Vaginismus – „Mein Problem gibt es übrigens!“

Ich habe mit einer jungen Frau über ihren Vaginismus gesprochen. Sie hat mir aus ihrem Leben erzählt. Davon, was sie mittlerweile über ihr „Problem“ weiß und was es sie zurück gelehrt hat.

Wie erklärst du anderen Menschen deinen Vaginismus so, dass es sich für dich korrekt anfühlt?

Krankheit ist schwierig, Störung ist auch ein sehr negatives Wort. Oft sage ich, ich habe ein Problem. Im Grunde ist das Problem eine Verkrampfung der Scheidenmuskulatur, wodurch sich Penetration sehr schmerzhaft anfühlt oder sogar gar nicht möglich ist. Als ich entdeckt habe, dass ich betroffen bin, gab es dazu nichts im Internet. Ich habe erst sehr spät erfahren, dass es überhaupt einen Begriff dafür gibt.

Die ersten sexuellen Erfahrungen sind in der Jugend meistens ein großes Thema. Wie bist du damals damit umgegangen?

Ich habe damals kaum mit Freunden darüber gesprochen. Mit etwa 18 Jahren war ich in meiner ersten Beziehung, die über ein Jahr ging. Ich habe nie jemandem gesagt, dass penetrativer Sex bei uns nicht funktioniert hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht sein kann und hatte Angst, von meinen Freunden als seltsam abgestempelt zu werden. Dann habe ich mich an meine Frauenärztin gewandt. Sie kannte das Problem bzw. Vaginismus nicht und gab mir den Ratschlag, ich solle einfach versuchen zu entspannen und müsse vielleicht einfach mehr Vertrauen zu meinem Partner aufbauen. Einmal meinte sie, ich solle es mal mit einem Schluck Wein zur Entspannung versuchen.

Das ist wirklich eine fragwürdige Methode, gab es weitere solcher kurioser Vorschläge?

Ja, aber das habe ich aber tatsächlich schon von mehreren Frauen gehört. Meine Ärztin meinte, ich solle mit Tampons und meinem Finger üben, was natürlich auch schwierig war, weil ich da ja gar nicht reinkam. Von anderen Frauen habe ich gehört, dass ihnen geraten wurde, mit Dildos zu üben. Das alles war in Anbetracht dessen, dass es sich ja um eine körperliche Reaktion handelt, die man erst mal nicht kontrollieren kann, nicht besonders hilfreich. Ich hatte damals das Gefühl, da wird etwas auf meine Persönlichkeit abgewälzt, was ich gar nicht bin. Ich habe mich selbst immer als entspannten, fröhlichen Menschen wahrgenommen. Deshalb fand ich es auch super schlimm, dass ich von anderen als verkrampft gesehen werde aufgrund von etwas, das ich mir selbst gar nicht erklären kann.

Gab es damals so etwas wie einen Schlüsselmoment wo du dir klar wurde, dass es eben genauso nicht ist?

Ich habe irgendwann aufgehört, überhaupt darüber zu sprechen. Die Ratschläge meiner Frauenärztin haben mir nicht geholfen. Egal wie entspannt ich war und wie viel Vertrauen ich in meinen damaligen Partner hatte, es hat sich nichts geändert. Nach dem Abitur war ich im Ausland, dort habe ich erstmal unbewusst versucht, allem aus dem Weg zu gehen, was irgendwie mit Sexualität zu tun hatte. Ich habe mein Problem verdrängt. Als ich wieder zurück war und ein Studium begonnen hatte, kam es seit langer Zeit mal wieder zu einer Situation, in der ich mit einer Person intim werden wollte. Da wurde ich plötzlich wieder extrem damit konfrontiert. Ich war auch wegen der einseitigen Ratschläge meiner Frauenärztin davon ausgegangen, dass die Verspannung ein mentales Problem war, dass etwas mit meiner Beziehung zu tun haben musste. Deswegen dachte ich wohl irgendwie, dass sich das nach all der vergangenen Zeit vielleicht einfach von selbst gelöst hätte. Dem war aber nicht so. Vor dem Schlüsselmoment gab es dann also erst mal diesen Schockmoment.

Und wie bist du dann damit umgegangen?

