Metamorphose des Brühls? – Eine Chronik

In Chemnitz muss man genauer hinschauen, um die Diversität der Stadt kennenzulernen, das ist vielen bereits bekannt. Ein Stück Kulturszene in der oftmals verrufenen Industriestadt offenbart der Stadtteil Brühl. Das Viertel symbolisiert das erneute Aufblühen der Stadt. Der Brühl-Boulevard, einst eine florierende Einkaufsstraße, dann dem Verfall verurteilt, wurde in den letzten Jahren erneut in seiner Urbanisierung gestärkt. Auf diesem Wege eröffneten einige junge UnternehmerInnen individuelle Läden. Zudem soll der Umbau der Alten Aktienspinnerei in die Zentralbibliothek der Technischen Universität Studierende in das Stadtviertel locken [1]. Die Bibliothek wurde im Oktober eröffnet. Grund genug dieses Stadtviertel mit seiner Geschichte, gegenwärtigen Entwicklung und seinen zukünftigen Plänen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dies soll die dreiteilige Artikelreihe über den Brühl ermöglichen, alle sechs Wochen wird ein neuer Artikel über eine weitere Etappe des Brühls erscheinen.

Zunächst beginnen wir mit der Vergangenheit des Brühls:

Metamorphose des Brühls? – Eine Chronik: Teil 1 Vergangenheit

Als wir zum ersten Mal den Brühl besuchten, studierten wir bereits zwei Jahre in Chemnitz und hatten bis dato noch nie etwas von dem Stadtgebiet gehört. Das mag auch an der örtlichen Distanz zum “Studentenviertel” Bernsdorf liegen und der anfänglich, wohl auch aufgrund von Unistress, ausbleibenden Neugierde die Stadt zu entdecken. Jedenfalls waren wir begeistert, als wir den Brühl an einem Novembermorgen zum ersten Mal besuchten. Da entstand die Frage, wie ein solches Boulevard mit Altbauten in Chemnitz nach wie vor existieren kann, anders als das nach dem Krieg, aus Trümmern neu errichtete, Zentrum der Stadt.

Die frühe Geschichte des Brühls vom Anger zum Gründerstilviertel

Innerhalb seiner Geschichte hatte das heutige Stadtgebiet bereits mehrere Funktionen. Zunächst diente es als Teil des Angers der Viehhaltung, militärischen oder kulturellen Zwecken, anschließend als Vorstadt und zu guter Letzt als Neustadt. Unter Anger wird eine Grasfläche nahe einer Siedlung verstanden [2]. Bevor Chemnitz 1402 das Landstück erwarb, nannte sich der heutige Brühl “Streitdorf” und diente als Klosterdorf des Benediktiner Klosters St. Martin. Parallel dazu erwarb Chemnitz andere Gebiete und trug somit zur Vergrößerung der Stadt bei. Das Gebiet des heutigen Brühls wurde als Teil des Angers fortan vorrangig als Weideland genutzt. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden nach und nach erste Häuser errichtet. Im Laufe der Zeit erwies sich das Gebiet als geeigneter Standort für militärische Zwecke wie Verteidigungs- und Demonstrationsübungen aufgrund der günstigen, zentrumsnahen Lage, der geringen Distanz zum Wasser und der größtenteils freien Fläche. Zudem versammelten sich hier die Bewohner bei kulturellen Ereignissen, wie Jahrmärkten, Zirkusbesuchen oder Sängertreffen. Ein Teil des Angers entwickelte sich ab circa 1795 zur Angervorstadt und wurde innerhalb des Jahres großflächig bebaut. Rund vierzig Jahre später, 1836, bekamen die Straßen des Gebietes ihre Namen. Eine Straße wurde dabei “Brühl” genannt und bezog sich auf die Beschaffenheit des ursprünglichen Angers, als tiefer gelegenes, sumpfiges Gebiet. Die Bebauung des Stadtgebiets schritt nun immer weiter voran [3]. So entstanden im Zeitraum zwischen 1870 und 1918 viele Häuser welche größtenteils erhalten geblieben sind. Aus architektonischer Sicht weisen viele Altbauten des heutigen Brühls die für die Epoche der Gründerzeit typischen Charakteristika auf [4].

