Black Lives Matter. Und jetzt?

Wie du mit etwas Zeit und Geld politische Entscheidungen treffen kannst

Nachdem #blackouttuesday, Empfehlungen für antirassistische Lektüren und Protestbilder weitestgehend aus unseren Instagram-Timelines verschwunden sind – was bleibt von den vielen offen gezeigten Solidaritätsbekundungen? Was tun, mit dieser ganzen Awareness? Und die bessere Frage: wie kann jede*r mit seinen/ihren* Ressourcen dazu beitragen, dass echte Veränderung eintritt?

Es hilft niemandem, wenn wir uns alle bloß „aware“ und „woke“ fühlen um danach wie bisher mit unserem Leben weiter machen. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: echte gesellschaftliche Veränderung. Und diese muss, wie vergangene Befreiungsbewegungen wie die Frauenbewegung gezeigt haben, von unten hart erkämpft werden. Wie auch an der Frauenbewegung zu sehen ist, war echte Veränderung bisher leider ein langwieriger und kleinteiliger Prozess, der jetzt auch nach hundert Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Die Veränderung trat langsam ein, sobald die Anliegen der Bewegungen in der Mainstream-Politik angekommen, ernst genommen und normalisiert wurden. Aber die Veränderung war und ist damit noch keineswegs abgeschlossen! (auch wenn selbst die CDU gerade versucht, ‚frauenfreundlicher‘ zu werden)

Ein weiteres gutes Beispiel für Veränderung liefert auch die Fridays-for-Future-Bewegung, welche es durch ihre Hartnäckigkeit geschafft hat, den Klimaschutz auf die Agenda der breiten Masse zu setzen. Plötzlich sprechen alle über den Klimawandel, selbst Unternehmen halten es nun für erstrebenswert, einen „grünen“ Ruf zu haben. Auch die meisten Parteien mussten sich mittlerweile mehr oder weniger eingestehen, dass die Notwendigkeit, die Folgen des Klimawandels einzudämmen, nicht einfach eine Ideologie ist, sondern ein ernstzunehmendes gesamtgesellschaftliches Problem. Genauso wie Klimaschutz und Frauenrechte sollte die Auflösung von strukturellem Rassismus und systematischer Diskriminierung von marginalisierten Gruppen auf der breiten politischen Agenda stehen. Die Existenz von strukturellem Rassimus soll allgemein anerkannt werden, um genau diesem entgegen steuern zu können. Es sollten Gesetze verabschiedet werden, die Diskriminierung eliminieren und Lehrpläne sowie Schulbücher überarbeitet werden. Es liegt in der Verantwortung von uns Weißen dieses System, von dem wir jahrhundertelang auf Kosten von Schwarzen profitiert haben, abzubauen.

Und was kann ich als weißer Mensch jetzt tun?

Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Vor allem, wenn man auf einem bequemen Stuhl sitzt. Ich selbst habe mir diese Frage auch schon sehr oft gestellt: Wie kann ich dazu beitragen, dass der aktuelle Diskurs und die Proteste, wie sie momentan insbesondere auf Instagram und auf der Straße stattfinden, zu tatsächlicher Veränderung führen? Allein diese Frage hinterlässt Ratlosigkeit bei den meisten. Denn die Veränderung eines Systems ist etwas Großes. Allerdings gibt es Dimensionen, auf die jeder Mensch zumindest ein bisschen Einfluss haben kann. Es sind vor allem lokale Organisationen, Vereine und Verbände, die sich für Veränderung einsetzen und aktiv im Interesse von marginalisierten Gruppen arbeiten. Aber leider sind es auch oft lokale Organisation, Vereine und Verbände, denen es an Mitteln fehlt, diese Interessen für sich zufriedenstellend durchzusetzen, weil sie keine staatliche Unterstützung bekommen.

Vor der eigenen Haustür kehren

Lokale Organisationen sind vor allem deshalb wichtig, weil sie auf kommunalpolitischer Ebene Einfluss üben und damit vor Ort Veränderung bewirken. Sie dienen als Auffangnetz für marginalisierte Communities und setzen sich aus Menschen unterschiedlichen Alters sowie unterschiedlicher Gesellschaftsschichten zusammen. Diese Vereine brauchen Unterstützung, um zu überleben. Gerade hier kann das Geld, das wir zur Zeit nicht für Urlaub und Feiern ausgeben, eine große Hilfe sein. Wer noch etwas übrig hat, kann auf vielen Aktivist*innen-Accounts leicht internationale Anlaufstellen finden, mit denen man die Black Lives Matter-Bewegung finanziell unterstützen kann.

View this post on Instagram

Looks like @instagram is up to its censorship game again. We were told by multiple people that intended to tune in for today’s live that they did not even get a notification that we went live and that they couldn’t see we were live at all. Additionally, we’ve had a number of you tell us our posts and stories are not coming up in your feed & that you only see our content when you come to our page. While this is frustrating, we have never let it derail us from the work. . We are sharing with you because this is why it is so important that you engage w/ our content. When you like, comment & share our posts, you help us fight back on how Instagram limits our reach. . It is CRITICAL that we oppose & DISMANTLE systems of oppression but we must also be committed to replacing them with a system of JUSTICE. If you didn’t get to catch the live we did with our brother @djuan____ today, you can still catch it on our IGTV. It’s the most recent upload, titled “Hold Their Feet to the Fire”. . 💫 For those that were able to tune into the live or who have had the chance to watch the replay, we would love to hear your feedback! In the comments for this post, please leave some takeaways or things you learned today 💫 . Here were the questions we covered: . 1. What have we learned from the most recent uprising? What impact has it made? . 2. What can we learn from revolutionaries of the past in regards to what is most effective? . 3. How has revolution been quelled throughout history? Why is it critical that we remain vigilant and prepared for the ways in which systems of oppression will transform and shapeshift? . 4. How can we get tangible results? . 5. How do we sustain & maximize this revolutionary energy? . . If you learned from what @djuan____ was speaking on today & you want to show appreciation for his time, we invite you to send any amount of $$$ to the CashApp he has created specifically for the funding of THE WORK. D’Juan is constantly giving his money, time and resources to important community-lead, justice-oriented organizations. You can grow that impact by sending to: $fundtherevolution

A post shared by NO WHITE SAVIORS (@nowhitesaviors) on

Aber ich habe kein Geld – was jetzt?

Natürlich hat nicht jede*r die finanzielle Möglichkeit zu spenden – und das ist völlig okay. Zeit kann genauso wertvoll sein. Geh mit den Buntmacher*innen von Tür zu Tür und überzeuge Nicht-Wähler*innen, wählen zu gehen. Frage den Kulturverein von nebenan, ob sie noch ein paar Hände gebrauchen können, um ihren Garten umzugraben. Biete Initiativen deine Photoshop-Skills an. Biete Räume an, damit BIPoC-Communities sich untereinander treffen und/oder Workshops halten können. Gib geflüchteten Kindern Nachhilfe. Wenn du Racial Profiling auf der Straße beobachtest: frag den/die Betroffene*n, ob er/sie deine Hilfe braucht und schreite, wenn gewünscht, ein. Hör nicht auf, auf Demos zu gehen. Unterstütze die Demos mit Ressourcen für die Protestierenden, wenn gebraucht. Geh wählen. Hör nicht auf, deinen eigenen internalisierten Rassismus offen zu hinterfragen und sprich darüber mit Freund*innen. Gib BIPoC einen Platz auf deiner Plattform oder an deiner Firma. Helfe mit deinen Konsumentscheidungen, BIPoC sichtbarer zu machen: schaue Filme und lese Bücher von Nicht-Weißen – und zwar nicht nur über Rassismus. Komme in Kontakt mit Menschen, die außerhalb des Radius deines bisherigen Umfelds liegen.
Die Liste mit Dingen, die tagtäglich getan werden können, geht noch unendlich weiter und ist hier auf keinen Fall vollständig. Diese Dinge sind auch nichts, die einfach einmal abgearbeitet sind – sie sollten als Gewohntheit dauerhaft in den Alltag integriert werden. Aber was auch immer du tust: Stelle dich dabei niemals selbst in den Vordergrund, sondern trete zur Seite und mache Platz für Stimmen, die gehört werden sollen.

Da es auch in Chemnitz lokale Organisationen gibt, die wertvolle Arbeit leisten und es in jedem Fall wert sind, auf welche Art auch immer unterstützt zu werden, haben wir hier eine kleine Liste zusammengestellt:

aguia e.V. Migrationssozial- und Jugendarbeit
Selbstbeschreibung: „Mit der Arbeit in unseren Projekten bieten wir Beratung und Betreuung für Migranten an, um Orientierung und Integration zu unterstützen. […] Um Einheimischen und Migranten die Möglichkeit zu bieten, ihre jeweiligen Unterschiede kennen zu lernen, aber auch Gemeinsamkeiten zu entdecken, bieten sich in vielen unserer Projekte Möglichkeiten, Begegnungen und damit neue Erfahrungen zu schaffen. […]
In unseren Projekten der Jugendarbeit finden Kinder und Jugendliche Möglichkeiten, ihre sozialen und interkulturellen Kompetenzen zu stärken, indem sie Erfahrungen mit anderen Kulturen machen und Kenntnisse darüber erlangen, lernen, mit Konflikten und Gewalt konstruktiv umzugehen, und Angebote erhalten, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen.“
Dafür möchte ich spenden!
Ich möchte mithelfen!

Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V.
Selbstbeschreibung: „Als ADB Sachsen arbeiten wir auf der Grundlage des AGG [Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes] und wirken an seiner Weiterentwicklung mit. Wir benennen jedoch Diskriminierung auch dort, wo sie nicht vom AGG abgedeckt wird. Doch Rechte – wie das AGG – müssen bekannt sein, um sie nutzen zu können. Unser Anliegen ist daher: potentiell oder konkret von Diskriminierung Betroffene über ihre Rechte aufzuklären, Multiplikator_innen und Fachkräfte über die bestehenden Möglichkeiten zu informieren, gegen Diskriminierung vorzugehen, sowie langfristig das Bewusstsein für (Anti-)Diskriminierung in der Alltagskultur zu etablieren.“
Dafür möchte ich spenden!

arabischer Verein für Integration und Kultur in Chemnitz e.V.
Selbstbeschreibung: „Der Hauptzweck des Vereines ist die Förderung die Integration der arabischen Gemeinde in Chemnitz in die deutsche Gesellschaft, insbesondere durch Zusammenarbeit in Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur. Außerdem fördert der Verein die Unterstützung der positiven Integration der arabischen Kinder in die deutsche Gesellschaft, insbesondere im Bildungsbereich. Weiterhin fördert der Verein die Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens auf freundlicher Basis zwischen den Deutschen und Arabern in Chemnitz.“
Der Verein hat sich u.a. beim „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ mit engagiert.
Dafür möchte ich spenden!

Courage – Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit e.V.
Selbstbeschreibung: „Das NDC [Netzwerk für Demokratie und Courage] steht für die Ächtung von Rassismus. Wir bestärken den Mut zum Antirassismus in einer von rechten Gedanken beeinflussten Alltagskultur. Es geht uns nicht darum, handfeste Nazis zu bekehren. Wir fordern Zivilcourage jedes_r Einzelnen heraus – nur wer selbst aktiv wird, kann etwas verändern. Wir stärken soziale Kompetenzen wie Empathiefähigkeit, gerade mit Opfern rechter Gewalt und bei Diskriminierung. […] Wir kommen mit Jugendlichen ins Gespräch. Dafür gehen wir an die Schulen, und das ehrenamtlich. Unsere Methoden dafür sind die Projekttage „Für Demokratie Courage zeigen“. In zwölf Bundesländern und in Frankreich werden die Projekttagskonzepte nach einheitlichen und auswertbaren Qualitätsstandards durchgeführt.“
Dafür möchte ich spenden!

Netzwerk für Integration und Zukunft e.V.
Selbstbeschreibung: „Das Netzwerk für Integration und Zukunft e.V. wurde von engagierten Chemnitzern gegründet, die es sich zur Aufgaben gemacht haben, eine positive Willkommenskultur für und mit Flüchtlingen hier in unserer schönen Stadt Chemnitz zu entwickeln.
In unserem Netzwerk arbeiten Unternehmer, Vertreter von Hilfsorganisationen in enger Kooperation mit weiteren Vereinen, Seite an Seite mit ehrenamtlichen und freiwilligen Helfern.
Wir bündeln die jeweiligen Kompetenzen um punktgenaue Hilfe für Flüchtlinge zu leisten.
Langfristig ist unser Ziel, der demografischen Entwicklung in Chemnitz entgegenzuwirken, Flüchtlinge bei ihrem Neuanfang in Chemnitz zu unterstützen, sie gemeinsam mit den Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger ins öffentliche Leben, in Vereine und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Jeder, der uns in diesem Sinne unterstützen möchte, ist herzlich willkommen.“
Dafür möchte ich spenden!

RAA Sachsen e.V. – Support für Opfer rechter Gewalt
Selbstbeschreibung: „Das Projekt „Support“ des RAA Sachsen e.V. unterstützt Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt, deren Angehörige und Zeug*innen. Wir unterstützen dabei Angriffsfolgen zu bewältigen und die eigenen Rechte wahrzunehmen. Wir geben Orientierungshilfen und entwickeln gemeinsam individuelle Lösungen. Unsere Arbeit hilft Betroffenen, das eigene Sicherheitsgefühl zu erhöhen, Selbstwirksamkeit zu erleben, die Kontrolle über das eigene Leben zurück zu erlangen und Solidarisierungsprozesse zu fördern. Wir informieren über die Situation Betroffener, machen auf deren Perspektive in Gesellschaft und Politik aufmerksam und berichten über Ausmaß, Folgen und Wirkungsweisen rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt. „Support“ arbeitet parteilich, aufsuchend, kostenlos und vertraulich. Wir betreiben Beratungsstellen in Dresden, Chemnitz und Leipzig sowie eine Onlineberatung.“
Dafür möchte ich spenden!

Antirassistische Initiativen in Chemnitz/Sachsen
Chemnitz Nazifrei
Aufstehen gegen Rassismus Chemnitz
Bündnis gegen Rassismus

BIPoC Organisationen in Deutschland
Women in Exile
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.
Each one teache one
Amadeu-Antonio-Stiftung

Antirassistische Bildungsarbeit in Deutschland
Phoenix e.V.
Exit Deutschland – Aussteigerprogramm gegen Rechtsextremismus
Antirassistisch Interkulturelles Informationszentrum Berlin e.V.

Die vorgestellten Organisationen sind natürlich nur eine handvoll der vielen Initiativen, Projekte und Vereine die wichtige Arbeit tun – es gibt viele mehr, die wir nicht nennen konnten, weil diese Aufzählung sonst zu lang und unübersichtlich geworden wäre. Falls Deine Organisation nicht auf dieser Liste aufgetaucht ist oder Du noch weitere kennst, die sich für BIPoC in Chemnitz oder Sachsen einsetzen: schreib uns!

Besser als eine einmalige Spende ist selbstverständlich ein Dauerauftrag. Vielleicht hast du die Möglichkeit, wenigstens 3-5€ im Monat für einen Dauerauftrag an deine Lieblingsorganisation locker zu machen? Und stattdessen das unbenutzte Abo fürs Fitnessstudio zu kündigen? Ich selbst habe meiner Masterarbeit zuliebe meinen Netflix-Account gekündigt. Das gesparte Geld geht an women in exile e.V.

Leider ist die RABBAZ Redaktion selbst sehr homogen und weiß. Wir wünschen uns sehr, diverser zu werden und vielfältigere Perspektiven einzubringen. Du glaubst, du kannst deinen Teil dazu beitragen? Super, schick uns einfach eine Mail an rabbaz.mag@gmail.com, oder schreib uns auf Facebook oder Instagram. Wir freuen uns auf dich 🖤

Verwendete Quellen und/oder Inspiration:
@aaron___philip
@aminatabelli
@gahpextwin
@hoe__mies
@nowhitesaviors
@tupoka.o
@wirmuesstenmalreden
empfehlenswert: how to be an ally guide „BIPOC-White Allies“ von Wir muessten mal reden

Text: Julia Jesser
Foto: Chris Fitch @iamchrisfitch auf einer Black Lives Matter Demo in Zwickau organsiert von @roterbaumzwickau und @aktivisti.zwickau

Corona-Krisenfonds für Studierende: Gut oder bloß gut gemeint?

500 € – einfach so vom Staat geschenkt: dieser Utopie kommen Einige seit dem 16. Juni ein Stückchen näher. Seit diesem Tag ist es möglich, online einen Antrag auf eine „Überbrückungshilfe“ zu stellen. Addressiert werden Studierende, die durch die Corona-Pandemie beispielsweise ihren Job verloren und sich deshalb finanziell „in akuter Notlage“ befinden. Klingt erstmal super – unumstritten ist die ganze Sache jedoch nicht.

Seit heute Mittag, 12 Uhr ist die langersehnte, staatliche Finanzierungshilfe für das Studium endlich da. Und zwar unabhängig vom elterlichen Einkommen und ohne Rückzahlung – zumindest für die Monate Juni, Juli und August. Auf überbrückungshilfe-studierende.de kann der Antrag online eingereicht werden. 100 Millionen Euro stehen hierfür insgesamt zur Verfügung. Die tatsächliche Auszahlung wird „innerhalb der verfügbaren Mittel“ entschieden, was bedeutet: ob die Antragsteller*in das Geld ausbezahlt bekommt, ist nicht gewährleistet.

Alle Studierenden, die zum Zeitpunkt der Antragstellung an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule in Deutschland immatrikuliert und nicht beurlaubt sind, können von diesem Angebot Gebrauch machen. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Jetzt kommt das große ABER: es muss eine Notlage nachgewiesen werden. Das bedeutet: ab mehr als 500 € auf dem Konto gibt es nichts mehr und von einem Antrag sollte dann auch abgesehen werden. Als Nachweis müssen Kontoauszüge bis zum Zeitpunkt der letzten normalen Einnahme (also bis Februar/März) eingereicht werden, dazu u.a. eine Erklärung für das Ausbleiben von Einnahmen.

