Stay the fuck home – Aber was, wenn du kein zuhause hast?

Corona raubt uns allen in diesem Jahr Nerven. Manchen mehr und anderen weniger. Doch eins hat der Großteil von uns gemeinsam: Wir haben ein Dach über dem Kopf, einen Ort an den wir uns zurückziehen können. Bei einigen ist das die WG, bei anderen die eigene Wohnung oder auch die Wohnung der Eltern. Dort können wir nicht nur die Heizung aufdrehen oder duschen, wenn uns kalt ist, wir können auch Essen kochen, wenn wir Hunger haben und sind größtenteils geschützt vor Covid-19. Dieses Privileg ist aber nicht allen gegeben. In Deutschland leben 48.000 Menschen auf der Straße. Die Gründe für ihre Obdachlosigkeit sind verschieden.

An dauerhaften Lösungen arbeitet im Moment das EU-Parlament. Dafür sollen Obdachlose so schnell wie möglich eine permanente eigene Bleibe bekommen. Auch Prävention und Wiedervereinigung solle eine übergeordnete Rolle spielen.

Und was geht in Chemnitz?

Genaue Zahlen zu Menschen ohne Obdach wurden nicht veröffentlicht. Von der Stadt wurde nur bekannt gegeben, dass 67 Menschen ein Postfach in Anspruch nehmen, weil sie kein eigenes haben. 39 Menschen sind in einem sozialpädagogischen Wohnprojekt untergekommen. Beide Zahlenwerte beziehen nicht nur auf obdach- sondern auch wohnungslose Menschen.

Ansonsten sind die Hilfsangebote von Seiten der Stadt begrenzt. Bis zum 18. Lebensjahr ist das Jugendamt zuständig, anschließend entfällt diese Hilfe aber. Was also danach? Die Verantwortung geht normalerweise ans Jobcenter über, jedoch kann das dauern. In der Zwischenzeit kommen dann Streetworker:innen wie die vom AJZ zum Einsatz, die helfen z.B. eine Wohnung zu finden. Generell übernimmt das AJZ Streetwork gerade auch Aufgaben, denen andere nicht nachkommen.

Die Stellen in Chemnitz sind knapp besetzt. Sechs Vollzeitstellen für die mobile Jugendarbeit in den Stadtteilen Zentrum, Sonnenberg und Gablenz gibt es. Zwei weitere Projekte für mobile Jugendarbeit sind der Domizil e.V. und JBH Moja. Für das gesamte Stadtgebiet sind zwei Straßensozialarbeiter:innen der Diakonie für Erwachsene zuständig. Durch Corona haben sich die Bedingungen nochmal verschlechtert. Das AJZ Büro in der Innenstadt wurde freiwillig zugemacht, genauso wie Duschen oder Essensausgabestellen eingeschränkt zur Verfügung stehen, weil Hygieneregeln nur noch schwer eingehalten werden können. Die Probleme häufen sich zur Zeit. So ist die Notunterkunft dezentral in der Heinrich- Schütz Straße. Der eigentliche Lebensschwerpunkt von Menschen die auf der Straße leben, befindet sich aber im Stadtzentrum. Gerade wurde dort eine Maskenpflicht verhängt. Doch wer kann sich schon, wenn er*sie kein Geld für Essen hat, eine Maske leisten? Wenn keine Maske vorhanden ist, verhängt das Ordnungsamt Bußgelder. Geld, welches Obdachlose nicht haben, aber dringend einnehmen müssten durch Schnorren zum Beispiel. Sie sind auf ihre Netzwerke angewiesen. Doch gerade funktioniert das nicht bzw. wenn dann in Häusern oder Wohnungen, wo mehrere Menschen auf engstem Raum zusammenkommen.

Neben den Problemen mit dem Ordnungsamt gab es auch schon vor der Pandemie welche mit der Polizei https://www.mdr.de/sachsen/chemnitz/chemnitz-stollberg/corona-obdachlose-chemnitz-100.html. Seit 2016 finden immer wieder Komplexkontrollen statt. Racial Profiling ist dabei keine Seltenheit. Nachgewiesen werden kann das nicht, eine Studie gibt es dazu bisher nicht. Die Menschen werden durch die Bereitschaftspolizei aus der Innenstadt verdrängt, die Kriminalisierung nimmt dadurch zu, da die Einnahmequelle des Bettelns in der Innenstadt dann wegfällt. Gentrifizierung in Großstädten wie zum Beispiel London bewirkt schon länger, dass Armutsschwache an die Randbezirke verdrängt werden.

