Rohwedder – Eine True-Crime Doku, die eigentlich keine ist

True-Crime Dokumentationen sind derzeit auf Netflix sehr beliebt und so ist es kaum verwunderlich, dass sich auch deutsche Produktionen über kurz oder lang des Genres bedienen würden. In der vierteiligen Dokureihe „Rohwedder“ wird grundlegend die (Spoilerwarnung: bis heute ungeklärte) Ermordung des ehemaligen Präsidenten der Treuhandgesellschaft, Detlef Karsten Rohwedder, thematisiert. Die Frage nach der Täterschaft ist keine neue. Der Mord wurde in unzähligen anderen Medien bereits zur Genüge behandelt, interessant an der konkreten Doku ist hingegen die Verknüpfung mit dem zeitpolitischen Hintergrund. Chronologisch wird die Zeit bis zum Mord aufgearbeitet, nach Motiven für die Tat gesucht und dabei auf drei verschiedene Theorien zur Täterschaft eingegangen. Dadurch wird die gesamte Thematik soweit ausgeweitet, dass der Fokus nicht nur auf die konkreten Ermittlungen im Mordfall gelenkt wird, sondern sich vorallem auch mit dem Mauerfall, der Wiedervereinigung und den wirtschaftlichen Konsequenzen für die neuen Bundesländer auseinandersetzt. Hier wird offenbar: Rohwedder ist nur der Anlass der Doku, das eigentliche Thema sind die direkten Folgen des Mauerfalls, ein Versuch, Gründe für die auch heute noch vorhandene, tiefe Zerrissenheit zwischen Ost und West aufzuzeigen, die immer wieder im Kontext zur Treuhandgesellschaft betrachtet werden. So schlagen die Produzenten der Doku,Jan Peter, Georg Tschurtschenthaler und Christian Beetz, geschickt den Bogen vom Mord an einer äußerst umstrittenen Persönlichkeit zum Wandel der Gefühle, der sich in Ostdeutschland besonders in den Jahren nach 1989 vollzogen hat, in denen die Demonstrationen gegen die SED-Diktatur einen fließenden Übergang zu Montagsdemos gegen Stellenabbau und Arbeitslosigkeit vollzogen. Die positive Einstellung der gezeigten westdeutschen Unternehmer, die in der ehemaligen DDR auf Unternehmensshoppingtour gingen, steht im Kontrast zu interviewten Persönlichkeiten wie Christian Lorenz, dem Schlagzeuger der Band „Rammstein“, der auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch davon spricht, wie geschockt er davon war, mit einem Landvereint zu werden, in dem er nicht leben wolle. Wer sich tiefgreifend mit dem Fall Rohwedder beschäftigt hat und sich von der Dokumentation neue Enthüllungen und ein völliges Umkrempeln der Ermittlungsergebnisse erhofft, wird vermutlich enttäuscht werden. Gleiches gilt für jene, die hoffen, eine Achterbahnfahrt von Theorien und Erkenntnissen in einem Mordfall rund um eine bedeutende, historische Persönlichkeit zu erleben. Wer allerdings die tiefe gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost und West, die auch heute noch besteht, ein wenig besser nachvollziehen möchte, nach Erklärungen für die Politikverdrossenheit und fehlendes Vertrauen in die demokratische Grundordnung sucht und dabei bereit ist, sich der ein oder anderen unbequemen Wahrheit zu stellen, dem sei die ca. 3-stündige Dokureihe sehr ans Herz gelegt.

Autor: Robert Freund
Bild: Tim Rakutt „Apparat der Treue“

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