Vorsätze für das Jahr 2021…22…23…24…25 – wie es mit Chemnitz als Kulturhauptstadt weitergeht

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Die meisten werden es vor allem dank Corona nicht so schnell vergessen. Doch für viele ChemnitzerInnen bleibt es als das Jahr in Erinnerung, in dem ihre Stadt für den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ gewählt wurde. Lucia Schaub aus dem Team „Chemnitz 2025“ ist sicherlich eine davon. 2020 geht vorüber, der Titel bleibt, doch mit der Umsetzung geht es jetzt erst so richtig los. Ich habe mit Lucia telefoniert und mir von ihr erzählen lassen, wie die Stimmung nach dem Entscheid ist und vor welchen Aufgaben die Stadt und das Team rund um Chemnitz 2025 nun stehen.

LK: Wie groß war eure Überraschung als ihr erfahren habt, dass Chemnitz den Titel bekommen hat? Habt ihr das erwartet?

LS: Die Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Wir haben auf jeden Fall in jeder Sekunde in den letzten sieben oder acht Monaten alles gegeben, um in den letzten Zügen nochmal ganz konkret die Bevölkerung anzusprechen, damit auch jeder mitbekommt, dass wir uns bewerben und was der Titel für die Stadt bedeuten kann. Man weiß es dann natürlich trotzdem nicht, ob man es schafft oder nicht. Aber wir freuen uns natürlich auch immer noch sehr darüber.

LK: Wenn Chemnitz den Titel nicht bekommen hätte, hätte die Stadt dennoch viel aus der Bewerbungsphase mitnehmen können, aber zum Glück geht es weiter. Was sind nun die ersten Schritte, die ihr jetzt, nach dem Entscheid, angeht?

LS: Es gibt Punkte, da sieht man tatsächlich jetzt schon etwas: Wenn man zum Beispiel an die Mikroprojekte oder Nimm-Platz-Projekte denkt. Auf diesen Akteursebenen ist in den letzten 3 Jahren schon viel passiert – und ich finde, letzten Sommer sah man auch bei „Gegenwarten“ einiges. Da hat man schon so einen kleinen Vorgeschmack bekommen auf das, was Kulturhauptstadt vielleicht auch sein und bewirken kann. Auch im Diskurs. Nicht jedem hat das versunkene Auto im Schlossteich gefallen, aber man hat gemerkt, wie so eine Position etwas verändert in einer Stadt. Im nächsten Schritt muss jetzt eine GmbH gegründet werden. Das ist im Buch auch so festgeschrieben. Es gibt darin konkret das Kapitel „Management“, in welchem es direkt darum geht, wie wir jetzt mit dem Kulturhauptstadt-Titel umgehen. Zuletzt gab es ein großes Team „Chemnitz 2025“, bestehend aus Akteuren des Kulturbetriebs, dem Projektleiter Herrn Csák, der Wirtschaftsförderung, die die Kommunikation maßgeblich mit betreut hat, aber auch aus einem riesengroßen Pool an Freiwilligen, Helfern und Akteuren. Es gab Engagierte, die haben das Logo in ihre Signatur gepackt, haben auf Vorträgen davon erzählt und Werbefilme dazu gedreht – einfach um den Gedanken weiter zu tragen. Immerhin haben wir haben den Titel nicht geholt, um uns jetzt auszuruhen – jetzt fängt die Arbeit erst richtig an.

LK: Es geht nun also darum, dass ihr euch neu organisiert und dann die Vorhaben aus dem zweiten „BidBook“ umsetzt, ist das richtig?

LS: Darum geht es auf jeden Fall. Das BidBook ist der Grundstock. Auf dieser Grundlage wird letztendlich auch am Ende abgerechnet: Konnte Chemnitz erreichen, was wir uns vorgenommen haben?, Ich verstehe dieses Buch als einen Anker – gerade auch für Chemnitzer Akteurinnen und Akteure. Jeder kann sich, gerade auch im neuen Lockdown, das Buch mal vornehmen und lesen. Man findet es online auf der Webseite, mittlerweile auch auf Deutsch, und auf allen gängigen Podcast-Plattformen auch in einer freien Übersetzung zum Anhören. Man kann es also einfach durchblättern und gucken, was vielleicht das eigene Lieblingsprojekt ist. Und das finde ich so spannend: Wer interessiert sich wofür und wo sieht man vielleicht Verknüpfungen oder Momente, in denen man sich fragen kann: Wo kann man das, was europäisch gedacht wird, auf Chemnitzer Ebene erden und da einfach noch stark machen?

LK: Ihr sucht also nach wie vor nach Willigen, die Idee und die Projekte hinter dem Motto „C the Unseen“ umzusetzen?