Im 20. Jahrhundert: Vom kurzzeitigen Ersatz der Innenstadt zum Verfall?

Im zweiten Weltkrieg wurde Chemnitz als einer der damalig größten Industriestandorte Deutschlands zum Ende durch Bombenangriffe großflächig zertrümmert. Ab 1940 gab es erste Luftwarnungen, im März und Februar 1945 erfolgten die schwersten Bombenangriffe. Am Ende des Krieges waren fast 4.000 Menschen in der Stadt ums Leben gekommen und das Zentrum sowie angrenzende Wohngebiete auf über sechs Quadratkilometern zerstört [5].

Das Stadtgebiet Brühl wurde dabei im Vergleich zum Stadtzentrum deutlich weniger zertrümmert. Aufgrund dessen entwickelte sich kurzzeitig nach dem Krieg am Brühl ein reges Geschäftsleben. So diente die Geschäftsstraße, der zukünftige Brühl-Boulevard und einige Nebenstraßen teils als Ersatz für die zerbombte Innenstadt. Dennoch wurden viele der erhalten gebliebenen und nach dem Krieg wieder funktionsfähigen Gebäude auf dem Brühl bis Ende der sechziger Jahre abgerissen.

Unter dem Regime der DDR wurde ein anderes Stadtviertel von Chemnitz, das Fritz-Heckert Gebiet mit Neubausiedlungen gefördert. Aufgrund dessen überließ die Regierung den Brühl dem Verfall. Der Namensträger Heckert wuchs übrigens selbst auf dem Brühl auf. Während der Weimarer Republik war der Politiker Fritz Heckert bekannt durch sein Wirken bei den nationalen und internationalen Arbeiterbewegungen. Zudem gilt er als Mitbegründer der damaligen Kommunistischen Partei Deutschlands. Durch den zunehmenden Verfall entstand ein Bevölkerungsrückgang [6].

Errichtung des Brühl-Boulevards – eine Einkaufsmeile mit Zukunft?

Aufgrund des vorhergesehenen Wachstums der Stadt organisierte in den Siebzigern die Planungsgruppe, geleitet vom Stadtarchitekten Karl Joachim Beuchel [7], eine Modernisierung und Wiederbelebung des Chemnitzer Arbeiterviertels “Brühl”. In der Planung standen die Gestaltung eines Fußgängerboulevards und die Entstehung neuen Wohnraums [8]. Der Brühl-Boulevard bestand aus Gewerbe- und Industriebetrieben, Einzelhandelsgeschäften und Wohnungen. Nun konnte er als urbanes System zusammengefasst werden, denn er bestand aus den drei wesentlichen Komponenten Wohnen, Arbeiten und Versorgung [9]. 1980 wurde die Einkaufsstraße “Brühl Boulevard” offiziell eröffnet [10]. Städtisches Vorbild des Boulevards war übrigens die Fußgängerzone Váci utcain Budapest.

Das Vorhaben der Planungsgruppe konnte jedoch nur teils umgesetzt werden, in den Achtzigern erinnert sich beispielsweise der Geschäftsführer des Werbe-/ und Gestaltungsunternehmens “Rebel Art“ [11], Guido Günther an den Brühl als belebtes Einkaufsviertel mit einzigartigen Geschäften. Nach und nach wurde es jedoch Ende der Achtziger vernachlässigt. Mit dem Fall der Mauer am 09. November 1989 und der Wiedervereinigung schritt die Vernachlässigung weiter fort, das Stadtviertel Brühl wurde zunächst nicht beachtet.

In den Neunzigern verlor das Gebiet zunehmend seine Bewohner. Während der Zeit entstanden zudem außerhalb des Gebiets große Einkaufszentren. Somit rückte der Brühl als Einkaufsmöglichkeit ebenso in den Hintergrund [12]. Zugleich zählte Chemnitz zu diesem Zeitpunkt zu einer der am schnellsten schrumpfenden Städte Ostdeutschlands [13]. Auch Guido Günther berichtet von diesen Erfahrungen, so war das Stadtviertel während der 1990er Jahre mit einigen Geschäften noch ein wenig belebt, verlor jedoch zunehmend an Bedeutung.

