Outfit of the day: tattoos, thongs & tiger stripes

******Triggerwarnung: Körperdysmorphie, gestörtes Essverhalten, Kalorien******

Es ist Mittwoch, viel zu früh und viel zu hell. Noch bevor ich die Augen so richtig geöffnet habe, ist mir eigentlich schon klar, dass heute kein guter Tag wird. Warum? Ich bin nicht nur von der Sonne, sondern auch von einem Körpergefühl geweckt worden, von dem ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen. Ohne hinzusehen merke ich, dass ich heute jede reflektierende Oberfläche sowie enge Klamotten meiden werde. Während meine Fitbit erwartungsvoll an meinem Handgelenk blinkt, schlage ich die Decke zurück und schaue missmutig nach unten. Meine müden Augen sehen jetzt schon vermeintliche Makel. Genervt setze ich mich auf, obwohl ich eigentlich nur in absoluter Dunkelheit liegen bleiben will. Just in diesem Moment bereue ich die Idee, den Ganzkörperspiegel gegenüber vom Bett zu positionieren. Aber da steht er jetzt. In einer Mischung aus Selbsthass, Ekel und Verachtung starre ich mir entgegen. Ich fange an mich zu drehen und jeden Zentimeter meines Körpers auf zu viel Fett zu untersuchen. Egal, wie ich mich hinstelle, wie sehr ich meinen Bauch einziehe und meinen Po ausstrecke, es hilft nichts. Hier zu viel, da zu wenig. Und überhaupt – wer zur Hölle hat eigentlich die neuen Dehnungsstreifen bestellt? Meine Finger fahren über die kleinen Risse in der Haut, streichen über deren netzartiges Muster und in mir hofft irgendetwas, dass ich über Nacht magische Heilkräfte bekommen habe. Hab ich natürlich nicht. Wäre ja auch zu schön.

Das Einzige, was ich immer schön an mir finde, sind meine Tattoos. Schwarze Tinte unter meiner Haut. Kleine und größere Kunstwerke mit mehr oder weniger Bedeutung. Ich ignoriere die Ironie der Situation als mir mein Lieblingstattoo mit der Inschrift „I AM MINE“ entgegen sticht. Das Tattoo war einer von vielen Anläufen, aktiv mehr mit meiner äußeren Erscheinung zufrieden zu sein. Hat offensichtlich so semi gut geklappt.

Aber wann war ich das letzte Mal so richtig zufrieden?

Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht daran erinnern. Die Einstellung zu Essen und zu meinem Körper war schon immer…..schwierig. Nach unzähligen gescheiterten Diäten, vermeintlich gesundem Ernährungsstil und Sport, entwickelte sich eine Obsession bezogen auf meine äußere Erscheinung und eine Fixation auf Zahlen.

Am Anfang war alles fun and games. Irgendwann wog ich Heidelbeeren und Paprika ab.
Am Anfang waren 30 Minuten Sport täglich super. Irgendwann hatte ich das Gefühl, der Tag sei ohne das Absolvieren von mindestens 60 Minuten Workout und 10.000 Schritten verloren gewesen.
Am Anfang wog ich mich einmal die Woche. Irgendwann stand ich täglich mehrmals auf der Waage.
Am Anfang waren 300 Kaloriendefizit am Tag in Ordnung, in meiner schlimmsten Zeit waren 600 Kalorien am Tag zu viel.

Hunger? Kein Problem, gab ja Kaffee, Kaugummi und diesen abartigen Kick durch die Kontrolle.

