Living next door

Tock! Tock! Tock! TOCK! TOCK! TOCK!

Eine tägliche Geräuschkulisse, die mir den akuten Status meines Singledaseins näherbringt. Wie fast jeden Morgen werde ich pünktlich um 8:45 Uhr als Unbeteiligte aus dem Schlaf gefickt. Ein Ritual, das sich meine Nachbarn zu Herzen nehmen und mit immer weitertreibender Kraft jede Runde neu perfektionieren. Es ist erschreckend, wie dünn die Wände einer Altbauwohnung sein können. So dünn, dass man sogar die gegen den Venushügel klatschenden Eier hören kann. Ich verabschiede mich von meinem Schlaf und setze routiniert meine Noise-Cancelling Kopfhörer auf. Ich gebe mir ein imaginäres High-Five für die beste Investition, die man als Mitbewohner und Nachbar haben kann. Für den Preis, den ich dafür bezahlt habe, höre ich zumindest die aneinander stoßenden primären Geschlechtsorgane und das gegen die Wand donnernde Bett nicht mehr. Für denselben Preis bekomme ich allerdings on top gratis das Ambiente einer Großbaustelle. Hoch lebe die Hypekultur um innenstädtische Altbauwohnungen mit Flügeltüren, die gegeneinander schlagen und damit die Verdrängung der Szenerie unmöglich machen. Im Prinzip verwandelt sich mein kleines WG-Zimmer in regelmäßigen Abständen zum schlechtesten Pornokino der Welt, in dem man zwar nichts sieht, dafür jedoch ein auditives Erlebnis sondergleichen geboten bekommt. Der unangenehmen Situation unterworfen, zu wissen, dass mein Mitbewohner, der direkt Wand an Wand neben mir dasselbe Szenario hört, verlasse ich mein Zimmer und gehe eine rauchen. Der Gedanke, weiterhin das kontroverse Gestöhne mit einer weiteren unbeteiligten Person zu teilen, löst in meinem Kopf Erinnerungen an vermeintlich unschuldige Fernsehabende mit den Eltern aus. Diese sind so lange angenehm, bis die obligatorische Sex-Szene gezeigt wird und man mit hochrotem Kopf und schweißgebadet vor Scham den Raum für einige Minuten verlassen muss. Ein Bild, das sich wie geschmolzenes Plastik in meine Gehirnwände brennt. Um der gegebenen aufgezwungenen Erotik ein Ventil zu verleihen, öffne ich Tinder.

Nein.

Nein.

Nein.

Nein.

Nicht mal, wenn ich notgeil wäre.

Keine gute Quote heute. Ich frage mich, ob Tinder mir wirklich alles vorschlägt, was bei mir in der Gegend auf Beutejagd ist oder ob mir auf Grundlage meiner bisherigen Matches und/oder Likes, potenzielle Kopulationspartner vorgeschlagen werden. Ich hoffe auf Ersteres. Tinder, die ursprüngliche ernstzunehmende Dating-App, hat sich im Laufe der Jahre ihrem Ruf gebeugt und das zum Leitmotto gemacht. Von der seriösen, großen Liebe versprechenden Partnersuche zum Sexwühltisch für Wochenendtouristen und sich auf der Durchreise befindenden Vollzeit-Travelern. Tinder bietet jedem seine fünf Minuten Aufmerksamkeit, um das Ego über Wasser zu halten. Durch jedes Match wird das Belohnungssystem im frontalen Cortex aktiviert. Dopamin ist der Suchtstoff. Und immer, wenn der Suchtdruck kommt, verschreibt man sich eine Runde Tinder.

Tinder – die Zigarette des kleinen Mannes.

Ich nehme die letzten Züge meines Sargnagels und drücke sie aus. Ich bin kein Gewohnheitsraucher. Der Nikotinflash überrollt mich immer wieder aufs Neue. Zudem schmeckt es nicht. Der Geschmack des Tabaks, meine Spaß-habenden Nachbarn und der Gedanke an meinen Mitbewohner, mit dem ich das Szenario gleich wieder stillschweigend teilen darf, machen mich wirr im Kopf. In meinem merkwürdigen Gedankenkonstrukt habe ich meine Wohnung in ein Audio-Sexkino mit räumlich anschließendem Puff ein Stockwerk höher transformiert. Leicht angewidert von meinen eigenen Gedanken kehre ich in meine WG zurück. Mein Mitbewohner scheint weg zu sein. Glück gehabt. Und auch sonst vernehme ich keinerlei erotische Vibes mehr. Das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man einstige ländliche Idylle ohne Nachbarn gegen Großstadtdschungel tauscht. Daran werde ich mich gewöhnen müssen. 

Ich gratuliere mir für mein Timing der Nikotinpause. Das Gehirn von Dopamin zerschossen, starte ich in meinen Tag. Der durch das Alkaloid verursachte Schwindel lässt nach und ich kann wieder klar denken. Ich schaue auf die Uhr: Punkt neun Uhr. Zeit für eine Retourkutsche. Also nehme ich mir mein Springseil und fange an zu springen, bis die Türen im selben Takt hämmern. Hoch lebe die Hypekultur um innenstädtische Altbauwohnungen mit Flügeltüren. 

Text & Bild: Janna Meyer

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