Die Überbrückungshilfe wird dann laut dem Deutschen Studentenwerk (DSW) folgendermaßen berechnet:

Kontostand Überbrückungshilfe
weniger als 100,00 € 500,00 €
zwischen 100,00 € und 199,99 €* 400,00 €
zwischen 200,00 € und 299,99 € 300,00 €
zwischen 300,00 € und 399,99 € 200,00 €
zwischen 400,00 € und 499,99 € 100,00 €

*die Nachkommastellen wurden nachträglich eingefügt, beim DSW steht noch 199,00; 299,00 usw.

Die Anträge können erst ab dem 25. Juni bearbeitet werden, mit der ersten Auszahlung ist demnach frühestens Anfang Juli zu rechnen. Die Bewilligung gilt einmalig; jeden Monat muss bis zum letzten Tag des jeweiligen Monats erneut eine Förderung beantragt werden. Die Zuschüsse sollen, wie ihr Name schon sagt, die Zeit überbrücken, bis die Studierenden wieder Zugriff auf ihre regulär gewohnte Einkommensquelle haben.

Finanzielle Not wegen Corona

Diese Maßnahme ist eine Reaktion der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) auf die scharfe Kritik seitens Studierendenverbänden und Politiker*innen. Ihr wird vorgeworfen, viel zu langsam und nicht hinreichend auf die Geldsorgen von Studierenden zu reagieren.

Wegen des Lockdowns fielen viele Nebenjobs, u.a. in der Gastronomie, weg, die für Studierende eine Existenzgrundlage darstellten; betroffene Eltern können wegen Kurzarbeit oder gar Kündigung ihre studierenden Kinder nicht mehr ausreichend finanziell unterstützen.

scharfe Kritik am KfW-Kredit

Seit Mai 2020 wird, nach einem Vorschlag Karliczeks, der KfW-Studienkredit als Corona-Hilfe für Studierende vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Bis März 2021 ist der Kredit zinsfrei. Seit dem 01.06. dürfen auch internationale Studierende den KfW-Studienkredit beantragen. Vorschläge der SPD oder der Grünen, das BAföG für Studierende zu öffnen, die bislang keine Leistungen beziehen konnten, wurden nicht gehört. Der Gewerkschafter Andreas Keller bezeichnete den KfW-Kredit gegenüber dem Spiegel als „im Ansatz völlig verfehlt“, der freie zusammenschluss von student*innenschaften (fzs) hält den Kredit für „zu wenig, zu engeschränkt, zu starr und ungerecht“. Nach dem zinsfreien Jahr winken nämlich hohe Zinsen im Wert von bis zu 3.500 €, die besonders für Studierende aus einkommensschwachen Familien auch nach dem Studium kaum zu stemmen sind. Der DSW-Generalsekretär meint, Studierende, die ihren Job verloren haben, wären mit dem Kredit doppelt bestraft, da diese hinterher noch mehr arbeiten müssten, um den Kredit abzubezahlen.

„an Dreistigkeit nicht zu überbieten“

Kein Wunder also, dass laut Amanda Steinmaus, Vorstand des fzs, die Überbrückungshilfe „an Dreistigkeit nicht zu überbieten“ wäre. Sie würde den Studierenden in finanziellen Notsituationen nicht wirklich helfen – dafür sei der Topf zu klein, die Auszahlungen zu gering und die Anforderungen sowie der bürokratische Aufwand zu hoch. Die veranschlagten 100 Millionen Euro reichen hinten und vorne nicht, um finanzielle Engpässe bei geschätzt einer Million Studierenden auszugleichen. „Wenn 66.666 Studierende drei Monate lang 500 € erhalten, ist der Topf leer,“ gibt Jacob Bühler, ebenfalls Mitglied des fzs-Vorstands, in einer Pressemitteilung an.

Fraglich ist, wo die 900 Millionen Euro an Haushaltsmitteln hin sind, die letztes Jahr für BAföG zur Verfügung gestellt und nicht ausgegeben wurden. Eine Öffnung des BAföG mit diesen Mitteln wäre ein gerechterer und nachhaltigerer Ansatz gewesen, um krisengeschuldete Studienabbrüche zu vermeiden und Bildungsgerechtigkeit zu fördern.

Übrigens: für Studierende der TU Chemnitz gilt, dass die Förderhöchstdauer von BAföG trotz Nicht-Anrechnung des Sommersemesters 2020 gleich bleibt. Das bedeutet: dieses Semester zählt für das Studentenwerk Chemnitz-Zwickau als „normales“ Semester; die Förderhöchstdauer verschiebt sich durch die Rückstufung nicht. Nur bei „unvermeidbare[n] pandemiebedingte[n] Ausbildungsunterbrechungen“ mit „schwerwiegende[m] Grund im Sinne des § 15 Abs. 3 Nr. 1 BAföG“ kann eine Weiterförderung beantragt werden.

bei der Bildung wurde wieder einmal gespart

Diese Bilanz ist, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass anscheinend Mittel zur Verfügung stehen, schade. Deutschland hinkt beim Thema Bildungsgerechtigkeit ohnehin stark hinterher; die besagten staatlichen Maßnahmen, die während der Corona-Pandemie als Überbrückungshilfen angeboten werden, zeigen, wie sehr gerade bei der Bildung gespart und eher symbolisch gehandelt wird. Im Ernstfall sind die Krisenfonds leider wenig hilfreich und können bestehende Ungleichheiten sogar vertiefen. Die Überbrückungshilfe ist klar besser als nichts und kann im Zweifelsfall eine kleine Abhilfe schaffen. Jedoch sollte sich die Bildungspolitik nicht auf ihren kleinen Geldtöpfen ausruhen und auf Kredite verweisen, die in keinem Fall eine echte und gerechte Studienförderung ersetzen können.

Am 20.06. ruft die fzs übrigens gemeinsam mit Studierendenvertretungen aus ganz Deutschland zu einer Demonstration für eine Milliarde Studi-Hilfe auf.

Text und Bild: Julia Jesser

Mit „Superbusen“ durch den Bazillentunnel und über Chemnitz hinaus

Paula Imschler beschreibt Emotionen, die alle Chemnitzer*innen ob Student*innen oder nicht nur allzu gut nachempfinden können. So wie die Geschichte vieler Studierenden, beginnt auch die von Gisela. Sie zieht wegen zu schlechter Abinoten und den billigen Mieten hier her. Chemnitz und der Studienanfang bedeuten für sie Neuanfang, alles auf null. Mit der Zeit entdeckt Gisela die schönen Ecken der Stadt und findet Freundinnen mit denen sie alles gemeinsam durchsteht. Von wilden Partynächten, ja auch die gibt es hier, über Demonstrationen gegen rechts oder auch die erste Abtreibung. An vielen Passagen des Buches fühlt man sich abgeholt. Egal ob es der Bazillentunnel ist, durch den man vor allem nachts lieber rennt als schlendert oder tröstliche Kuchengespräche bei Emmas Onkel. Irgendwann hat sich Gisela so richtig eingelebt und eines morgens beim Katerfrühstück kommt ihr die Blitzidee mit ihren Freundinnen eine Frauenband zu gründen. Als „Superbusen“ touren sie gemeinsam durch ein paar Städte, versuchen mit dem was sie machen etwas zu bezwecken, sich auszuleben und glücklich zu werden. Daran hat die Musik ihren Anteil, aber auch die Rebellion gegen die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. Wenn Paula Irmschler eins schafft, dann ist es in nur einer Geschichte Popmusik, Feminismus und Politik so zu vereinen, als würde man gerade gemeinsam in der WG-Küche nach einer durchzechten Partynacht Gespräche führen, die ehrlicher nicht sein könnten. Gespickt wird die Geschichte mit der ein oder anderen Songzeile von stadtbekannten Musikern und Bands. Doch wo bleiben dabei die Frauen? Warum kommen diese in einem feministischen Buch nicht vor, wenn doch das zum Problem der Unterrepräsentiertheit beiträgt. Auch die Chemnitzer linke Szene, die verschiedene Ecken der Stadt bunter strahlen lässt mit Küfa über politische Vorträge und Aktionen bleibt in der Geschichte außen vor. Dennoch ist es ein reales Bild, welches die Autorin zur Stadt zeichnet. Es zeigt die Chemnitzer Hassliebe in all seinen Facetten. Alle Weggezogenen werden mit dieser Geschichte in Melancholie schwelgen. Alle Hiergebliebenen werden sich fühlen, als könne Paula zum Teil Gedanken lesen, zumindest wenn sie keine Insider*innen sind. Superbusen ist eine Liebeserklärung an Chemnitz, die abgefuckter und wahrer nicht sein könnte. Denn das was hier passiert ist oft scheiße, teilweise gut und die Mischung ist eine, die man anderswo vermissen wird. Zumindest für eine Weile.