Dabei wäre es so wichtig Akzeptanz für Individualität zu schaffen, diese aufzufangen und sich bei gemeinsamen Werten zu treffen.

In Chemnitz machte im Jahr 2018 eine Kunstaktion zum Distrikt Projekt des Künstlers Florian Huber auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam. Das AJZ Streetwork errichtete am Nischl dafür eine Sleep-In-Stelle mit zwei Betten.

Bundesweit etwas ändern in Bezug auf Obdachlosigkeit will „One warm winter“.

Bekannt wurden sie durch prominente Gesichter wie Joko und Klaas, Palina oder Visa Vie. Mit der Kiezmarke ist es in Berlin möglich, Obdachlosen mit einem Gutschein für Lebensmittel, einen Haarschnitt oder Klamotten mit zu kaufen.

Es folgte dann noch die Aktion „Give Bag Sneakeredition“, bei der in Sneakerläden mithilfe von Spendenboxen Schuhe für Obdachlose gespendet werden konnten.

Was jede:r tun kann

In Chemnitz gibt es im Gegensatz zu anderen Städten weder einen Kältebus noch eine zentrale Unterkunft in der Innenstadt.

Tagsüber können sich obdachlose Menschen bei der Haltestelle aufwärmen:

Annenstraße 22
09111 Chemnitz

0371 671751

Geschlafen werden kann für eine Nacht hier:

Heinrich-Schütz-Straße 84
09130 Chemnitz                                                      

0371 4002350    


Solltet ihr Obdachlosen helfen wollen, fragt diese zuallererst, ob sie Hilfe brauchen. Manchmal reicht auch ein warmer Kaffee oder Tee, den ihr vom Bäcker mitbringt. Erst wenn es ausdrücklich gewünscht ist, könnt ihr bei der Schütz- Straße anrufen oder auch die Adresse der Haltestelle weitergeben.

Wenn ihr euch fragt was, ihr noch so tun könnt, dann ist es spenden. Entweder Lebensmittel an den Gabenzaun, der sich am Hauptbahnhof befindet oder Klamotten beim Netzwerk für Integration und Zukunft. Gerade im Winter werden besonders Schlafsäcke und Decken gebraucht. Vielleicht habt ihr ja auf dem Dachboden oder im Keller noch welche gelagert, die ihr weggeben könnt. Ihr habt in letzter Zeit Klamotten aussortiert? Dann könnt ihr vor allem auch Winterjacken, Handschuhe, Mützen und lange Klamotten dort vorbeibringen, wichtig ist vorher anzurufen:

Netzwerk für Integration und Zukunft

Dresdener Straße 6-10
09112 Chemnitz

0176 24988563 

Geldspenden können hier hin gehen:

AJZ e.V.
DE85870500003551012333

Und 2025 sieht‘s dann wie aus?

Chemnitz ist Kulturhauptstadt im Jahr 2025. Das heißt auch, dass die Stadt zu einem schöneren und besseren Ort werden soll. Dafür fließen 50 Millionen Euro.

Was sollte sich bis dahin in Bezug auf Obdachlose hier geändert haben? Die Streetworker:innen aus dem AJZ gaben verschiedene Antworten:

„In fünf Jahren sollte es in der Innenstadt eine Sleep-In Notunterkunft geben, getrennt nach minderjährigen und volljährigen Obdachlosen. Bisher ist eine Unterkunft auf der Schütt-Straße zu finden. Diese sortiert aber die Menschen nach bestimmten Bedingungen und die Strukturen sind auch schwierig. So ist sie z.B. dezentral gelegen und Menschen ohne festen Wohnsitz sind auf die zentrale Lage, um Geld zu erbringen, angewiesen. Dass weder die Plätze ausreichen, noch die Mitarbeiter:innen, ist nicht neu. Es ist eine Diskriminierung von Not& Leiden.“

Alle von uns, die ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen haben, können sich glücklich schätzen. Denn das liegt vielleicht auch einfach daran, in welche Umstände wir hineingeboren wurden oder dass wir weniger anfällig für psychische Vorerkrankungen sind. Aber vielleicht ist es ja möglich, von dem was wir haben, zum Teil auch im Überfluss, etwas abzugeben.

Text: Svenja Jäger
Bild: Julia Küttner

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