen und voneinander zu lernen, was unmittelbar zu einem glücklichen Leben führen kann.

Text & Bild: Linda Kolodjuk

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