Mittlerweile habe ich das ganz gut unter Kontrolle. Also quasi Kontrolle über die Kontrolle. Deswegen bin ich heute auch genervt. Nicht von meinem Körper. Also auch. Aber am meisten von der Tatsache, dass ich mich so wie ich bin offenbar nicht so richtig akzeptieren und lieben kann.
Ich bin genervt davon, dass ich meiner äußeren Erscheinung noch so viel Wert beimesse und mich zu einem viel zu großen Teil über sie definiere.Ich bin genervt davon, dass ich Dinge nicht tue oder Sachen nicht anziehe, weil ich mich dafür schlicht und einfach zu hässlich finde. Ich bin genervt von mir selbst, dass ich meinem Körper nicht mehr Dankbarkeit und Liebe zukommen lassen kann. Sie trägt mich jeden Tag überall hin. Sie sorgt dafür, dass ich die schönsten Dinge sehe, die wunderbarsten Klänge höre, die besten Gerüche rieche, Geschmacksorgasmen (und normale Orgasmen) habe. Sie ist der Grund, warum mein Leben nicht eine einzige zähe, graue, trostlose Masse von irgendwelchen belanglosen Sinneseindrücken ist. Sie ist der Grund, warum ich überhaupt am Leben bin.

Meine Genervtheit wächst zu einer Wut über mich selbst. Seit über einem Jahr befinden wir uns in einer globalen Pandemie, deren verheerende Folgen mir jeden Tag um die Ohren gepustet werden. Seit über einem Jahr besteht mein Studi-Leben aus den vier WG-Wänden, Spaziergängen, Lebensmitteleinkäufen und den täglichen Nachrichten über Inzidenzen und aktuellen Maßnahmen. Und alles, was ich tue, ist meinen Körper zu hassen, obwohl sie offensichtlich stark genug ist, nicht an Miss Rona zugrunde zu gehen.

Generell ist auch die Tatsache, dass sich so viele Menschen sich selbst über die eigene Erscheinung definieren, auch nicht das Gelbe vom Ei. Oft genug stelle ich mittlerweile die Body Positivity Bewegung in Frage, die ich zu Beginn eigentlich ganz toll fand. Den eigenen Körper immer bedingungslos und dauerhaft zu lieben und zu feiern, erscheint mir persönlich doch ein bisschen utopisch. Für alle Menschen, die das können, ist das super und ich freu mich für euch, ehrlich. Persönlich gehören ich und alle Menschen in meinem Umfeld, die sich darüber mit mir austauschen, leider nicht dazu.

Es wird immer Tage geben, an denen vermeintliche Makel mehr ins subjektive Gewicht fallen als anderen Tagen.
Es wird immer Tage geben, an denen man sich persönlich unattraktiver fühlt als an anderen Tagen.
Es wird immer Tage geben, an denen Skinnyjeans und Bodycondress eher die eigene Nemesis sind als an anderen Tagen.

Aktuell denke ich viel über die Body Neutrality Bewegung nach, in der es darum geht, den eigenen Körper als das zu sehen, was er ist: die Hülle des eigenen Daseins. Gewissermaßen das Geschenkpapier oder die Brotdose des Universums der eigenen Individualität. Statt der äußeren Erscheinung zu viel Wert beizumessen, liegt der Fokus auf dem Kern, dem Inhalt, auf dem Charakter und der Persönlichkeit.

Sport machen, Klamotten anziehen oder Lebensmittel essen, um sich gut zu fühlen, nicht um gut auszusehen.
Beim Sex nicht darüber nachdenken, ob die Oberschenkel schwabbeln, der eigene Schweiß sich mit dem Schweiß der anderen Person vermischt oder die Geräusche gerade zu laut sind.
Sich schön oder weniger schön finden, aber dem ganzen Spektakel des Äußeren weniger Raum geben.
Dankbar sein und wertschätzen, was der Körper so kann und erledigt, statt ihn für etwas zu hassen, was er nicht war, nicht ist und um ehrlich zu sein vermutlich auch nie sein wird.

Das alles klingt für mich noch nach einem langen Weg, auf dem ich kleine und große Steine überwinden muss. Nichtsdestotrotz versuche ich ihn zu gehen, auch wenn ich heute lieber in meinem Comfort-Sweatshirt, das zehn Größen zu groß ist, versinke.

Text & Grafik: Ilka Reichelt

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