In einer zufälligen Situation hat mir eine junge Frau von ihren Problemen mit Penetrationssex erzählt, ohne dass sie wusste, dass ich dasselbe Problem habe. Wir kannten uns kaum und das war irgendwie super krass in dem Moment, weil ich gesehen habe wie offen sie darüber spricht. Sie war eine sehr lebensfrohe, selbstbewusste Person und wirkte in keiner Weise verkrampft. Sie wusste auch nicht, was Vaginismus ist, aber wir haben lange über unsere Erfahrungen gesprochen und festgestellt, dass sie sehr ähnlich sind. Durch diese Begegnung habe ich gemerkt, wie sehr es mir hilft, darüber zu sprechen. Auch wenn es anfangs schwerfiel, habe ich das dann auch immer mehr getan. So habe ich auch mehr von Frauen erfahren, die von ähnlichen Problemen betroffen sind. Zu diesem Zeitpunkt war ich 21 Jahre alt. Über eine Freundin erfuhr ich dann von einem Kurzfilm über das Thema Vaginismus. Sie hat mir den Trailer gezeigt und ich musste total weinen, das hat echt etwas in mir gelöst. Es war das erste Mal, dass ich ein Wort dafür hatte. Dann habe ich einen Artikel darüber gefunden, den ich erst mal allen meinen engen Freund*innen geschickt habe. Die waren auch erstaunt darüber. Für mich war das ein kompletter Plot Twist. Ich konnte sagen „mein Problem gibt es übrigens!“.

Das war bestimmt ein sehr befreiender Moment. Wenn man so persönliche bzw. intime Probleme benennen kann, erleichtert das auch darüber zu sprechen?

Ja total, das hat mir echt eine Last abgenommen. Ich hatte das Gefühl endlich weiter zu kommen. Ich hatte etwas gefunden, wie ich mich erklären konnte.

Erschreckend, dass dir auf diesem Weg keine Ärzt*innen weiter helfen konnten.

Ich habe mir einige Artikel dazu durchgelesen und auch Ärzt*innen darauf hingewiesen. Dennoch habe ich nie die Diagnose „Vaginismus“ bekommen. Auch die Behandlung habe ich mir durch den Kontakt mit anderen Betroffenen komplett selbst erschlossen, dazu habe ich keine Beratung bekommen. Ich habe mir ein Set mit Dilatoren in verschiedenen Größen bestellt und damit angefangen zu „üben“. Bald schaffte ich es, den allerkleinsten, der etwa Tampongröße hatte, einzuführen. Dann ging es langsam auch mit den größeren Dilatoren immer besser. Vaginismus ist sehr wenig erforscht und es gibt viele Frauen, die nie darüber sprechen, weil sie sich dafür schämen – deshalb ist er wahrscheinlich auch vielen Ärzt*innen unbekannt.

Gibt es unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Vaginismus?

Ja, grundsätzlich unterteilt man zwischen primärem und sekundärem Vaginismus. Primär bedeutet, dass das Problem im Prinzip schon von Geburt an da war. Viele merken das dann zum ersten Mal beim Versuch Tampons zu verwenden. Der sekundäre „erworbene“ Vaginismus entsteht später, oft ausgelöst durch traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigungen aber auch zum Beispiel nach Geburten. Schon seit Längerem bin ich in einem Austauschforum für Betroffene aktiv. Dort werden die verschiedensten Geschichten erzählt. Eine Frau erzählte, dass sie in ihrer Beziehung zu Beginn ganz „normal“ Geschlechtsverkehr haben konnte, bis es dann nach ein paar Monaten gar nicht mehr ging – ohne, dass es einen klaren Auslöser gegeben hätte.

Du hast vorhin kurz durchklingen lassen, dass du selbst einen Blog zu dem Thema gründest, in dem betroffene Frauen über das Thema schreiben.

Es gibt bereits ein paar gute Plattformen zum Austausch. Zum Beispiel eine internationale Facebook-Gruppe wo sich Betroffene verbinden können. Über eine weitere deutsch-österreichische Facebook-Gruppe mit knapp 100 Mitgliedern habe ich nun Kontakt zu einer Frau aus Wien aufgenommen die auch eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Vaginismus gegründet hat. Gemeinsam mit ein paar anderen Frauen möchten wir nun einen Blog gründen. Ich hoffe das klappt, denn ich merke, dass es auch für andere sehr wichtig ist, darüber sprechen zu können. Viele betroffene Frauen hatten überhaupt keinen Zugang zu Informationen für Behandlungen oder Kontakt zu anderen Betroffenen, als sie ihren Vaginismus entdeckten. Jetzt wollen wir vermeiden, dass sich noch mehr junge Mädchen so fühlen, als seien sie mit ihrem Problem allein auf der Welt.