LS: Auf jeden Fall! Ich glaube da kann es am Ende – bildlich gesprochen – keinen Pool geben, der groß genug ist. Wenn wir da am Ende 200.000 Engagierte haben, die in irgendeiner Art und Weise Lust haben, mitzuwirken – und sei es auch, im Jahr 2025 aus ihrem Fenster ein Fähnchen zu hängen – dann ist damit natürlich allen geholfen. Momentan würde ich auch sagen, dass es vor allem erstmal darum geht, diesen Spirit weiterzutragen und viel zu „tratschen“ – das ist ja das, was jeder erstmal machen kann. Ein Ansatz, der mir in diesem Buch ganz besonders gefällt, ist, die Leute nicht über eine bestimmte Zielgruppe wie Alter, Geschlecht oder Aussehen zu verbinden, sondern über ihre Fähigkeiten und Leidenschaften. Das kann jeder auch nochmal auf einer persönlichen Ebene denken und sich fragen: „Was mache ich eigentlich gerne und kann ich das nicht irgendwie anders denken oder jemandem beibringen?“, das finde ich ganz mächtig. Jeder hat irgendwas, was er gut kann.

LK: Im Bewerbungsprozess gab es einige formale Stufen und Deadlines, zu denen Chemnitz „abliefern“ und ihre bis dahin erreichten Ziele vorstellen musste. Gibt es jetzt in den nächsten Jahren weitere solcher Meilensteine?

LS: Soweit ich weiß wird es eine Art Evaluierungs- oder auch Monitoringprozess nebenbei geben. Das heißt, dass man natürlich davon ausgeht, dass zu bestimmten Zeiten innerhalb der nächsten vier Jahre Dinge entstanden sein müssen. Zum Beispiel muss die GmbH im Verlauf des nächsten Jahres gegründet werden, aber es gibt jetzt keinen Punkt, an dem Chemnitz nochmal präsentieren müsste oder eine weitere Bewerbung abgeben müsste. Es geht jetzt erstmal nur darum, dass überprüft wird, dass das, was man mal aufgeschrieben hatte, auch umgesetzt wird.

LK: Im Vorentscheid wurde auch auf digitale Formate zurückgegriffen, da man wegen Corona leider etwas umplanen musste. Wirkt sich die aktuelle Situation auch weiterhin auf eure Arbeit aus?

LS: Ich denke das hat, wie alles im Leben, Vor- und Nachteile. Wahrscheinlich auch für so einen Prozess. Wenn man an die Besetzung einer GmbH denkt zum Beispiel, da ist es natürlich schwierig Bewerbungsgespräche und eine finale Auswahl durchzuführen, wenn man sich vielleicht nur digital treffen kann – aber es wird trotzdem irgendwie möglich sein. Und natürlich ist es auch momentan schwierig, die engagierten Akteure der Stadt aber auch aus Europa zusammenzubringen. Das fängt schon damit an, dass man keine Party machen konnte. Sowas stärkt ja eigentlich nochmal den Zusammenhalt. Und der Vernetzungsgedanke innerhalb der Stadt bleibt leider gerade bedingt durch die Pandemie etwas auf der Strecke. Ich finde es großartig, wenn bei Veranstaltung Leute zusammenkommen, die du nie zusammen denken würdest. Andererseits lernt man ja auch ganz viel Neues. Wenn wir den Anspruch haben, wie im Buch auch geschildert, im Jahr 2025 ganz viel auch digital anzubieten und die Leute, egal wo sie auf der Welt gerade sind, mitzunehmen, dann ist das natürlich das Beste, was man machen kann: das Digitale schon früh zu üben.

LK: Als klassische Abschlussfrage würde ich noch gern wissen: Was erhoffst du dir von den nächsten fünf Jahren und was wünschst du dir nach dem Jahr 2025 von Chemnitz?

LS: Ich wünsche mir, dass dieses Chemnitzer „Kulturhaupstadtfieber“ Ideen auch Wirklichkeit werden lässt. Wenn man Lust hat, etwas umzusetzen, weil genau dieser Funke überspringt. Das wünsche ich mir auch von denen, die das momentan vielleicht noch skeptisch betrachten und nicht wissen, was der Titel bringt, was ich verstehen kann, wenn gerade kulturelle Einrichtungen geschlossen haben und man sich nicht einmal in einer Bar treffen kann. Wenn kulturell einfach wenig geht. Ich wünsche mir positiven Optimismus, der bleibt und die Stadt einfach in den nächsten fünf Jahren dominiert. Ich glaube daran, dass das funktioniert, da das Narrativ „C the Unseen“ genau deshalb funktioniert, weil in Chemnitz immer schon die Leute etwas gemacht haben. Jeder, der hierher kommt, kann einfach irgendwo anfangen und irgendwo sein Ding ausleben. Und in der Regel wird’s auch was. Und wenn es nix wird, dann wird da was anderes draus. Das ist auch gut. Ich wünsche mir, dass das auch nach 2025 bleibt. Natürlich kann man den Kulturhauptstadt-Titel als Grund sehen, erst recht etwas zu machen, aber auch vor dem Entscheid galt: Egal, ob wir den Titel bekommen, wir machen es einfach, weil wir uns bewerben. Wenn man einen Grund braucht, sollte man den auch zu nutzen. Zuletzt wünsche ich mir, dass ihr Studierenden Chemnitz in den nächsten Jahren als eure Stadt ebenfalls entdecken könnt. Das lohnt sich nämlich.

Bild & Text: Linda Kolodjuk

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