Text: Svenja Jäger
Bild: Julia Küttner

Die Party ist vorbei und das ist okay

Als ich Anfang Februar ziemlich nebenbei zum ersten Mal vom Coronavirus gehört habe, hätte ich – wie höchstwahrscheinlich niemand von uns – auch nur ansatzweise ahnen können, dass diese Epidemie, die “so weit weg” stattfindet, dermaßen Einfluss auf unser Leben nehmen wird. Bei all den Neuigkeiten zu der Krise, die uns täglich erreichen, bin ich bin ernsthaft schockiert darüber, wie in Deutschland damit umgegangen wird.

Hier auf Zypern, wo ich mich momentan im Auslandssemester befinde, ging alles sehr schnell: am 9. März wurden die ersten beiden Fälle bestätigt. Einer davon in Limassol, der Stadt, in der ich studiere, der andere ein behandelnder Arzt aus Nikosia. Am 10. März hat gleich das uniinterne Fitnessstudio dicht gemacht, ab dem 12. März die ganze Uni (hier läuft das Sommersemester von Januar bis Mai). Gefühlt gestern war ich noch in der Uni, heute finden die Seminare in Videokonferenzen daheim statt, Prüfungen und Projekte wurden umstrukturiert. Bis zum Ende des Semesters werde ich die Cyprus University of Technology nicht mehr betreten. Die Folgen der Corona-Epidemie haben schneller in unseren Alltag eingegriffen, als wir uns umsehen konnten. In der gleichen Woche am Samstag wollte eine Freundin ihren Geburtstag in ihrer Wohnung feiern. Am Dienstag saßen wir noch zusammen in einem Restaurant. Sie hat Coronabedingt für Samstag nur sehr wenige Leute eingeladen, und selbst diese wenigen Leute haben alle abgesagt, weil sie die öffentlichen Verkehrsmittel meiden wollten, inklusive mir. Eine Spanierin, die eingeladen war, schrieb im Facebook-Gruppenchat, dass ein Bekannter von ihr mit hohem Fieber aus Abu Dhabi nach Limassol zurückgekehrt ist, ob er Corona hat, war nicht klar, weil es im Krankenhaus in Limassol keinen Corona-Test gibt, dafür müsste er nach Nicosia fahren.

Jeder von uns könnte das Virus unbemerkt in sich tragen

Da wurde mir bewusst: es könnten hier bereits unzählige Leute herumlaufen, mit ihren Händen die Haltestangen in den Bussen umgreifen, mit ihren Fingern ihren Pin in Bankautomaten tippen, die Tomaten am Gemüsetand abtasten, die mit Corona infiziert sind, und es noch nicht wissen. Oder Kontaktpersonen von Leuten, die nicht getestet wurden, weil die Ausstattung der Arztpraxen selbst in einer für zypriotische Verhältnisse größeren Stadt wie Limassol einfach nicht ausreicht. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts hält für wahrscheinlich, dass ungefähr die Hälfte der Infektionen in Deutschland aufgedeckt werden können – was bedeutet, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten doppelt so hoch sein müsste wie die offizielle “Fallzahl”. Auf Zypern ist die Dunkelziffer wahrscheinlich noch um ein vielfaches höher.

Aber was mich wirklich geschockt hat, ist der deutsche Umgang mit der Epidemie. Am gleichen Tag, als ich eigentlich auf dem Geburtstag einer Freundin hätte sein sollen, schickten meine Eltern mir Bilder davon, wie sie in einem großen (leeren) Kaufhaus shoppen waren. Ich sah Stories mit “Coronapartys”, Menschen in Cafés und Menschen die durch Deutschland reisen und sich tätowieren lassen oder Freundinnen besuchen, als wäre nichts gewesen. Und zu diesem Zeitpunkt gab es bereits über 2000 Fälle in Deutschland und circa 20 auf Zypern. Am Montag wurde Zypern quasi lahmgelegt, alle öffentlichen Freizeiteinrichtungen, touristischen Sehenswürdigkeiten, Hotels, Cafés und Restaurants geschlossen. Seit Sonntag dürfen keine Leute mehr ohne triftigen Grund einreisen. Wir gehen seit letzten Donnerstag noch zum einkaufen raus, oder zum frische Luft schnappen. Mein Instagram ist geflutet mit #stayhome und #selfisolation-Posts. Ich habe meine Freunde, die teilweise bereits abgreist sind, seit einer Woche nicht mehr gesehen.

Deutschland und seine Einwohner*innen reagieren viel zu langsam

 Währenddessen vervielfachen sich die aufgedeckten Fälle in Deutschland täglich, doch erst seit wenigen Tagen fangen fangen die Cafés und Restaurants an, dichtzumachen. Die TU-Mensa hat erst am 18. März (!) ihren Betrieb eingestellt, als bereits 16 Fälle allein in Chemnitz offiziell bekannt waren. In meiner Zeit in der Wohnung in Limassol wird mir im Kontakt mit Leuten in Deutschland zunehmend klar, dass dort eine andere Perspektive auf die Epidemie vorherrscht, vielleicht geschuldet durch die unterschiedlichen Filterblasen in denen wir leben. Weil sich hier der Alltag so schlagartig verändert hat, nehmen hier die Leute die Krankheit auch etwas ernster, so lautet meine Theorie. Weil hier das öffentliche Leben so abrupt lahmgelegt wurde und unsere Freund*innen, Besucher*innen und Tourist*innen plötzlich Probleme haben, heim zu fliegen oder überhaupt vom Fleck zu kommen, gehen uns die Ausmaße der Epidemie etwas mehr zuleibe. Da in Deutschland ja sowieso Semesterferien sind, und manche Cafés und Restaurants noch offen haben, geht da der Alltag ein bisschen lockerer voran. Außer dass ein paar Clubs zu gemacht und Konzerte abgesagt wurden und man seine Hausarbeit nicht mehr in der Bib schreiben kann, hat sich allen Anschein nach kaum was geändert. Vor allem bei den jüngeren Leuten, die nachweislich die Hauptträger des Viruses sind. Dabei bedeutet genau deswegen für uns Unifrei nicht gleich mehr Zeit zum shoppen gehen oder Freunde treffen, sondern schlicht und einfach: zuhause bleiben.

Leute, die noch unnötig rausgehen, verleugnen Fakten

Fast im Stundentakt checke ich die Entwicklung der Fälle in Deutschland und überlege ernsthaft, ob ich noch nach Hause kommen möchte. Wieso hat Deutschland, das so stark vom Virus betroffen ist, so verdammt langsam reagiert? Könnte es eventuell etwas damit zutun haben, dass hierzulande wirtschaftliches Wachstum allem Anschein nach wichtiger ist als das wohl der einzelnen Bürger? Fast stündlich ploppen Eilmeldungen auf meinem Handy auf. Man braucht nicht lange in den einschlägigen Nachrichtenportalen herumzubrowsen, es ist klar: alle müssen zusammenarbeiten, um die Ausbreitung des Virusses zu stoppen und tausende unnötige Tode zu vermeiden. Und jede*r einzelne kann sehr einfach dazu beitragen, in dem er/sie sich vom öffentlichen Leben und gesellschaftlichen Zusammenkünften fern hält.

Junge Menschen, die sich jetzt immernoch in Parks treffen und Hauspartys schmeißen, verleugnen wissenschaftliche Fakten genauso wie die von ihnen verpönten Klimawandelleugner und Flat-Earther. Sie sind kein Stück besser. Diese Menschen belasten für ihr eigenes, egoistisches Vergnügen das Gesundheitssystem und könnten im allerschlimmsten und nicht ganz unwahrscheinlichen Fall für den Tod einer geliebten Tante, Freund, Mutter oder Großvater mit verantwortlich sein.

Mein Erasmus-Semester ist vorzeitig vorbei, aber ich werde mich nicht beschweren. Es gibt so viele Menschen da draußen, denen es schlechter geht als mir, die ernsthaftes Leid von dieser Krise davontragen, die unter überlasteten Krankenhäusern leiden oder bei denen ein geliebtes Familienmitglied im Sterben liegt. Das mindeste, was da von der fitten und jungen Bevölkerung (aka. “iCh bIn KeInE rIsIkOgRuPpE” aka. “iSt DoCh NuR eInE eRkÄlTuNg”) zu erwarten ist, mal für ein paar Wochen alleine zuhause zu bleiben. Ist das echt zu viel verlangt?

Text: Julia Jesser

Illustration: Julia Küttner

Don’t be afraid to care! Wie du dich Rassismus entgegenstellen kannst.

Es gibt Rede- und Handlungsbedarf. Darüber, dass wir ein Rassismusproblem in unserer Gesellschaft haben. Darüber, dass jetzt jeder an der Reihe ist, seine eigenen Privilegien zu hinterfragen. Mit Hanau steht das ganze medial stark im Fokus, aber es muss mehr bleiben. Die Thematik ist klar, Diskriminierung jeder Art und Rassismus auf jeder Ebene bedeuten Opfer.