Initiativen wie das URBAN-Projekt der EU erwecken den Brühl erneut zum Leben

Neben dem starken Bevölkerungsrückgang und dem einhergehenden, zunehmenden Verfall begannen zugleich die ersten Initiativen das Stadtviertel zu “retten” und dem Verfall entgegenzuwirken. Beispielsweise veranlasste die Kommune mehrere Sanierungen. Die Bewerbung der Stadt Chemnitz für das URBAN Förderprogramm 1994 stellte einen weiteren wichtigen Schritt dar. URBAN ist ein Fördermittelprojekt der EU, welches im Zeitraum von 1994 bis 1999 mehrere Städte, insbesondere strukturschwache Gebiete finanziell unterstützte. Die Stadt Chemnitz wurde so 1995 mit rund 150 Millionen DM für Wohnungs- und Städtebau bezuschusst. Einiges floss dabei in die Entwicklung des Brühls ein. Konkret entsprangen die Fördermittel der EU zu rund 80 Prozent den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und zu 18 Prozent den Europäischen Sozialfonds (ESF) [14]. Ziel dieser Gelder war das Entgegenwirken städtebaulicher und sozialer Defizite, hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung . So hat beispielsweise Martin König, der Geschäftsführer des Bekleidungsladens Karlskopf am Brühl, Erinnerungen an ein reges Treiben am Brühl in den Neunzigern, jedoch merkte er schon damals, “dass da ein Niedergang von statten geht”. Im Rahmen des URBAN-Förderprogramms wurde die Schönherrfabrik zur Kulturfabrik umgestaltet, die Josephinenschule saniert und ein Bürgerhaus mit Jugendclub realisiert [15].

Die aktuelle Entwicklung am Brühl hat ihren Ursprung in der städtebaulichen Planungsstudie vom Planungsbüro Albert Speer & Partner, welches der Stadtrat am 26. April 2012 beschloss. Am 17. Oktober 2013 genehmigte der Stadtrat nach anfänglichen Erfolgen, wie dem Straßenfestival “Kultursommer 2013”, die Fortsetzung des städtebaulichen Konzeptes. In der weiteren Entwicklung wurde so die Sanierung von Häusern und die Belebung des Brühls durch Projekte oder Veranstaltungen wie dem Kleinkunst- und Eventmarkt Baumwollbaum sowie dem Chemnitzer Kunst- und Kulturfestival “Begehungen” veranlasst [16]. Das Unternehmen “Rebel Art” gestaltete 2016 das erste von insgesamt fünf geplanten Häusern am Brühl mit einem Graffiti. Das sogenannte “Objekt Brühl 69” zeigt eine Frau, die neugierig in Zukunft schaut.

Fotografie: Rebel Arts, am 02.04.2020

Ziel der Stadtteilplanung war und ist nach wie vor die Urbanisierung des Innenstadtviertels. Damit soll der Brühl zugleich attraktiver gestaltet werden. Hierfür überblickt das Brühlmanagement die Planung. Bisher zeichnet sich ein Erfolg ab: Im Jahr 2012 lag der Leerstand im Standviertel bei fast 90 Prozent. Im Jahr 2020 lässt sich hingegen eine rund 90-prozentige Belegung im Wohn- und Gewerbebereich verzeichnen [17].

Uwe Dziuballa, der Besitzer des jüdischen Restaurants Schalom, sieht die Vorteile des Brühls “nicht nur [in der] Nähe zur Innenstadt, welche durch das Bauwerk hinter dem Karl Marx Monument als Grenze eine Art Barriere bildet, […], sondern [auch] die Möglichkeit der Chemnitzer-Macher-Entwicklung, nennen wir es Zweite-Generation.”

So hat der Brühl im Laufe der Jahrtausende Einiges erlebt und dabei unterschiedlichste Funktionen übernommen, ob nun als Platz für den Jahrmarkt oder als kurzzeitiger Ersatz für die Innenstadt. Die „städtebauliche Planungsstudie zur Entwicklung des Gebietes Brühl-Boulevard“ hat einige Vorsätze. Wie konnten diese bis zum aktuellen Zeitpunkt umgesetzt werden, wie sieht es mit der Gentrifizierung des Brühls aus? Der nächste Artikel der Artikelreihe „Metamorphose des Brühls? – Eine Chronik: Teil 2 Gegenwart“ wird einen Überblick über die derzeitigen Entwicklungen im Stadtviertel Brühl verschaffen.