Das ist jetzt noch mal eine sehr persönliche Frage. Wie gehst du damit heute damit um, wenn du mit Menschen intim wirst?

Das ist immer noch sehr schwierig, weil es auch Situationen sind, in denen man sich oft generell sehr verletzlich fühlt. Ich versuche Situationen zu meiden in denen ich mich von einer anderen Person unter Druck gesetzt fühle und nicht wirklich ehrlich sein kann. Ich muss mein Problem auf jeden Fall immer zur Sprache bringen und das erfordert natürlich Überwindung. Meistens versuche ich erst mal herauszufinden, ob die Person schon einmal von Vaginismus gehört hat. Ich habe das Gefühl, was das angeht ist in den letzten zwei Jahren viel passiert. Das Thema wird ja auch in bekannten Serien, wie zum Beispiel Sex Education oder auch Unorthodox angesprochen. Für die meisten ist es dennoch ein komplett unbekanntes Ding – und das macht es schwer, zu erklären.

Was hilft dir im Umgang damit am besten?

Am meisten geholfen hat mir eigentlich die Erkenntnis, dass ich nicht alleine bin mit meinem Problem, dass es viele Betroffene gibt, und dass es überwindbar ist. Wichtig ist, in Ruhe mit den Dilatoren zu üben und zu wissen, worauf man wie reagiert, sich keinen Druck zu machen, wenn das „Training“ mal nicht klappt und sich die Zeit zu nehmen, die man braucht. Selbst- und Fremdkontrolle spielt da auch eine große Rolle. Ich habe auch von Frauen gehört, die das Dilatorentraining mit ihrem Freund zusammen gemacht haben, um auch zu lernen, die Kontrolle abzugeben. Auch Atemtechniken können helfen.

Viele Frauen haben ein ziemlich entfremdetes Verhältnis zu ihren Geschlechtsorganen bzw. haben sich einfach nie wirklich damit vertraut gemacht. Glaubst du das unser gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema eine Rolle dabei spielt?

Ja, ich denke schon. Dennoch gibt es auch in dieser Hinsicht sehr aufgeklärte Frauen, die das Problem trotzdem haben. Es ist also nicht davon abhängig. Ich erinnere mich aber daran, dass wir Biounterricht nichts über die Funktion der Geschlechtsorgane gelernt haben, nur eben wie sie beschriftet werden. Oft wird die eigene Vagina wie ein verbotener Bereich behandelt mit dem man sich als Frau nicht beschäftigen soll, der aber doch ein Teil des Körpers ist. Als ich mit meiner Frauenärztin damals darüber gesprochen habe, weiß ich noch wie unangenehm mir das war und dass ich mir als ich zu Hause geübt habe öfter gedacht habe „Das ist total komisch, was ich mache“ was eben auch zeigt wie krass tabuisiert das Ganze ist.

Auch Männer wissen zu wenig über die weibliche Sexualität. Warum lernt man im Sexualunterricht eigentlich nicht wie man guten, sicheren Sex hat? Würde das Leben enorm erleichtern, haha. Naja back to topic, hast du zum Abschluss vielleicht noch ein paar Tipps zu Inhalten, die du empfehlen kannst, um sich mit der Thematik weiter auseinander zu setzen oder auch für Frauen die Hilfe suchen?

Ja, total haha. Und ja klar! Erstmal die beiden Serien Sex Education und Unorthodox. Dann gibt es gibt eine sehr gute und ehrliche Folge des YouTube-Kanals „auf Klo“ zu dem Thema. Bzgl. Accounts und Plattformen gibt es auch schon Einiges: Eine Bekannte von mir hat den Instagram Account (vaginismus.hilfe) erstellt. Die Facebook-Gruppe von der ich vorhin gesprochen habe, heißt „vaginismus support group“ Darüber können sich z.B. Betroffene mit anderen Betroffenen verbinden die in der Nähe sind, und auch über Behandlungen austauschen. Außerdem gibt es die Instagram Accounts invisible.wall.vienna und pelvic_flawless. Die meisten Accounts sind noch sehr jung, aber es kommen immer mehr dazu! Diese Entwicklung freut mich sehr, und ich hoffe, dass sich in Zukunft weniger Mädchen wie Aliens fühlen und mehr Informationen zum Thema finden, als ich damals.

Text: Katha von Sterni

Illustration: @marydoesartstuff

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