Wenn wir uns am Diskurs beteiligen wollen, müssen wir beginnen uns die simpelsten Fragen zu stellen und uns mit jeder einzeln auseinanderzusetzen. Apolitisch sein ist keine Option. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft und haben damit entsprechende Verpflichtungen nachzukommen. Jedes Schweigen ist ein Nein und das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen und für unsere Demokratie! Es bedeutet, dass es nicht so schlimm ist. Auch dagegen sein reicht nicht mehr, wir müssen das Problem strukturell angehen.

Wenn wir von einer weißen Mehrheitsgesellschaft sprechen, ist das kein Angriff! Es dürfen aber nicht die immer selben Menschen sein, die im Diskurs dazu laut werden. Keiner von ihnen steht in der Pflicht, auf Grund seiner Betroffenheit zu erklären. Schafft euch die Grundlagen zum zuhören und mitreden, verhandeln und diskutieren. Das bei einem so komplexen Thema der Einstieg schwerfallen kann, stellen wir nicht in Frage.

Rassismus ist nicht immer Vorsatz und nicht nur das grausame Verbrechen eines Individuums. Um Rassismus zu entlarven und aktiv eine Veränderung herbeizuführen, braucht es einem neuen Umgang mit der Thematik.

# Gesicht zeigen

In Situationen wie der in Hanau, ist zunächst nichts wichtiger als sich präsent zu zeigen und zu solidarisieren. Frag deine Mitmenschen wie es ihnen damit geht, ob sie etwas benötigen. Biete ihnen deine Hilfe an, zeige dich. Und wenn du glaubst das dir die richtigen Worte fehlen, reicht manchmal auch hinhören. Eva Schulz von Deutschland 3000 etwa, hat eine Karteikartenbox, in der sie Aussagen zu unterschiedlichen Themen sammelt. Auch das ist eine Möglichkeit an komplexere Themen heranzutreten.

# Bildet euch – eine Diskussionsgrundlage

Verbringt eure Zeit auf Social Media doch auch einmal auf anderen Accounts. Es gibt eine Vielzahl an Personen und Formaten, die privat und institutionell Aufklärungsarbeit gegen Rassismus leisten. Uns haben sie geholfen gewisse Themenpunkte besser zu verstehen oder auch mal die Perspektive zu wechseln. Beiträge liken ist toll, reicht aber nicht. Swiped auch mal nach oben und nehmt euch die Zeit für den ein oder anderen Beitrag der länger ist.

@a_aischa                                              @tupoka.o

@alice_haruko                                       @nowwhitesaviors

@wanalimar                                           @officialronny1

@helen_fares                                          @dariadaria

@duzentekkal                                         @aminatabelli

@amaniabuzahra                                   @salwa.benz

Für eine bessere Diskussionsgrundlage und mehr Hintergrundwissen empfehlen wir euch außerdem diese Bücher:

Hengameh Yaghoobifarah & Fatma Aydemir: Eure Heimat ist unserer Albtraum

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten

Theodor Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Tuboka Ogette: Exit racism

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss der alltägliche Rassismus

Und damit wirklich keiner eine Ausrede hat, weil er lieber reinhören möchte. Auf Spotify findet ihr:

Weißabgleich – taz Podcast von Poc

DiversityFM – Der Podcast

Tupodcast

Kanackische Welle

# Sprecht es aus

Oft gibt es die Möglichkeit bei Podiumsdiskussionen vorbei zu schauen oder mit Menschen, die sich in der Materie bewegen ins Gespräch zu kommen.  Eine Workshopreihe, die sich konkret mit Rassismus auseinandersetzt, ist „Become an Ally“. Dieser Workshop ist für alle die selbst von Diskriminierung nicht betroffen sind, sich aber aktiv dagegen einsetzen wollen und nach Handlungsstrategien suchen. Infos zu den nächsten Veranstaltungen findet ihr auf der Seite der Rosa Luxemburg Stiftung.

Orte in Chemnitz, an denen öfters Vorträge und Diskussionen stattfinden sind unter anderem:

Club der Kulturen

Das Odradeck

AJZ

Subbotnik

Arthur e.v

Außerdem:
Sprecht mit euren Familien, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen. Selbst wenn nicht alles immer unbedingt eurer Meinung entspricht, regt es dazu an, andere Perspektiven zuzulassen und vielleicht neue Grundlagen zu finden.  

#4 Verändert was

Wenn ihr nun an dem Punkt angelangt seid, etwas verändern zu wollen und euch einzubringen, könnt ihr das z.B. hier tun:

Buntmacher*innen

Chemnitz Nazifrei

Horizont Magazin

Chemnitzer Jugendforum

Aufstehen gegen Rassismus

Habt keine Angst etwas „falsch“ zu machen. Wir haben tausendfach wiederholt, wie wir denken und reagieren und uns Routinen geschaffen. Wir sind darauf konditioniert uns sicher fühlen zu wollen und darin liegt vielleicht ein wenig die Herausforderung. Hinterfragt euer Normal, eure Reaktionen, eure Routinen.

Zu keinem Zeitpunkt und keinem Weltgeschehen, sollten wir aufhören uns Gedanken zu machen, zu hinterfragen und füreinander Da zu sein. #Wirsindmehr, wenn wir aufeinander zugehen können, ohne Missionierungsauftrag, ohne die eine Wahrheit, aber mit Empathie für den Anderen.

Text: Sibel & Svenja

Illustration: Julia Kütter 

Hanau ist überall

Gedenkstätte Illustration

Paris, Notre Dame: stundenlang reden die Leute darüber, tagelang besteht mein Feed in den Sozialen Netzwerken aus Spendenaufrufen, Beileidsbekundungen und traurigen Emoticons. Bei Hanau, dem bereits dritten rechtsradikalen Anschlag innerhalb weniger Monate, verstummen die meisten. Ich jedenfalls sehe niemanden. Sind es die Shisha-Bars? Sind es die Fremden, die ihr erkennt? Oder glaubt ihr an das Privileg des unpolitischen Schweigens? Hanau sind wir alle!

Die Geschehnisse in Hanau erschüttern die Republik und erreichen trotz allem wenige. Hanau ist überall. Rechtsradikale Gewalt ist tagtäglich und in unserer demokratischen Gesellschaft allgegenwärtig – leider nicht erst seit den vergangenen Tagen. Wir sind es den Opfern des Anschlags schuldig, die Grundstrukturen in Politik, Medienlandschaft und in unseren Köpfen aufzubrechen. 

Es ist beleidigend und beinahe ironisch, wenn dem türkischen Präsidenten Erdogan Mitleid bekundet wird, wenn man bedenkt, und das sollten wir, das die Menschen, die bei diesem Anschlag ums Leben gekommen sind, unteranderem Minderheiten sind, die auch vor Erdogans Terror fl􏰀üchten. Kurden sind in der Tü􏰀rkei 􏰁“Berg-Tü􏰀rken“􏰂, in Deutschland 􏰁“Ausl􏰃ändische Tü􏰀rken“􏰂, wenn also Nationalität􏰃t in den Kontext eingeführt wird, wieso dann nicht mit entsprechendem Respekt. Auch die Gäste des Maybrit Illner Spezials zu Hanau schockieren 􏰄- Kübra Gümüsay die zu antikurdischem, antialevitischem und antiezidischem Terror schweigt, kann nicht das Gesicht der Minderheit sein!

Die Liste ist lang...

Wenn sie von Fremdenfeindlichkeit reden und nicht rassistisch sagen, übernehmen sie das Narrativ der Rechtsextremen, wo Menschen phänotypisch nicht zu Deutschland gehören, wonach Menschen als Fremde gelabelt werden. Fremde gibt es nicht, wir machen sie zu Fremden! Es muss nachdenklich und wütend machen, dass die Betroffenen immer wieder warnen müssen! Solange wir schweigen, umformulieren, besä􏰃nftigen, um 􏰁“kein Chaos“􏰂 z􏰅u stiften, solange sind wir verantwortlich für jedes weitere Opfer, schreiben weiter die viel zu lange Liste von Mitschuld, sehen Motiv und Problem nicht: Rassismus.

Rassismus ist nicht mit Lippenbekenntnissen abzuhaken, auch wenn Solidarität für die Opfer unabdingbar ist: Sie müssen wissen, dass sie nicht allein sind. Aber noch wichtiger ist es, die dahinterstehenden Grundstrukturen aufzudecken 􏰄- jetzt! Jeder und jede Einzelne steht in Verantwortung solidarisch zu sein, was damit beginnt, sich mit den Menschen, mit ihren Fragen, ihren Sorgen und Meinungen auseinanderzusetzen. Wir müssen an allen Ecken der Gesellschaft mit Nachdruck daran arbeiten, im Namen aller Opfer, aller Hinterbliebenen und aller Betroffenen.