Autoren: Lisa Heinemann und Anna Thomas

Fotografie des Titelbilds: Lisa Heinemann

Quellen:

[1] Malz, A. (2019, 13. April). Erst Spinnerei, dann Universitätsbibliothek. Forum Bibliothek und Information. https://b-u-b.de/alte-aktienspinnerei/

[2] [Definition Anger], (o. D.). Duden. https://www.duden.de/rechtschreibung/Anger

[3] Lutz, A. (2000). Das sozial-räumliche Milieu zwischen planerischer Praxis und soziologischer Perspektive: Fallbeispiel: Milieuanalyse im Stadtgebiet Brühl-Nord. Chemnitz: [Inst. für Soziologie, Regionalforschung und Sozialplanung].

[4] Eichhorn, J. (2000). Der Chemnitzer Brühl – ein Stadtgebiet im Wandel der Zeit. Chemnitz: Selbstverl. des Chemnitzer Geschichtsvereins.

[5] Chronik. (o. D.). Chemnitz – Stadt der Moderne. https://www.chemnitz.de/chemnitz/de/unsere-stadt/geschichte/chronik/index.html

[6] Eichhorn, J. (2000). Der Chemnitzer Brühl – ein Stadtgebiet im Wandel der Zeit. Chemnitz: Selbstverl. des Chemnitzer Geschichtsvereins

[7] Beuchel K. J. (2008, 27. und 28.September). Baugeschichte der Stadt Chemnitz – Vor der Wende. Symposium der Henry van der Velde Gesellschaft Sachsen e.V.“REVISITED – Architekten kommentieren ihre Chemnitzer Werke. http://www.urbanes-chemnitz.de/gfx/bibo/hvdv_revis_vortrag_beuchel.pdf

[8] Sylvia Necker. (2016, 17. April). FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl. Moderne Regional. https://www.moderne-regional.de/fachbeitrag-chemnitz-die-bruehl/

[9] Lutz, A. (2000). Das sozial-räumliche Milieu zwischen planerischer Praxis und soziologischer Perspektive: Fallbeispiel: Milieuanalyse im Stadtgebiet Brühl-Nord. Chemnitz: [Inst. für Soziologie, Regionalforschung und Sozialplanung].

[10] Zeittafel. (o. D.) Chemnitz – Stadt der Moderne. https://www.chemnitz.de/chemnitz/de/unsere-stadt/geschichte/chronik/zeittafel/index.html

[11] Günther, G. (o. D.). Guido „Rebel 73“ Günther. Rebel Art Galerie. https://rebel-art-galerie.de/portfolio/guido-guenther/

[12] Sylvia Necker. (2016, 17. April). FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl. Moderne Regional. https://www.moderne-regional.de/fachbeitrag-chemnitz-die-bruehl/

[13] Lutz, A. (2000). Das sozial-räumliche Milieu zwischen planerischer Praxis und soziologischer Perspektive: Fallbeispiel: Milieuanalyse im Stadtgebiet Brühl-Nord. Chemnitz: [Inst. für Soziologie, Regionalforschung und Sozialplanung].

[14] Entwicklung der Städtebauförderung in Chemnitz. (o. D.) Chemnitz – Stadt der Moderne. https://www.chemnitz.de/chemnitz/de/unsere-stadt/stadtentwicklung/staedtebaufoerderung/entwicklung.html

[15] Bräunlich, E. (2007). Freie Presse Stadtführer Chemnitz(5. Aufl.). [Chemnitz]: Chemnitzer Verl.

[16] Grudzinski, L. (o. D.) Das Festival. Begehungen 2020. https://begehungen-chemnitz.de/de/#section-6 & Günther, G. (o.D.). Rückblick. Baumwollbaum. https://baumwollbaum.de

[17] Universitätsquartier Brühl. (o. D.) Chemnitz – Stadt der Moderne. https://www.chemnitz.de/chemnitz/de/unsere-stadt/stadtentwicklung/stadtteilplanung/bruehl/index.html

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