Und Chemnitz, wo bist du? Vor allem dir steht Schweigen und Wegschauen nicht zu. Hanau ist keine Randnotiz, seine Shisha-Bars und Imbisse existieren mitten unter uns. Wenn es uns schwerfällt zu verstehen, dass die Angst unserer Mitmenschen real ist, wenn es schwerfällt, zu verstehen und nicht weniger betroffen zu sein, dann lasst uns nicht vergessen, dass uns kein Terrorist nach dem Pass fragt.

Text: Sibel

Illustration: Julia Kütter 

Braune Flecken auf der Uniform

Von Jan H. 

Foto: Farahim Gasimov (Pixabay)

Am neunten Oktober 2019 tötet ein rechtsextremer Terrorist in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur kaltblütig zwei Menschen mit einer teils am 3D-Drucker selbstgebauten Waffe. Sein eigentliches Ziel, der Sturm einer voll besetzten Synagoge, scheiterte nur an einer Sicherheitstür. Einen derartig harten Schlag hatte man von rechter Seite nicht erwartet. Der Aufschrei ist groß. Jetzt wird man wohl aufwachen. Seehofer reist an. „Bei unserer Geschichte darf so etwas in unserem Land nicht passieren“, heißt es vom Innenminister. Bedauern und Mitleid wird bekundet. Maßnahmen werden angekündigt. Jetzt ist die Gefahr jedem bewusst. Könnte man meinen.

Ein kurzer Blick auf die Aufarbeitung der warnenden Angriffe von rechts in der Vergangenheit lässt durchaus Zweifel hegen. Nicht nur wurde beim Thema Terrorismusbekämpfung die rechte Gewalt offensichtlich deutlich unterschätzt, auch der Umgang mit Rechtsextremismus innerhalb deutscher Behörden zeigt deutlichen Verbesserungsbedarf.

Beispielhaft hierfür ist die Chronologie der medialen Aufschreie um die sächsische Polizei. Bereits 2015 wurde bekannt, dass BeamtInnen die rechtsextremistische Terrorgruppe Freital vor Razzien gewarnt haben sollen. Zu einer Aufklärung kommt es nie, denn die Handys, mit denen die beschuldigten PolizistInnen Informationen über WhatsApp ausgetauscht haben sollen, sind verschwunden. Vor Gericht wird geschwiegen. Die Staatsanwaltschaft versäumt frühzeitig ein Verfahren einzuleiten, obwohl sie beim Verhör anwesend war, in dem der Neonazi Hilfe durch staatliche Mitarbeiter zugibt.

 Im Jahr 2017 wird der neue Polizeipanzerwagen „Suvivor R“ in Leipzig vorgestellt. Auf den Sitzen finden sich gestickte Wappen mit altdeutscher Schrift, die stark an die NS-Symbolik erinnern. Sie sind wohl ein altes internes Zeichen des Spezialeinsatzkommandos, welches sonst in keinem Markenhandbuch der Polizei zu finden ist, so ein Sprecher der Polizei. Nachdem der öffentliche Druck größer wird, weist man rechte Gesinnungen zurück und überdenkt die Symbolik. Eine gründliche Aufklärung bleibt auch hier aus.

Letztes Jahr trägt ein Polizist des SEK bei einer Demonstration gegen Rassismus in Wurzen einen Aufnäher an der Polizeiuniform, der den Raben Odins zeigt, ein Symbol der nordischen Mythologie welches auch im rechten Spektrum Bedeutung hat. Der Polizist wird bestraft, allerdings nur wegen des Verstoßes gegen die Polizeidienstkleidungsordnung. Im Statement heißt es, es gäbe bei dieser Person keinen Anlass über eine rechte Gesinnung nachzudenken. Auch die Art der Strafe wird nicht bekanntgegeben. Die Liste der bedenkenswerten Hinweise ist noch lang und dennoch bleibt der Wunsch nach gründlicher Aufarbeitung meist unerfüllt.

Auch die Bundeswehr schreibt negative Schlagzeilen. Schon 2017 gesteht die ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein „Haltungsproblem“ in den eigenen Reihen ein, nachdem der Vorwurf laut wird, es gäbe mehrere Fälle von rechtsextremen Schikanen und einem bekennenden Reichsbürger unter den SoldatInnen. Auf Nachfrage der Linksfraktion bestätigt die Bundeswehr aber im Jahr 2018, dass unter 270 gemeldeten Verdachtsfällen lediglich vier als extremistisch eingestuft worden seien. Auch gab es laut den Regierungsangaben Vorfälle mit Hitlergrüßen und „Sieg Heil“-Rufen, wobei einige der Beschuldigten ausschließlich mit Geldbußen belangt wurden. Das inkonsequente Vorgehen setzt sich auch hier trotz Besserungsversuchen fort.

Es gibt ja noch den Verfassungsschutz, mag man berechtigt einwerfen. Doch dass dieser der rechtsextremistischen Szene weit hinterher hinkt, zeigt der Fall Walter Lübke. Der mutmaßliche Mörder war den Behörden bereits bekannt, verhielt sich allerdings in fünf Jahren nicht weiter auffällig und konnte sich so 2015 vor Gericht das Recht auf einen Waffenschein erstreiten.

Trotz des Einsatzes von verdeckten Ermittlern tappt bei der Frage nach Netzwerken und Untergrundstrukturen, die Einzelpersonen solche Taten ermöglichen, hier sowie auch in Halle meist im Dunkeln. Es scheint so, als hätte man wenig aus den verhängnisvollen Fehlern bei der Aufklärung der NSU-Morde gelernt.

 

Medienwirksam werden Probleme in den eigenen Reihen kleingeredet und relativiert, und häufig ist die Rede von bedauerlichen Einzelfällen. Vielleicht ist der ein oder andere Regierungspolitiker auch mit klaren und konsequenten Statements gegen rechts vorsichtig geworden. Man möchte ja schließlich nicht noch mehr Stimmen an die AfD verlieren. Die Antworten auf die Frage nach Terrorismusbekämpfung klingen somit meist nach erweiterten Rechten für Polizei und sowieso mehr Überwachung. Sachsens Ministerpräsident fordert auf den Wahlplakaten eintausend neue PolizistInnen, an öffentlichen Plätzen in Chemnitz werden Kameras angebracht, ein umstrittenes Polizeigesetz wird beschlossen und Seehofer bringt sogar die eingestaubte Killerspieldebatte erneut ins Gespräch. Für die vielen Initiativen die sich in Chemnitz, Sachsen und ganz Deutschland gegen rechts engagieren wäre eine erweiterte staatliche Unterstützung ihrer Vereine wohl die sinnvollere Investition. Dass ein Konzert gegen rechts, wie „Wir sind mehr“ im Verfassungsschutzbericht landet zeigt aber, dass linken Bewegungen diese Unterstützung oft nicht zugesprochen werden. Denn das Problem der wachsenden rechten Radikalisierung lässt sich wohl kaum allein durch erhöhte Polizeipräsenz lösen. Vor allem an den Brennpunkten, an denen sich junge Menschen radikalisieren, ist Aufklärungs- und Präventionsarbeit von enormer Bedeutung, um dem erneut aufkommenden Faschismus Paroli zu bieten. Das umschließt aber auch die eigenen Strukturen offenzulegen und in Justiz, Militär, Verfassungsschutz und Polizei an den eigenen Schwächen zu arbeiten, anstatt rechtes Gedankengut in Staatsorganen als seltene Ausrutscher darzustellen. Denn das sind sie in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr. Auch wenn das der ein oder andere Politiker gerade in Bezug auf die Vergangenheit möglicherweise nicht sehen möchte.

Ein Lied von Eis und Feuer. Droht uns eine lange Nacht?

Warum schauen wir Game of Thrones, wenn wir in der Realität als Helden gebraucht werden? Dabei ist die Fantasiewelt um Westeros eine ziemlich treffende Metapher für das Dilemma der Menschheit in der Klimakrise. Dieser Artikel erklärt, warum. (Gastartikel von Lilian. Bild: Desktop Nexus)

— Achtung: dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie Game of Thrones —

Das Jahr 2019 war bisher ein turbulentes Jahr, das dürften wir so ziemlich alle bemerkt haben. Die politischen Präferenzen vieler Menschen haben sich komplett gedreht. Die Ergebnisse der Europawahlen fallen von jeglichen Erwartungen ab. Innerhalb weniger Monate gehen in Deutschland immer größere Teile der von älteren Generationen häufig als äußerst ,,unpolitisch‘‘ bezeichneten jungen Menschen auf die Straße. Sie sind wütend. Sie sehen nicht ein, warum sie in die Schule gehen sollten, wenn so ziemlich jeden Tag neue Hiobsbotschaften bezüglich der Klimakrise in den Nachrichten auftauchen. Sie sind wütend angesichts eines Haufens von immer weiter in leeren Versprechungen redenden Politikern. Es scheint ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit zu geschehen. Es ist nicht mehr an der Zeit, eine sich seit langem anbahnende Katastrophe weiter zu ignorieren. Das Prinzip ,,macht euch die Erde untertan‘‘ funktioniert nicht mehr. Es wird immer schwieriger, die Situation schönzureden. So zu tun, als sei das alles nicht so dramatisch. Angesichts Millionen junger Menschen, die, inspiriert von einem sechzehnjährigen Mädchen aus Schweden, nicht aufgeben möchten um ihre Zukunft zu kämpfen. Es ist keine dieser politischen Debatten, die eben mal ein paar Monate überall in den Medien auftaucht und dann wieder abflaut. Es ist etwas Neues, womit unsere Gesellschaft noch keinen angemessenen Umgang gefunden hat. Denn wir alle müssten, wie es aussieht, ein mächtiges Stück unserer Freiheit aufgeben, um die größte Herausforderung, die der Menschheit je gegenüberstand, gemeinsam zu bekämpfen. Wir kämpfen damit nicht unbedingt für uns selbst, sondern vor allem für die kommenden Generationen. Es wird unbequem. Deswegen scheint sich die Gesellschaft langsam, aber bestimmt aufzuteilen in die, die ,,for future‘‘ auf die Straße gehen – und die, die eine kommende Katastrophe so gut es geht ignorieren.

Die Flucht vor der Realität ist ein Grundbedürfnis von Menschen und ging selten so einfach wie heute. Mit Serien, zum Beispiel. Es scheint paradox, wie ein ganz anderes Thema so viele Menschen dieses Jahr schwerst beschäftigt hat: die achte Staffel von Game of Thrones. Ab dem 15. April diesen Jahres in Deutschland ausgestrahlt. Ungefähr 90 Millionen US Dollar teuer. In den Monaten davor kursierten etliche Fantheorien über den Fortgang der Serie im Internet, und auch als nicht-Fan kam man bald nicht mehr daran vorbei, alles über die aktuelle Handlung zu wissen. Denn egal ob in der Mensa, beim Kaffeetrinken, beim Supermarkt an der Kasse oder in der Bahn, ständig bekam man Diskussionsfetzen um die Ohren gehauen. Die finale Staffel war für viele Game of Thrones Anhänger von so hoher Wichtigkeit, dass eine Petition für ein Remake von hunderttausenden Fans unterzeichnet wurde. Da fragt man sich doch schon manchmal, ob dieses Engagement so vieler Menschen nicht irgendwie an anderer Stelle eher gebraucht würde. Immerhin handelt es sich um eine komplett fiktive Welt, über deren Wendungen sich die Leute da so extrem aufregen – dabei gibt es doch in der Realität doch genug Probleme, in die man sich aus guten Gründen hineinsteigern könnte. Aber unterscheiden sich die Probleme in diesen beiden Welten überhaupt so sehr?

Dass die Serie Game of Thrones metaphorisch ziemlich deutlich das Problem der Klimakrise zum Ausdruck bringt, dürfte einigen Fans schon aufgefallen sein. Folge für Folge bauen sich politische Intrigen zwischen verschiedenen herrschenden Familien in Westeros auf. Es werden Allianzen geschlossen und dann wieder hingeworfen, Mordanschläge auf Menschen ausgeübt, politische Gefangene festgehalten, es ist ein ewiger Kampf um Macht. Bestimmte Personen scheinen ,,die Guten‘‘ zu sein, dann wendet sich das Blatt komplett. Wer handelt moralisch, wer richtig, wer politisch klug? Ein ewiges hin und her über sieben Staffeln, wo massenweise Energie auf eigentlich ziemlich unbedeutende Konflikte verloren geht, wie man dann endlich erkennen soll. Denn die gegen- und miteinander kämpfenden Häuser haben doch von Beginn an einen gemeinsamen Feind, den es gemeinsam zu bekämpfen gilt: Die weißen Wanderer. Mystische Wesen, die eigentlich seit Jahrtausenden nicht mehr existieren sollten. An deren Existenz der Großteil der Bevölkerung zu Beginn der Serie nicht mehr glaubt, selbst die als „gut“ und „weise“ auftretenden Charaktere. Es handelt sich um menschenähnliche Wesen mit eisblauen Augen, die jedoch größer und viel stärker als Menschen sind. Sie bringen Tod und Eisige Kälte. Sie können Tote auferstehen lassen (,,Wiedergänger‘‘) und diese zu ihren Zwecken kontrollieren.

Seit Jahrtausenden hat die Weißen Wanderer kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen, seit sie in einem harten Kampf gegen die Menschheit in den Norden gedrängt werden konnten. Zum Schutz der Menschen wurde dort mit Magie eine Mauer aus Stahl und Eis errichtet, die unüberwindbar scheint. Dass die Weißen Wanderer der eigentliche Feind, das eigentlich Böse in der Serie sind, wird schon in der allerersten Szene der Serie klar, als einige Wächter der auf der Mauer patrouillierenden ,,Nachtwache‘‘ von ihnen ermordet werden. Der einzige der Wächter, der fliehen kann, wird enthauptet, da ihm selbst der ,,gute‘‘ Eddard Stark keinen Glauben schenkt. Dabei wird der Leitspruch der im Norden lebenden Familie Stark doch von Beginn an immer wieder widerholt: „Winter is coming“. Paradox erscheinen angesichts des drohenden gemeinsamen Feindes die kommenden politischen Kämpfe und Intrigen, wo doch alle ein unaufhaltsames Problem teilen, welches keines der Häuser im Alleingang bekämpfen kann. Denn die Weißen Wanderer werden immer mehr und streben nach Eroberung des Südens. Ähnlich paradox kommen uns heute politische Konflikte auf der ganzen Welt vor, in Zeiten, wo die Menschheit doch zum ersten Mal einem heftigen Problem, das alle betrifft, gegenübersteht.

Die Weißen Wanderer sind eine in vieler Hinsicht perfekte Metapher des Klimawandels. Nicht als einzelne Personen, sondern als Masse werden sie zur Gefahr. Sie sind irgendwie tot und lebendig zugleich, oder etwas dazwischen. Sie sprechen nicht und bleiben lange etwas Unbekanntes, Mystisches. Der Klimawandel ist ein Feind, mit dem es sich ähnlich schwer umgehen lässt. Er hat kein Gesicht, er ist für uns Menschen nicht greifbar, niemand kennt die Härte seiner Auswirkungen. Er erzeugt ein ähnliches Gefühl von Schauer wie die Weißen Wanderer, deren Absichten Zuschauer von Game of Thrones nicht einschätzen können. Der ,,Nachtkönig‘‘, der erste Weiße Wanderer, welcher die anderen erschaffen hat und kontrolliert, wirkt zunächst wie ein eher langweiliger Bösewicht. Er ist kein vielschichtiger Charakter, nicht zwiegespalten, seine Boshaftigkeit hat keinen speziellen Hintergrund. Man kennt seine Motivation nicht, er ist einfach böse, und handelt doch klug und strategisch. Unaufhaltsam erschafft er sich eine größere Armee aus Weißen Wanderern und Wiedergängern und wandert mit diesen gen Süden, wo sich die verfeindeten Häuser mit selbstgemachten Problemen herumschlagen. Wie der Klimawandel ist er kein Bösewicht in dem Sinne, dass er wirklich böse, egoistische Absichten hat. Es gibt ihn einfach, und seine Macht vermehrt sich exponentiell. Wie der Klimawandel wird er, als ihn Teile der Menschen erstmals als existente Bedrohung erkannt haben, schneller zur echten Bedrohung, als sie geahnt hatten.

Das Interessante ist nun die Geschichte, wie der Nachtkönig in Game of Thrones entstanden ist. Er war ursprünglich ein Mensch, der vor Ewigkeiten lebte. In einer Zeit, in der die ersten Menschen nach Westeros kamen, und den dort bisher lebenden „Kindern des Waldes“, elfenhaften Naturwesen, den Lebensraum streitig machten. Ein Symbol für die wachsende Umweltzerstörung und -ausbeutung durch die moderne Gesellschaft seit der Industrialisierung? In der Welt von Game of Thrones erschufen die Kinder des Waldes aus Verzweiflung in ihrer Unterlegenheit gegen die Waffen der Menschen den ,,Nachtkönig‘‘, indem sie einem gefangenen Menschen eine magische Waffe ins Herz stachen. So entstand eine neue Gefahr aus der Verantwortung der Menschen heraus in Kombination mit einer Natur, die sich gegen ihre Ausbeutung wehrte. Diese Gefahr konnte aber bald schon niemand mehr kontrollieren. Sie musste gemeinschaftlich von den Kindern des Waldes und den Menschen bekämpft und eine magische Mauer zum Schutz der Menschen erbaut werden.

Wie genau der Nachtkönig besiegt werden kann, weiß lange niemand im Universum von Game of Thrones. Die uneinschätzbare Gefahr steckt im Körper eines einstigen Menschen, denn die Menschen haben jene Gefahr unbeabsichtigt selbst geschaffen. Und die größte Quelle seiner Macht sind wiederum die Menschen selbst. Mit jedem Toten erhält er ein potenzielles neues Mitglied seiner Armee von Untoten, die beständig Richtung Süden wandert. Auf ähnliche Weise nähren wir heute beständig die Klimaerwärmung durch immer mehr werdende CO2 Emissionen. Wie wir im neuesten Klimapaket der GroKo gesehen haben, wird reine Symbolpolitik betrieben. Die Devise: ,,Ja, der Klimawandel ist wichtig, und wir tun ja auch was dagegen. Nur halt nicht zu viel. Es gibt ja noch ganz viel andere wichtige Sachen zu tun.‘‘ Und währenddessen werden Gelder in z.B. die Förderung fossiler Brennstoffe und Entwicklung neuer, klimaschädlicher, aber wirtschaftlich vielversprechender Technologien gesteckt. Kohleausstieg bis 2038, obwohl jeder weiß, dass das nicht reichen wird, um gegen den Endgegner anzutreten.

In der siebten Staffel von Game of Thrones verliert die Herrscherin Daenerys Targaryen schließlich bei dem Versuch, Weiße Wanderer zu bekämpfen, einen ihrer drei feuerspeienden Drachen. Der Nachtkönig ermordet ihn mit einem Speer und erweckt ihn schließlich in einer die Staffel abschließenden Szene zu einem Zombie-Drachen mit eisblauen Wiedergänger-Augen, den er nun selbst im Kampf gegen die Menschheit einsetzen kann. Mit dem Feuer des untoten Drachen schmilzt er die für unzerstörbar gehaltene Mauer, woraufhin in einem schaurigen Abschlussbild die gigantische Armee von Untoten gen Süden weiterzieht, den Menschen entgegen. In diesem Bild steckt so unfassbar viel Klimawandel, dass diese Interpretation ein bisschen dauern kann, also holt euch jetzt vielleicht nochmal einen Kaffee, bevor ihr weiterlest.

Also. Der Drache ist erstmal die aktuell mächtigste Waffe der Menschen gegeneinander und gegen die Weißen Wanderer, ihre Superkraft, wie eine ultimativ innovative technische Entwicklung in unserer Welt. Durch Unachtsamkeit, dadurch, dass sie den Nachtkönig als Bedrohung nicht einschätzen kann, verliert Daenerys ihn – und stärkt den Nachtkönig somit extrem. Diese Situation erinnert an die gefürchteten Rückkopplungseffekte in der menschengemachten Klimakrise. Den Grund, aus dem es das im Pariser Klimaabkommen festgehaltene zwei-Grad-Ziel überhaupt gibt. Denn bei einer Erwärmung der Durchschnittstemperatur der Erde um über zwei Grad kann der Prozess der kontinuierlichen globalen Erwärmung nicht mehr durch noch so hohe Anstrengungen der Menschheit aufgehalten werden. Dies hängt beispielsweise mit der Gefahr der schmelzenden Permafrostböden in Sibirien zusammen, was bei einer Erwärmung um mindestens zwei Grad, wie sie aktuell zu erwarten ist, beschleunigt geschehen wird. Hier verbergen sich enorme Mengen an CO2 und Methan, welches im Vergleich zu CO2 ein um den Faktor 28 stärkeres Treibhausgas ist. Schätzungsweise sind allein in den Permafrostböden ca. 1.500 Gigatonnen Kohlenstoff eingeschlossen, also fast doppelt so viel wie aktuell in der gesamten Erdatmosphäre (800 Gigatonnen). Die Eiskappen der Arktis schützen auch daher vor Temperaturanstieg, da die weißen Eisflächen vereinfacht gesagt Licht und Wärme reflektieren, während die Ozeane Wärme eher aufnehmen. Das ,,ewige Eis‘‘, welches, wie wir schmerzlich erkennen müssen, überhaupt nicht ,,ewig‘‘ ist, ist somit tatsächlich so etwas wie die magische Mauer in Game of Thrones für uns Menschen. Und mit ähnlicher Gewissheit haben wir uns auf seine Unzerstörbarkeit verlassen. Steuern wir aber auf Kippunkte im Temperaturanstieg zu, dann können wir ab einem bestimmten Punkt nichts mehr ausrichten. Das Werk der Menschheit selbst richtet sich dann mit vervielfachter, unkontrollierbarer Kraft gegen sie. Unser untoter Drache schmilzt das Eis weiter und weiter. Die haarsträubende Szene, in der große Eisstücke aus der so erhaben wirkenden, riesigen Mauer herausbrechen, als das Drachenfeuer sie trifft, erinnert heftig an Bilder von gigantischen, abbrechenden Eisblöcken in der Arktis. Winter is here.

Und dann ist da noch die Sache mit den uralten Viren, welche in den Permafrostböden eingefroren sind. Es könnten sich hier für ausgerottet gehaltene Viren wie die Pocken konserviert halten, welche bei Schmelze der Permafrostböden erneut in Umlauf geraten könnten. Wissenschaftler sind sich jedoch äußerst uneinig, ob dieses Szenario tatsächlich eine potenzielle Gefahr für Epidemien birgt, mit welchen der menschliche Organismus nicht umgehen kann. Es passt aber äußerst gut zu dem Bild der Weißen Wanderer in Game of Thrones, welche die eiserne Mauer durchbrechen. Die Menschheit glaubt, eine Gefahr seit Langem ausgerottet zu haben. Und dann holt sie diese wieder ein, ausgelöst durch den Fortschritt der Menschheit selbst.

Sollten die Regierungen der Welt keine radikalen Maßnahmen ergreifen, ist das Eintreten von Rückkopplungen durch beispielsweise das Schmelzen der Permafrostböden äußerst wahrscheinlich. Wir würden dann eventuell auf eine ,,Heißzeit‘‘ zusteuern. Dürren, Missernten, das Zusammenbrechen zahlreicher Ökosysteme und massive Stürme wären die Folge. Der Meeresspiegel steigt laut dem aktuellen Bericht des Weltklimarats IPPC weitaus schneller an, als erwartet. Und Regierungschefs wie Vladimir Putin oder Donald Trump machen keine Anstalten, diese Warnungen ernst zu nehmen. Dabei ist die Gefahr so langsam unmittelbar sichtbar. Küstennahe Metropolen wie New York City, aber auch Hamburg könnten bereits um 2050 von massiven Überschwemmungen betroffen sein, ganz zu schweigen von ganzen Inselgruppen wie Fidschi. Und trotz dieses immer heftiger werdenden Drucks der Wissenschaft glänzen bestimmte Entscheidungsträger in der Kunst der Ignoranz. Game of Thrones-Fans erinnern sich an die Szene, in welcher Jon Snow der verfeindeten Cercei Lannister einen gefangenen Untoten vorführt, um ihr die Dringlichkeit des Handelns gegen die Weißen Wanderer klar zu machen. Und anhand ihres entsetzten Gesichtsausdrucks geht der Zuschauer kurz davon aus, die verfeindeten Häuser in Westeros würden jetzt endlich vernünftig werden und gemeinsame Sache machen. Aber falsch gedacht. Die Macht der Verdrängung ist ungeheuer, wie Trump es uns in unserer Welt beweist. Lasst uns doch einfach glücklich in eine ,,bright and wonderful future‘‘ schauen. Das deprimierende ist, dass wie auch in Game of Thrones schon seit Langem klar ist, mit welchem Endgegner wir es zu tun haben. 1896 beschrieb der spätere Nobelpreisträger Svante Arrhenius erstmals den Treibhauseffekt und dessen potenzielle Folgen für globale Erwärmung.

Winter is coming. Ein ewiges Mantra. Ich habe das Gefühl, wir hören es gerade täglich im Fernsehen und im Radio, lesen es in der Zeitung. Wir wissen es, und verarbeiten unsere eigene Hilflosigkeit mit Protest oder Resignation – oder eben in Fantasieuniversen. Man könnte sich die Frage stellen, wozu wir überhaupt noch Serien brauchen. Die Nachrichten sind ein Lied von Eis und Feuer geworden. Schmelzende Gletscher, Feuer im Amazonas. Drohende Extremwetterlagen. Und es dreht sich immer weiter. Wir leben in einer verdammt abenteuerlichen Zeit, die Helden braucht. Helden, die sich der Wahrheit stellen und die die Wahrheit weiterbringen. Helden, die wissen, wofür sie kämpfen. Anschuldigungen an Einzelpersonen können dafür keine Lösung sein. Helden dürfen sich nicht über andere stellen, sondern sollten sie mitnehmen. Im Kampf gegen den Klimawandel wird jeder von uns zum Helden. Jeder wird in einem Kampf gebraucht, der nicht durch wenige Einzelne ausgefochten werden kann. Und dafür müssen wir nicht einmal gegen Zombies kämpfen. Was wir tun können, ist vor allem Druck machen, auf die Straße gehen. Natürlich müssen wir bei uns selbst anfangen. Aber wirkliche Veränderungen können nur auf politischer Ebene erreicht werden.

Wir wissen es schon lange. Jetzt müssen wir nur noch in der Wirklichkeit ankommen – Mut zur Wahrheit beweisen – und wissen, dass aufgeben keine Lösung ist. Es ist dringend. Winter is here.